Psychische Risiken im Job: 45 Prozent der EU-Beschäftigten gefährdet
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 15:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deAm 13. Oktober 2026 startete die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) in Brüssel die EU-weite Kampagne „Healthy Workplaces 2026-2028: Together for mental health at work“. Die Initiative fordert einen offenen und präventiven Umgang mit psychischen Erkrankungen im Erwerbsleben.
An der Auftaktveranstaltung nahmen unter anderem Roxana Mînzatu von der Europäischen Kommission, Li Anderson aus dem Europäischen Parlament, EU-OSHA-Direktor William Cockburn Salazar sowie die Sozialpartnervertreter Ester Lynch (ETUC) und Maxim Cerruti (BusinessEurope) teil.
Das Vorhaben konzentriert sich auf fünf thematische Schwerpunkte: die Bewertung psychosozialer Risiken, Schutzmaßnahmen gegen Mobbing, Belästigung und Gewalt, die Berücksichtigung physischer Risikofaktoren, spezifische Gefährdungen im Gesundheits- und Sozialwesen sowie die allgemeine Förderung seelischer Gesundheit in Betrieben.
Hohe Belastungswerte und Defizite in der betrieblichen Prävention
Die Dringlichkeit der Maßnahme unterstreichen Daten der EU-OSHA, wonach 45 Prozent der Beschäftigten in der Europäischen Union als psychisch gefährdet gelten. Rund 29 Prozent leiden demnach unter arbeitsbedingtem Stress, Angstzuständen oder Depressionen.
Die Ergebnisse der EU-OSHA-Pulse-Umfrage aus dem Jahr 2025 verdeutlichen zudem eine Zunahme dieser Belastung um zwei Prozentpunkte gegenüber 2022. Als dominierende Ursachen stuften 44 Prozent der Befragten lange Arbeitszeiten und anhaltenden Ergebnisdruck ein; 37 Prozent gaben an, unter allgemeiner Erschöpfung zu leiden.
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Gleichzeitig belegt die europäische Unternehmenserhebung ESENER 2024 deutliche Lücken in der praktischen Umsetzung von Gegenmaßnahmen. Zwar betrachten 56 Prozent der Organisationen in der EU den Umgang mit schwierigen Kunden, Patienten oder Schülern als Risiko, doch 25 Prozent erkennen psychosoziale Gefährdungen nach wie vor nicht an.
Lediglich 39 Prozent der europäischen Unternehmen gehen strukturiert gegen arbeitsbedingten Stress vor. Die betriebliche Mitbestimmung bei Schutzmaßnahmen ging zwischen 2019 und 2024 von 61 Prozent auf 55 Prozent zurück, während 21 Prozent der betroffenen Arbeitsplätze die Bewältigung dieser Risikofaktoren als zunehmend schwierig beschreiben.
Gesetzgebungsinitiativen und makroökonomische Kosten
Der Handlungsdruck veranlasste auch das Europäische Parlament zum Handeln. Am 6. Oktober 2026 stimmten die EU-Abgeordneten für einen Bericht zu psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz, der verbindliche EU-Rechtsvorschriften fordert.
Der Entwurf sieht regelmäßige Gefährdungsbeurteilungen, verbindliche Präventionspläne, eine stärkere Beschäftigtenkonsultation und die Anerkennung arbeitsbedingter psychischer Belastungen als Berufskrankheiten vor.
Zudem sollen Vorabbewertungen bei Umstrukturierungen, Telearbeit und automatisierten Überwachungssystemen verpflichtend werden. Der Europäischen Kommission verbleibt nach dem Parlamentsbeschluss eine Frist von drei Monaten für eine offizielle Antwort.
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Die Dringlichkeit wird durch Berechnungen der OECD gestützt. Den Modellrechnungen zufolge könnten Depressionen, Angststörungen und Alkoholmissbrauch zwischen 2025 und 2050 die Lebenserwartung um zweieinhalb Jahre verkürzen sowie jährlich 28.000 vorzeitige Todesfälle verursachen.
Den wirtschaftlichen Schaden durch den Produktivitätsverlust beziffert die Organisation auf jährlich rund 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was 313 Milliarden Euro entspricht.
Entwicklung im deutschsprachigen Raum
Auch im DACH-Raum verzeichnen Erhebungen anhaltend hohe Werte. Laut dem AXA Mental Health Report 2025 bezeichneten sich in Deutschland 32 Prozent der Erwerbstätigen als psychisch beeinträchtigt, während 37 Prozent über chronische Schlafstörungen klagten.
In Österreich gaben in der Mavie-Stress-Studie 2025 rund 70 Prozent der Mitarbeitenden an, sich regelmäßig überfordert zu fühlen; jede zweite Person schätzte die eigene mentale Verfassung als schlecht ein. Laut Statistik Austria sind rund 60 Prozent der dortigen Angestellten einem arbeitsbedingten psychischen Risiko ausgesetzt.
Demgegenüber steht ein wachsendes Problembewusstsein im Management: Laut dem Benefits Trends Survey 2025 von Willis Towers Watson ordnen 45 Prozent der Unternehmen im DACH-Raum der psychischen Gesundheit inzwischen eine Toppriorität zu.
Im Rahmen der europäischen Initiative folgt vom 19. bis 24. Oktober 2026 die Europäische Woche für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Partnerorganisationen können Anträge zur Teilnahme an der Kampagne noch bis zum 15. Januar 2027 einreichen.
