Rehaquote, Reha-Potential

Rehaquote: Nur 2% statt 10% nutzen Reha-Potential

Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 18:44 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Welttag der Patientensicherheit rückt chronische Leiden in den Mittelpunkt: Reformen, Reha-Angebote und Aufklärung sollen Versorgung verbessern.

Chronische Erkrankungen: Prävention und Versorgung im Fokus
Heller, moderner Innenraum eines Rehabilitationszentrums mit bodentiefen Fenstern und Blick auf eine Parkanlage. Illustration mit AI erstellt.

Chronische Erkrankungen gelten als eine der größten Herausforderungen für Gesundheitssysteme in Deutschland und Österreich. Regionale Zentren, Fachgesellschaften und Initiativen verstärken ihre Präventionsprogramme und Aufklärungsarbeit, um Betroffenen eine bessere Versorgung und langfristig mehr Selbstständigkeit zu ermöglichen.

Anlass fĂĽr eine breite Bestandsaufnahme war der Welttag der Patientensicherheit am 17. September 2026, der unter dem Motto "Sichere Versorgung chronisch erkrankter Menschen" stand.

AusmaĂź des Problems

Als chronisch gilt laut Definition eine Erkrankung, die länger als sechs Wochen andauert. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) verwies anlässlich des Welttags auf Zahlen des Robert Koch-Instituts, wonach rund 50 Prozent der Erwachsenen in Deutschland von chronischen Erkrankungen betroffen sind, bei Kindern und Jugendlichen liegt der Anteil bei etwa 16 Prozent. Das APS forderte in diesem Zusammenhang Disease-Management-Programm-Verträge für alle Krankheitsbilder, unter anderem für Adipositas.

Zudem kritisierte das APS laut einem Bericht vom 17. September 2026, dass bei der Krankenhausreform und bei sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen Vorgaben zur Abstimmung zwischen den Versorgungsebenen fehlten. Gefordert wurden klar definierte Versorgungspfade, Indikationskonferenzen, Audits und entsprechende Qualitätsindikatoren.

Strukturelle Reformen im Blick

Auf politischer Ebene mahnte BMG-Abteilungsleiter Schölkopf, Prävention zu stärken und Sektorengrenzen aufzubrechen. Ohne ein Pflege-Neuausrichtungsgesetz drohten der Pflegeversicherung bis 2028 Defizite von 15 Milliarden Euro pro Jahr, für 2027 wurde rechnerisch ein Defizit von 7,5 Milliarden Euro genannt.

Das Gesetz soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten, die Kabinettsbefassung war für Ende September 2026 vorgesehen. Schölkopf verwies zudem darauf, dass das Rehapotenzial bei mindestens 10 Prozent liege, die tatsächliche Rehaquote aber nur bei 2 Prozent – künftig soll die Beweislast bei der Bewilligung von Reha-Maßnahmen umgekehrt werden.

In Österreich stellte die Österreichische Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ÖGPMR) bei einer Pressekonferenz Anfang September 2026 heraus, dass eine frühzeitige, bedarfsgerechte physikalisch-medizinische Versorgung Ausfallzeiten verkürzen, Folgekosten reduzieren und die Selbstständigkeit von Patienten langfristig erhalten könne.

Thematisiert wurden dabei Versorgungslücken bei chronischem Schmerz, der steigende Bedarf durch alternde Bevölkerung und chronische Erkrankungen sowie längere Wartezeiten.

Praxisbeispiele aus Kliniken und Kommunen

Auf der operativen Ebene setzen einzelne Einrichtungen konkrete Maßnahmen um. Der Campus Bad Neustadt des RHÖN-KLINIKUMs stärkte anlässlich des Welttags der Patientensicherheit seine Sicherheitsinstrumente – darunter Patientenidentifikationsarmbänder, Standards zur Medikamentengabe, eine OP-Sicherheits-Checkliste, das Vier-Augen-Prinzip sowie Peer Reviews und Risikoaudits. Ziel sei es, Risiken frühzeitig zu erkennen und vermeidbare Schäden zu reduzieren.

Das Reha-Zentrum Oldenburg bietet mit RV Fit ein Präventionsprogramm der Deutschen Rentenversicherung für Berufstätige mit ersten gesundheitlichen Beschwerden an, das Bewegung, Ernährung und Stressbewältigung über mehrere Monate kombiniert. Nach Angaben des Zentrums werden dort rund 70 RV-Fit-Gruppen betreut; Kliniken für Kardiologie, Neurologie, Orthopädie/Traumatologie und Geriatrie sind unter einem Dach vereint.

In Österreich lud das ORF Landesstudio Oberösterreich zu einem Aktionstag Gesundheit mit rund 600 Besuchern, bei dem kostenlose Messungen von Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin, Vitamin D, Sauerstoffsättigung sowie Seh- und Hörtests angeboten wurden.

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Organisiert wurde die Veranstaltung von der Oberösterreichischen Apothekerkammer gemeinsam mit dem Land Oberösterreich, dem Ordensklinikum Linz, den Barmherzigen Brüdern Linz und dem Klinikum Wels-Grieskirchen.

