Niedersachsen, Schleswig-Holstein

Studie: Viele junge Seehunde im Wattenmeer

15.11.2025 - 04:00:07

RĂ€tselhafter Trend: Eine Expertengruppe fĂŒr MeeressĂ€uger aus DĂ€nemark, Deutschland und den Niederlanden beobachtet viele Jungtiere - trotz gleichzeitigem RĂŒckgang des Seehundbestands im Wattenmeer.

Die Zahl der Seehunde im Wattenmeer und auf Helgoland nimmt langfristig ab, gleichzeitig wurde eine außergewöhnlich hohe Zahl an Jungtieren beobachtet. Zu diesem Ergebnis kommt eine trilaterale Expertengruppe fĂŒr MeeressĂ€uger in ihrem Bericht «ZĂ€hlungen der Seehunde im Wattenmeer 2025». Beteiligt an dem Projekt waren Forscherinnen und Forscher sowie Verwaltungsmitarbeiter aus DĂ€nemark, Deutschland und den Niederlanden. 

Sterben mehr Jungtiere?

Insgesamt sei die Zahl der Seehunde in den vergangenen zehn Jahren zurĂŒckgegangen - gleichzeitig nimmt der Anteil der Jungtiere am Gesamtbestand weiter zu, heißt es im Bericht. «Die Zahlen könnten auf einen höheren Anteil tragender Weibchen am Gesamtbestand bei gleichzeitig höherer Jungtiersterblichkeit hindeuten. Dies wĂŒrde bedeuten, dass insgesamt weniger Jungtiere das Erwachsenenalter erreichen», sagt Anders Galatius, Hauptautor des Berichts und leitender Forscher am Institut fĂŒr Ecoscience der UniversitĂ€t Aarhus, laut Mitteilung.

Eine andere oder zusĂ€tzliche ErklĂ€rung könnte sein, dass sich wĂ€hrend der ZĂ€hlungen im Zeitraum des Fellwechsels weniger Tiere auf den SandbĂ€nken aufhalten. Beide Annahmen seien jedoch vorlĂ€ufig – weitere Forschung sei nötig, um die Ursachen dieses PhĂ€nomens zu verstehen

Touristen stören Jungtiere und MĂŒtter

WĂ€hrend der Sommermonate Juni bis September - in die Geburt und Jungenaufzucht fallen - brauchen Seehunde Ruhe, erlĂ€utert die Seehundstation Norddeich (Kreis Aurich). «WĂ€hrend dieser Monate befinden sich jedoch im Wattenmeer zahlreiche Touristen, die durch AktivitĂ€ten wie unbedachte Wattwanderungen, Wassersport oder falsches Verhalten die Seehunde nachhaltig stören.» Einige Experten halten Störungen durch Menschen fĂŒr die hĂ€ufigste Ursache fĂŒr die Trennung von Muttertier und Welpen, schreibt die Station auf ihrer Homepage. 

Diese Störungen können fĂŒr junge Seehunde demnach fatale Folgen haben. Werden die SeehundmĂŒtter zum Beispiel beim SĂ€ugen unterbrochen, kann es bei den Welpen zu Untergewicht bis hin zum Tode durch Nahrungsmangel oder Erfrieren kommen. MĂŒssen die Tiere flĂŒchten, weil sich Touristen zu nah an einer Schutzzone aufhalten, verbrauchen sie Energie, die ihnen gleichzeitig durch mangelndes SĂ€ugen fehlt. 

Zudem können bei Jungtieren, deren Nabel noch offen ist, durch die Reibung auf Sand wĂ€hrend des Robbens großflĂ€chige Wunden, NabeldurchbrĂŒche oder sogar tödliche BauchfellentzĂŒndungen entstehen.

Regionale Unterschiede bei den Zahlen 

Die Gesamtzahl von 23.954 Seehunden, die im August 2025 in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, den Niederlanden und in DĂ€nemark gezĂ€hlt wurden, entspricht einem leichten Anstieg von einem Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr. «Wie bereits bei den ZĂ€hlungen von 2022 bis 2024 liegt diese Zahl jedoch weiterhin unter allen Erhebungen der Jahre 2012 bis 2021», heißt es im Forschungsbericht. Dies könnte auf eine Stabilisierung des Bestands auf niedrigerem Niveau hindeuten. 

Die regionalen Entwicklungen fallen unterschiedlich aus: In DĂ€nemark und in Schleswig-Holstein gingen die Zahlen zurĂŒck. In Niedersachsen, Hamburg, auf Helgoland und in den Niederlanden war die Zahl laut ZĂ€hlung gestiegen.

Nach vergleichsweise niedrigen Jungtierzahlen in den Jahren 2022 bis 2024 verzeichneten die Erhebungen von 2025 die zweithöchste absolute Zahl von Jungtieren seit Beginn der grenzĂŒbergreifenden ZĂ€hlungen. Insgesamt wurden 10.044 Jungtiere gezĂ€hlt – ein Plus von 22 Prozent gegenĂŒber 2024. Auch hier gibt es, wie bei den Jungtieren, regionale Unterschiede. 

Seehunde sind geschĂŒtzte Art

Im Rahmen des Monitorings der trilateralen Wattenmeer-Zusammenarbeit koordiniert die Expertengruppe fĂŒr MeeressĂ€ugetiere die ZĂ€hlungen und fĂŒhrt die Daten aus der gesamten Wattenmeerregion zusammen. Seehunde sind durch ein Abkommen zur Erhaltung der Seehunde im Wattenmeer unter der Schirmherrschaft des UN-Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (CMS) trilateral geschĂŒtzt.

@ dpa.de