Reformpaket, Punkte

Reformpaket 34 Punkte: Merz lockert Arbeitsmarkt und senkt Steuern

03.07.2026 - 01:00:58 | boerse-global.de

Hohe Lohnstückkosten und schwache Produktivität belasten die Industrie. Ein 34-Punkte-Reformpaket soll die Trendwende einleiten.

Deutsche Industrie: Reformpaket gegen Lohnkosten und Produktivitätskrise
Reformpaket - Ein Diagramm zeigt steigende Lohnkosten und sinkende Produktivität, mit unscharfem Hintergrund einer deutschen Industrieanlage. 03.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Während die Lohnkosten im internationalen Vergleich weiter steigen, bleibt das Produktivitätswachstum deutlich hinter den Erwartungen zurück. Dieser Kontrast belastet zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Die Lohnkosten-Lücke wird größer

Ein zentrales Problem: die Entwicklung der Lohnstückkosten. Bereits 2024 lagen sie in der deutschen Industrie um 22 Prozent über dem Durchschnitt von 27 wichtigen Vergleichsländern. Die Arbeitskosten betrugen 2025 rund 45 Euro pro Stunde – weit über dem EU-Schnitt von 34,90 Euro.

Gleichzeitig schrumpft die Produktion. In der Metall- und Elektroindustrie fiel sie von 2018 bis 2024 jährlich um durchschnittlich 2,3 Prozent. Die Beschäftigung sank im selben Zeitraum nur um 0,3 Prozent. Diese Schere treibt den Kostendruck massiv in die Höhe, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einem Strukturbericht feststellte.

Trotz der schwachen Konjunktur stiegen die Reallöhne im ersten Quartal 2026 um 1,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Investitionsschwäche bremst Produktivität

Ein weiteres Hindernis: die ausgeprägte Investitionsschwäche. Laut einer McKinsey-Studie lagen die deutschen Nettoinvestitionen 2024 bei gerade einmal 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit belegte Deutschland den letzten Platz unter 34 untersuchten Ländern. Zum Vergleich: China investierte 23 Prozent, die USA 4 Prozent.

Die wenigen Produktivitätsgewinne konzentrieren sich zudem auf eine winzige Gruppe von Unternehmen. Analysen für den Zeitraum 2019 bis 2023 zeigen: Nur 29 von rund 16.200 Firmen waren für fast die Hälfte des gesamten Produktivitätswachstums verantwortlich.

Auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz bringt bisher nicht den erhofften Durchbruch. Laut einer aktuellen Workday-Studie sehen zwar 74 Prozent der Beschäftigten KI als nützliches Werkzeug an. Aber nur 51 Prozent berichten tatsächlich von einer Produktivitätssteigerung.

Konzerne reagieren mit Stellenabbau und Sparkursen

Der Druck auf die Industrie zeigt sich in drastischen Maßnahmen. Volkswagen plant den Abbau von bis zu 100.000 Stellen, mehrere Standorte gelten als gefährdet. Bei Mercedes-Benz wurde ein verschärfter Sparkurs eingeleitet – der Gewinn sank 2025 auf 5,3 Milliarden Euro, eine Halbierung gegenüber dem Vorjahr. Die Auszahlung eines Transformationsbausteins für rund 90.000 Beschäftigte wurde von Juli 2026 auf 2027 verschoben.

In den Führungsetagen mehren sich die Forderungen nach einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Die Begründung: Nur so lasse sich die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Standorten mit niedrigeren Kostenstrukturen zurückgewinnen.

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Ein weiterer Kostentreiber: die Energiepreise. Mit 25 Cent pro Kilowattstunde für Industriestrom lag Deutschland 2024 weit über den USA, wo nur 7 Cent fällig wurden.

Politik reagiert mit Reformpaket

Die Bundesregierung unter Kanzler Merz zog Anfang Juli 2026 die Notbremse. Ein 34 Punkte umfassendes Reformpaket soll die Stagnation beenden. Ziel ist es, das Trendwachstum von derzeit 0,4 auf 0,7 Prozent zu steigern.

Kernpunkte: ein massiver Bürokratieabbau, bei dem ein Viertel der Dokumentationspflichten gestrichen werden soll. Dazu kommen flexiblere Regeln am Arbeitsmarkt:

  • Die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen wurde von 24 auf 48 Monate verlängert und ist künftig sechsmal verlängerbar.
  • Die telefonische Krankschreibung ist abgeschafft – ein Attest ist ab dem ersten Tag nötig.
  • Hochverdiener ab 15.000 Euro Monatsgehalt können künftig leichter gekündigt werden.
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Ab Januar 2027 sind zudem Steuerentlastungen von jährlich 10 Milliarden Euro geplant, vor allem für Familien und Geringverdiener. Zur Gegenfinanzierung steigt der Spitzensteuersatz für Einkommen ab 280.000 Euro auf 47 Prozent.

Wirtschaftsverbände wie der DIHK loben den Bürokratieabbau als Durchbruch. Gewerkschaften kritisieren die Verschärfungen am Arbeitsmarkt als sozialpolitisch problematisch. Ob die Maßnahmen ausreichen, um die Kluft zwischen hohen Lohnkosten und schwacher Produktivität zu schließen, bleibt offen.

de | wissenschaft | 69677430 |