Auch die Bayerische Demenzstrategie fand im September 2026 Ausdruck in der 7. Bayerischen Demenzwoche, die vom 18. bis 27. September 2026 statt fand und mit über 2.400 Anmeldungen einen Rekordwert erreichte. Nach Expertenschätzungen könnte die Zahl der Demenzerkrankten in Bayern bis 2040 auf rund 380.000 steigen.

Aufklärung zu spezifischen Krankheitsbildern

Neben strukturellen Maßnahmen setzen Unternehmen und Fachgesellschaften auf gezielte Aufklärung. Boehringer Ingelheim startete Anfang September 2026 die Bustour "LUNGE IM BLICK" zu interstitiellen Lungenerkrankungen, deren Auftakt beim Deutschen Rheumatologiekongress in Leipzig lag.

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Der Bus soll bis Ende 2027 weitere Standorte anfahren; die Erkrankung wird nach Angaben der Initiative oft erst in fortgeschrittenen Stadien erkannt, wobei bei rheumatischen Grunderkrankungen ein erhöhtes Risiko bestehe.

Die Med Uni Graz startete im September 2026 eine initiative zur Ausbildung von Medizinstudierenden im Umgang mit ME/CFS im Rahmen der Lehrveranstaltungsreihe "KPJ-Skills". Schätzungen zufolge sind in Österreich rund 50.000 Menschen von der Erkrankung betroffen, davon etwa 5.000 in der Steiermark. Die Versorgung gilt laut Fachleuten als unzureichend, die Zahl der Betroffenen sei seit der Corona-Pandemie stark gestiegen.

Novo Nordisk startete zudem eine internationale Video-Podcast-Serie mit dem Titel "The Moment You Realise" zum Thema Adipositas als chronische Erkrankung. In Deutschland sind nach Unternehmensangaben rund 17 Millionen Menschen von Adipositas betroffen; einer Civey-Umfrage im Auftrag von Novo zufolge fühlen sich 51,1 Prozent der Betroffenen über moderne Therapiemöglichkeiten schlecht informiert.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Schwerpunkt

Ein weiterer Schwerpunkt der Präventionsbemühungen liegt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Österreichische Kardiologische Gesellschaft stellte ihre "Neue Big Five" vor und wies darauf hin, dass in Österreich alle 15 Minuten ein Mensch an einer Herzerkrankung sterbe. 2024 waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen für 34,3 Prozent aller Todesfälle im Land verantwortlich.

Zu den fünf Empfehlungen der Gesellschaft zählen unter anderem eine Modernisierung der Vorsorgeuntersuchung – das Herz-Kreislauf-Modul wurde zuletzt 2005 überarbeitet –, eine nationale Awareness-Kampagne sowie ein digitales Tool namens "Mein Herzplan".

Der Deutsche Herzbericht Update 2026 verzeichnete unterdessen positive Entwicklungen: Die KHK-Sterberate sank pro 100.000 Einwohner von 127,3 auf 118,3, ein RĂĽckgang von ĂĽber 7 Prozent. Die Zahl der KHK-Toten sank von 119.795 im Jahr 2023 (davon 43.839 Herzinfarkte) auf 113.473 im Jahr 2024 (41.258 Herzinfarkte).

Allerdings starben nach einem Herzinfarkt 2024 weiterhin 14,4 Prozent der Frauen und 10,1 Prozent der Männer; insgesamt verzeichnete der Bericht über 1,65 Millionen herzbedingte Krankenhausaufenthalte im Jahr 2024.

Zum Weltherztag am 29. September 2026 will zudem die Initiative GoRed von Healthcare Frauen e.V. mit einem neuen Song auf geschlechtersensible Vorsorge aufmerksam machen. Die Initiative erreichte nach Angaben einer Kommunikationsberaterin im Jahr 2025 rund 40 Millionen Kontakte.

Der Gemeinsame Bundesausschuss schreibt inzwischen gendersensible Check-ups vor, und Bayern plant ein Pilotprojekt fĂĽr sogenannte W-Untersuchungen fĂĽr Frauen in den Wechseljahren, angelehnt an die bekannten U-Untersuchungen fĂĽr Kinder.

Datenlage in Ă–sterreich

Statistik Austria bezifferte die österreichischen Gesundheitsausgaben für 2024 auf 57.837 Millionen Euro, was 11,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht – seit 2021 zählt Österreich damit zu den EU-Top-3 bei den Gesundheitsausgaben.

Die gesunden Lebensjahre lagen laut Eurostat 2023 bei 60 Jahren, gegenüber einem EU-Schnitt von 63 Jahren. 2024 nahmen 1.409.861 Menschen an Gesundheitschecks teil, ein Plus von 6,9 Prozent gegenüber 2023 – dennoch nur rund 15 Prozent der Bevölkerung. Davon waren 649.722 Männer und 760.139 Frauen.

Die Vielzahl der Initiativen zeigt, dass Prävention und Rehabilitation zunehmend als zentrale Stellschrauben im Umgang mit chronischen Erkrankungen gelten – von der politischen Reformebene über klinische Sicherheitsstandards bis hin zu niedrigschwelligen Aufklärungsangeboten für Betroffene.

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