Quiet Cracking: Jeder dritte Erwerbstätige leidet unter stiller Überlastung
Veröffentlicht am: 03.09.2026 um 01:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Verherrlichung ständiger Erreichbarkeit und übermäßiger Leistungsbereitschaft, oft als „Hustle Culture“ bezeichnet, rückt zunehmend in den Fokus arbeitspsychologischer Analysen. Aktuelle Daten weisen darauf hin, dass insbesondere soziale Medien zur Verbreitung dieser Arbeitsmentalität beitragen und signifikante Auswirkungen auf die mentale Verfassung von Erwerbstätigen sowie Nachwuchskräften haben.
Wachsender Druck auf die jüngere Generation
Ein Bericht der Plattform Resume.io zeigt, dass mehr als zwei von eines US-Arbeitnehmern soziale Medien als Treiber einer gesundheitsschädlichen Hustle Culture betrachten. Besonders betroffen sind jüngere Altersgruppen: Laut der Erhebung bewerten 49 Prozent der Millennials und 47 Prozent der Angehörigen der Generation Z entsprechende Inhalte als schädlich für das eigene Wohlbefinden.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Situation von Auszubildenden in Deutschland wider. Eine gemeinsame Befragung der Bertelsmann Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter 929 Auszubildenden ergab, dass sich 20 Prozent der Teilnehmenden emotional belastet fühlen.
Jeder siebte Befragte berichtete von einem schlechten Wohlbefinden. Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich: 74 Prozent derjenigen mit stark eingeschränktem Wohlbefinden ziehen einen Abbruch der Ausbildung in Erwägung.
Unternehmen geben an, dass ein solcher Abbruch Kosten von etwa 20.000 Euro verursacht; 62 Prozent der Betriebe sehen dadurch ihre Produktivität beeinträchtigt. Ergänzend dazu stellt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fest, dass mittlerweile jeder zweite Auszubildende psychisch belastet sei.
Stille Überlastung und Präsentismus im Berufsalltag
Die psychische Belastung betrifft jedoch nicht nur den Berufsnachwuchs. Die Studie „Arbeiten 2025“ der Pronova BKK macht deutlich, dass fast jede dritte erwerbstätige Person in Deutschland bereits Erfahrungen mit dem sogenannten „Quiet Cracking“ gemacht hat, einer Form der stillen Überlastung.
Eine Auswertung von 1,2 Millionen Bewertungen auf dem Arbeitgeber-Portal kununu stützt dieses Bild: Über ein Fünftel der Nutzer bewertet die eigene Work-Life-Balance als schlecht, wobei über 6.660 negative Nennungen explizit die hohe Arbeitsbelastung thematisieren.
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Ein weiteres Symptom des Leistungsdrucks ist der zunehmende Präsentismus. Eine Umfrage von Indeed und Appinio unter 1.000 Berufstätigen, die Ende 2025 durchgeführt wurde, zeigt, dass 49,6 Prozent der Befragten häufiger arbeiten, obwohl sie krank sind.
In der Generation Z liegt dieser Wert sogar bei 63 Prozent. Als Gründe für dieses Verhalten nannten 31,2 Prozent eine zu hohe Arbeitslast und 34,8 Prozent die Loyalität gegenüber dem Team. Zudem gaben 20,8 Prozent der Befragten an, aus Angst vor einer Entlassung trotz Krankheit zur Arbeit zu erscheinen.
Strukturelle Rahmenbedingungen und globale Entwicklungen
Während die individuelle Belastung steigt, stehen auch die Führungsebenen unter Druck. Daten von Gallup belegen, dass das Engagement von Führungskräften weltweit von 27 Prozent auf 22 Prozent gesunken ist.
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Laut Analysen von Hogan Assessments trägt dabei insbesondere das mittlere Management die Hauptlast der Führungsverantwortung. Auf Seiten der Angestellten werden derweil Kommunikation (98 Prozent) sowie Vertrauen und Integrität (96 Prozent) als zentrale Faktoren für gute Führung genannt.
Gleichzeitig werden auf politischer Ebene Weichenstellungen diskutiert, die Auswirkungen auf die Arbeitszeiten haben könnten. Ein Referatsleiter der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) verwies darauf, dass Pläne der Bundesregierung, die tägliche durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen, Arbeitstage von bis zu 13 Stunden ermöglichen könnten. Er warnte dabei vor einem erhöhten Unfallrisiko, das nach zwölf Arbeitsstunden doppelt so hoch sei wie nach acht Stunden.
International zeigen sich ähnliche Tendenzen zur Flexibilisierung: Die japanische Regierung lockerte die verbindliche monatliche Überstundengrenze von 45 Stunden, was auf Kritik des Gewerkschaftsbundes Zenroren stieß. In Japan haben bereits 40 Prozent der Unternehmen Tarifgrenzen von bis zu 100 Überstunden implementiert.
Die Rolle digitaler Plattformen bei Jugendlichen
Der Einfluss sozialer Medien auf die psychische Gesundheit beginnt bereits vor dem Eintritt in das Berufsleben. Eine Studie der Techniker Krankenkasse (TK) unter Jugendlichen in Berlin und Brandenburg zeigt eine intensive Nutzung: 27 Prozent der 12- bis 17-Jährigen verbringen zwei bis drei Stunden täglich auf sozialen Plattformen, 12 Prozent sogar mehr als vier Stunden. Dabei gaben 38 Prozent an, durch Mobbing oder das Gefühl, zu viel Zeit online zu verbringen, gestresst zu sein. 54 Prozent fühlen sich durch Falschnachrichten belastet.
Eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter fast 280.000 Jugendlichen in 44 Ländern bestätigt diesen Trend. Der Anteil der Jugendlichen mit problematischem Social-Media-Verhalten stieg von 7 Prozent im Jahr 2018 auf aktuell 11 Prozent.
Die JIMplus-Studie 2026 verdeutlicht zudem, dass Jugendliche vermehrt über Konzentrationsprobleme und einen hohen Vergleichsdruck klagen, der durch die Nutzung digitaler Netzwerke entsteht. Vor diesem Hintergrund sprachen sich in der TK-Studie 56 Prozent der Jugendlichen für Altersgrenzen oder Verbote aus, um Kinder vor den negativen Einflüssen zu schützen.
