Rindfleischindustrie: 719 Archivkisten zeigen gezielte Klimakommunikation
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 04:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine wissenschaftliche Untersuchung beleuchtet die langjährige Kommunikationsstrategie der US-Rindfleischindustrie im Umgang mit der Klimakrise. Die Analyse von Jennifer Jacquet von der Universität Miami und Loredana Loy, die im Oktober 2026 im Fachjournal PLOS Climate erschien, stützt sich auf historische Bestände der Universität Wyoming.
Auf Basis von 719 Archivkisten aus den Jahren 1986 bis 1996 dokumentieren die Forscherinnen, wie die Branchenorganisation National Cattlemen's Association (NCA, heute NCBA) wissenschaftliche Erkenntnisse über Emissionen der Viehhaltung herabspielte und die öffentliche Debatte gezielt beeinflusste. Die Untersuchung wurde mit Start-up-Mitteln der Universität Miami finanziert.
Strategische Kommunikation statt Emissionsminderung
Erste wissenschaftliche Arbeiten zum Methanausstoß von Rindern erschienen bereits Mitte der 1980er Jahre. Den archivierten Dokumenten zufolge wusste die NCA spätestens 1989 um die zentrale Rolle der Viehwirtschaft bei der globalen Erwärmung.
Statt jedoch Maßnahmen zur Senkung der Methanemissionen einzuleiten, betrachtete der Verband die Thematik primär als PR-Herausforderung. Die Organisation reagierte der Untersuchung nach vor allem mit strategischer Kommunikation.
Dazu gehörte unter anderem die Beobachtung von Nichtregierungsorganisationen sowie der Einsatz sprachlicher Mittel, um Politik und Verbraucher zu steuern. Im Jahr 1991 forderte die NCA etwa die Einstellung eines Kinderbuchs aus der Reihe Teenage Mutant Ninja Turtles beim Verlag Random House, da das Buch Methanemissionen durch Rinder thematisierte.
Zudem ließ der Verband akademische Fürsprecher zu Wort kommen. So publizierte der Forscher F.M. Byers von der Texas A&M University in der Zeitung USA Today einen Beitrag, in dem er Rinder als unbedeutende Treibhausgasquelle darstellte.
Die Auswertung von 719 Archivkisten zeigt, wie die US-Rindfleischbranche wissenschaftliche Erkenntnisse über Methan über Jahre herunterspielte — und die öffentliche Debatte gezielt beeinflusste. Wer Klima-Aussagen künftig selbst einordnen will, findet in diesem kostenlosen Report die wichtigsten Fakten und Taktiken. Jetzt kostenlosen Report anfordern
Ohne empirische Faktenbasis behauptete Byers damals, US-Rinder verursachten weniger als 0,5 Prozent der weltweiten Sektor-Emissionen, während Reisfelder und Feuchtgebiete für über 40 Prozent verantwortlich seien.
Verharmloste Klimawirkung und hohe Lobbybudgets
Zu den verbreiteten Falschbehauptungen der NCA zählte auch die These, Methan besitze eine geringere Treibhausgasintensität als Kohlendioxid. Tatsächlich entfaltet Methan über kürzere Zeiträume eine mehr als 80-mal so starke Erwärmungswirkung wie CO2. Berechnungen von Jacquet verdeutlichen das verpasste Potenzial: Eine Halbierung des US-Fleischkonsums pro Kopf hätte Methan bis zu 80-mal wirksamer reduziert als sämtliche Methanmaßnahmen im Öl- und Gassektor über einen Zeitraum von 30 Jahren ab den frühen 1990er Jahren.
Zwischen 2008 und 2018 wandte die NCA Unterlagen zufolge insgesamt 3,4 Milliarden US-Dollar für politische Aktivitäten auf – obwohl zu dieser Zeit keine konkreten regulatorischen Vorstöße gegen die Branche vorlagen. Die Organisation lehnte eine Stellungnahme zu den Forschungsergebnissen ab.
Steigende Agräremissionen und globale Parallelen
Die weltweite Nutztierhaltung verursacht rund ein Drittel aller menschengemachten Methanemissionen und gilt in den USA als deren größte Einzelquelle. Daten der US-Umweltbehörde EPA belegen, dass die gesamten US-Methanemissionen zwischen 1990 und 2022 zwar um 19 Prozent sanken, dieser Rückgang jedoch ausschließlich auf Deponien und fossile Energieträger zurückging. In der Landwirtschaft stiegen die Emissionen im selben Zeitraum stark an.
Methan wirkt über kurze Zeiträume mehr als 80-mal stärker als CO2 — trotzdem galt es in der Branchenkommunikation lange als harmlos. Dieser kostenlose Report zeigt, wie Sie solche Verharmlosungen entlarven und was das für Ihren eigenen Fleischkonsum bedeutet. Checkliste klimafreundlicher Fleischkonsum sichern
Ähnliche Muster lassen sich auch international beobachten. Dr. John Kerr von der Universität Otago wies darauf hin, dass vergleichbare Taktiken teils auch von der neuseeländischen Agrarlobby angewandt wurden. Dort hatten Investigativjournalisten im Jahr 2025 eine PR-Kampagne der Fleischindustrie gegen Empfehlungen der sogenannten Planetary Health Diet aufgedeckt.
