Risikokompetenz: Warum Intuition unter Zeitdruck oft besser ist
Veröffentlicht am: 08.09.2026 um 01:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Im Rahmen der Fachkonferenz „Direct! by Post Advertising“ in Zürich steht am 10. September 2026 das Thema Risikokompetenz im Fokus. Der Psychologe Gerd Gigerenzer thematisiert dabei die Mechanismen der Entscheidungsfindung in komplexen Umgebungen. Im Kern der Analyse steht die Frage, wie Entscheider zwischen berechenbaren Risiken und fundamentaler Ungewissheit unterscheiden können und welche Rolle die Intuition dabei spielt.
Intuition als Werkzeug in Phasen der Ungewissheit
Gerd Gigerenzer differenziert in seinen Ausführungen deutlich zwischen Situationen mit kalkulierbaren Risiken und solchen, die durch Ungewissheit geprägt sind. Während in stabilen Systemen statistische Wahrscheinlichkeiten und Berechnungen verlässliche Ergebnisse liefern könnten, versagten diese Methoden oft in hochdynamischen oder unsicheren Szenarien.
Laut Gigerenzer gewinnt die Intuition insbesondere unter Zeitdruck an Bedeutung. Sie sei kein bloßes Raten, sondern ein unbewusstes Auswerten von Erfahrungen, das in Situationen der Ungewissheit oft präzisere Resultate liefere als langwierige Analysen.
Die Fähigkeit, Intuition gezielt einzusetzen, setze jedoch eine grundlegende Risikokompetenz voraus. Gigerenzer betont in seinen im September 2026 dargelegten Thesen, dass viele Fehlentscheidungen darauf zurückzuführen seien, dass Akteure versuchten, Ungewissheit mit den Werkzeugen der Risikokalkulation zu begegnen, was in komplexen Märkten und sozialen Systemen zwangsläufig zu Fehleinschätzungen führen müsse.
Statistische Genauigkeit und Kritik an medialen Zuspitzungen
Ein weiterer Schwerpunkt der Analyse betrifft die statistische Kompetenz in der öffentlichen Debatte. Gigerenzer mahnt eine präzisere Auseinandersetzung mit Daten an und kritisiert die zunehmende mediale Zuspitzung komplexer Sachverhalte. Als Beispiel führt er Äußerungen von Elon Musk bezüglich einer Statistik über Asylbewerber an.
Die betreffenden Daten bezogen sich auf eine Gruppe von 183 Migranten, die bereits vor 30 bis 50 Jahren in ein Land eingewandert waren. Laut der Statistik hatten 80 Prozent dieser Personen ihr Herkunftsland besucht.
Gigerenzer kritisiert, dass solche spezifischen Zahlen in der öffentlichen Diskussion oft ohne den notwendigen Kontext oder die zeitliche Einordnung verwendet würden, was zu einer verzerrten Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten führe. Eine mangelnde Differenzierung zwischen historischen Kohorten und aktuellen Entwicklungen untergrabe die allgemeine Risikokompetenz der Bevölkerung.
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Risiken der Künstlichen Intelligenz und gesellschaftliche Stagnation
In Bezug auf die technologische Entwicklung identifiziert Gigerenzer klare Gefahrenfelder im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Dabei nennt er insbesondere drei kritische Aspekte:
- Cyberkriminalität: Die zunehmende Automatisierung und Raffinesse digitaler Angriffe.
- Abhängigkeit: Eine wachsende Reliance auf algorithmische Entscheidungssysteme, die die individuelle Urteilskraft schwächen könnte.
- Arbeitsplatzverlust: Die sozioökonomischen Folgen der Substitution menschlicher Arbeit durch automatisierte Prozesse.
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Trotz des technologischen Fortschritts und der ständigen Verfügbarkeit von Informationen stellt Gigerenzer fest, dass sich die gesellschaftliche Risikokompetenz in den vergangenen Jahren nicht verbessert habe.
Die Fähigkeit, Wahrscheinlichkeiten korrekt einzuordnen und manipulative Darstellungen zu durchschauen, stagniere auf einem Niveau, das den Anforderungen einer modernen Informationsgesellschaft nicht vollumfänglich gerecht werde.
Die Vermittlung dieser Kompetenzen bleibe daher eine der zentralen Aufgaben für Bildung und Wirtschaft, um die Entscheidungsqualität in unsicheren Zeiten nachhaltig zu sichern.
