Psychotherapie-Krise, Honorarkürzung

Psychotherapie-Krise: 4,5% Honorarkürzung trifft Millionen Patienten

02.06.2026 - 02:30:54 | boerse-global.de

Der Deutsche Psychotherapie Kongress startet unter Druck: Honorarkürzungen, lange Wartezeiten und ungeklärte Weiterbildungsfinanzierung belasten die Branche.

Psychotherapie-Krise: 4,5% Honorarkürzung trifft Millionen Patienten - Bild: über boerse-global.de
Psychotherapie-Krise: 4,5% Honorarkürzung trifft Millionen Patienten - Bild: über boerse-global.de

Der 5. Deutsche Psychotherapie Kongress (DPK) startet im Juni 2026 in Berlin – unter keinem guten Stern. Denn die Branche steht gleich mehrfach unter Druck: sinkende Honorare, überlastete Praxen und eine ungeklärte Finanzierung des Nachwuchses. Der Kongress trägt den Titel „Psychische Gesundheit im Epochenbruch: Versorgung sichern statt kürzen“.

Streit um Honorare: 4,5 Prozent weniger für Kernleistungen

Seit dem 1. April 2026 gilt eine Absenkung der Vergütung für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent. Das hat der Bewertungsausschuss (EBA) beschlossen. Betroffen sind zentrale Leistungen wie Erstgespräche, Kriseninterventionen und reguläre Therapieplätze.

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Im Gegenzug wurden die sogenannten Strukturzuschläge zum Jahresbeginn um 14,5 Prozent angehoben. Doch nicht alle Praxen profitieren gleichermaßen davon. Der GKV-Spitzenverband rechnet für 2026 mit einer rechnerischen Gesamtabsenkung von etwa 2,3 Prozent. Niedergelassene Therapeuten warnen dagegen vor existenziellen Risiken. In Fachkreisen ist die Befürchtung groß: Bis zu einem Viertel der Therapieplätze könnte wegfallen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat bereits einen Eilantrag auf Aussetzung gestellt und rechtliche Schritte eingeleitet.

Wartezeiten von bis zu einem Jahr – und der demografische Kollaps droht

Der wirtschaftliche Druck trifft auf ein System, das bereits am Limit arbeitet. Patienten warten im Schnitt fünf bis sechs Monate auf einen Therapieplatz. In vielen Regionen dauert es sogar bis zu einem Jahr. Fachleute warnen: Unbehandelte psychische Erkrankungen verursachen immense Folgekosten für das Sozialsystem.

Hinzu kommt ein demografisches Problem. In den nächsten vier Jahren geht schätzungsweise ein Drittel der praktizierenden Psychotherapeuten in Rente. Der Nachwuchs hat es schwer: Von rund 1.000 Absolventen bekommen statistisch gesehen nur etwa 100 eine direkte Anstellung oder einen Kassensitz. Nordrhein-Westfalen hat reagiert und 45 zusätzliche Sitze in strukturschwachen Regionen geschaffen – ein Tropfen auf den heißen Stein.

Weiterbildung: Die große Finanzierungslücke

Ein weiteres ungelöstes Problem ist die Finanzierung der Weiterbildung. Seit der Reform des Psychotherapeutengesetzes 2020 fehlt ein rechtlich gesicherter Rahmen für die praktischen Phasen nach dem Studium. Berufsverbände wie die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) fordern nachhaltige Konzepte. Ihre Botschaft: Eine Schwächung der psychotherapeutischen Strukturen ist angesichts wachsender gesellschaftlicher Belastungen das falsche Signal.

Die Forderungen richten sich an das Bundesministerium für Gesundheit: Die Weiterbildung muss gesetzlich abgesichert werden, weitere Kürzungen im ambulanten Sektor sind tabu.

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Proteste und politischer Druck wachsen

Ende Mai 2026 gab es bereits regionale Protestkundgebungen – unter anderem in Göttingen und Soest. Therapeuten und Verbände machen darauf aufmerksam, dass besonders Frauen betroffen sind. Sie machen rund 78 Prozent der Berufsgruppe aus.

Parallel zu den berufspolitischen Forderungen wird im politischen Raum mehr investiert in Prävention, schulpsychologische Angebote und Krisendienste gefordert. Für den 8. Juni 2026 ist eine demonstration vor dem Petitionsausschuss des Bundestages geplant. Die Diskussionen auf dem Berliner Kongress werden richtungsweisend sein – auch Vertreter des Gesundheitsministeriums nehmen teil. Die Frage ist: Lässt sich die psychotherapeutische Versorgung zwischen Sparzwängen und steigendem Bedarf noch sichern?

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