PTSS bei Polizeikräften: Eigene Hunde verbessern die Arbeitsgedächtnisleistung
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 13:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Kognitive Beeinträchtigungen wie Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen gehören zu den hartnäckigsten Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSS) – und bleiben nach gängigen Behandlungen wie EMDR oder kognitiver Verhaltenstherapie häufig bestehen, wie die Radboud Universität berichtet.
Eine Promotionsforschung von Witjes-Roelofs und Kollegen, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Anthrozoos (Band 39, Ausgabe 3, Seiten 439–455), liefert nun einen bemerkenswerten Befund: Bei Polizeikräften mit PTSS verbesserte sich die Leistung bei einer Arbeitsgedächtnisaufgabe deutlich, wenn ihr eigener Hund im Raum anwesend war. Bei Menschen ohne PTSS zeigte sich der gegenteilige Effekt – ihre Leistung fiel mit Hund schlechter aus als ohne.
Ein differenzierter Befund statt pauschaler Wirkung
Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen deutet laut der Radboud Universität darauf hin, dass die Anwesenheit eines Tieres nicht grundsätzlich kognitionsfördernd wirkt, sondern spezifisch bei traumabelasteten Personen ansetzt.
Für Betroffene mit PTSS könnte der Hund demnach eine beruhigende, stressreduzierende Funktion erfüllen, die kognitive Ressourcen freisetzt, welche sonst durch Übererregung oder Hypervigilanz gebunden sind. Bei Menschen ohne diese Vorbelastung scheint der Hund hingegen eher eine Ablenkung darzustellen, die die Konzentration auf eine Gedächtnisaufgabe beeinträchtigt.
Diese Unterscheidung ist praktisch relevant, weil sie nahelegt, dass tiergestützte Interventionen zielgruppenspezifisch gedacht werden müssen. Ein pauschales „Hunde helfen beim Denken“ lässt sich aus den Daten nicht ableiten – wohl aber ein spezifischer Nutzen für Menschen mit trauma-bedingten kognitiven Einschränkungen.
Assistenzhunde bereits im Polizeidienst etabliert
Die Ergebnisse fügen sich in eine bestehende Praxis ein: Bei der Polizei sind laut Radboud Universität bereits 166 Assistenzhunde im Dienst. Ergänzend wurde ein Training für Polizeikräfte mit PTSS und ihre Begleithunde in das bestehende Hilfspaket aufgenommen.
Kognitive Defizite wie Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen bleiben nach EMDR oder kognitiver Verhaltenstherapie oft bestehen — die Radboud-Forschung zeigt nun, dass die Anwesenheit des eigenen Hundes bei Polizeikräften mit PTSS die Arbeitsgedächtnisleistung verbessert, während sie bei Menschen ohne PTSS sogar sinkt. Kostenlosen Praxis-Leitfaden für Assistenzhunde bei PTSS anfordern
Die neuen Forschungsergebnisse liefern damit eine wissenschaftliche Grundlage fĂĽr eine Praxis, die in der Polizeiarbeit bereits Anwendung findet, ohne dass ihre kognitiven Wirkmechanismen bislang im Detail belegt waren.
Die Promotion soll am 1. Oktober 2026 verteidigt werden. Bis dahin bleibt der Befund ein wichtiger, aber einzelner Baustein in der wachsenden Forschung zu tiergestützten Interventionen bei Traumafolgestörungen.
Einordnung: Warum der Kontext des Hundes entscheidend sein könnte
Der zentrale Wert der Studie liegt in der Differenzierung nach Diagnosegruppe. Frühere Annahmen zur beruhigenden Wirkung von Tieren in stressigen oder kognitiv fordernden Situationen wurden häufig verallgemeinert.
Die Radboud-Forschung zeigt, dass die Wirkung eines Hundes auf die Denkleistung offenbar vom psychischen Ausgangszustand der Person abhängt: Für jemanden, dessen Nervensystem durch ein Trauma chronisch überaktiviert ist, kann die Anwesenheit eines vertrauten Tieres eine Art Regulierungsfunktion übernehmen, die bei nicht-traumatisierten Personen schlicht nicht benötigt wird – und dort sogar als Störfaktor wirkt.
Bei der Polizei sind bereits 166 Assistenzhunde im Dienst — doch bislang fehlte die wissenschaftliche Grundlage für ihren kognitiven Nutzen. Der neue Befund legt nahe, den Einsatz gezielt auf Einsatzkräfte mit diagnostizierter PTSS-Symptomatik auszurichten, statt ihn als allgemeines Wohlfühl-Instrument zu behandeln. Checkliste für den zielgruppenspezifischen Einsatz jetzt sichern
FĂĽr die Praxis in Polizeidiensten und vergleichbaren Berufsfeldern mit hoher Traumaexposition bedeutet dies, dass der Einsatz von Assistenzhunden gezielt auf Personen mit diagnostizierter PTSS-Symptomatik ausgerichtet werden sollte, statt als allgemeines WohlfĂĽhl-Instrument fĂĽr alle Mitarbeitenden verstanden zu werden.
Die anhaltenden kognitiven Defizite nach Standardtherapien wie EMDR oder Verhaltenstherapie unterstreichen zudem, dass ergänzende, nicht-klassische Ansätze wie tiergestützte Interventionen eine sinnvolle Lücke in bestehenden Behandlungskonzepten schließen könnten. Die anstehende Verteidigung der Promotion dürfte weitere Details zu den zugrunde liegenden Mechanismen liefern.
