Rückenmarksverletzung: ARC-EX-System wächst 430% in H1 2026
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 13:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Rückenmarksverletzungen gelten seit Jahrzehnten als eine der größten Herausforderungen der Neuromedizin. Mehrere Unternehmen und Forschungsgruppen intensivieren derzeit ihre Anstrengungen, neue Therapieansätze zu entwickeln – von tragbaren Neurostimulatoren über genbasierte Wirkstoffplattformen bis hin zu robotergestützter Chirurgie. Ein Blick auf die jüngsten Entwicklungen zeigt, wie unterschiedlich die Ansätze der Branche sind.
ONWARD Medical: Wachstum bei ARC-EX
Das niederländische Unternehmen ONWARD Medical meldete für das erste Halbjahr 2026 einen Umsatz von 4,2 Millionen Euro. Der Umsatz mit dem Produkt ARC-EX lag bei 3,4 Millionen Euro und damit deutlich über dem Vorjahreswert von 1,0 Millionen Euro. Insgesamt wurden 159 ARC-EX-Systeme verkauft beziehungsweise ausgeliefert, ein Plus von 430 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Finanziell konnte das Unternehmen 40,6 Millionen Euro an Eigenkapital einsammeln, davon 25 Millionen Euro von EQT Life Sciences. Hinzu kommt eine Kreditfazilität von BlackRock über bis zu 50 Millionen Euro.
Der Kassenbestand lag Ende Juni bei 81,5 Millionen Euro, verglichen mit 68,1 Millionen Euro Ende 2025. Der operative Verlust wuchs im ersten Halbjahr 2026 auf 23,3 Millionen Euro, nach 20,0 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.
Das tragbare Arc-Ex-Gerät soll laut einer pivotalen internationalen Studie Kraft und Bewegung in Händen und Armen von Menschen mit Rückenmarksverletzung verbessern, indem es intakte Nerven oberhalb der Verletzungsstelle stimuliert. 87 Prozent der Studienteilnehmer berichteten von einer verbesserten Lebensqualität. Das ARC-EX System ist in den USA bereits zugelassen und dort sowie in Europa kommerziell verfügbar.
Genbasierte Ansätze: ViaNautis Bio
Das Unternehmen ViaNautis Bio erhielt ein Investment von SCI Ventures, um seine nicht-virale Genmedizin-Plattform polyNaut auf chronische Rückenmarksverletzungen auszuweiten. Finanzielle Details wurden nicht genannt.
Zu den bestehenden Investoren zählen 4BIO Capital, BGF, UCB Ventures – Co-Lead der Series A über 25 Millionen US-Dollar im November 2023 –, die Cystic Fibrosis Foundation, Eli Lilly, Origin Capital, Meltwind und O2H.
Im Oktober 2024 ging das Unternehmen zudem eine Kollaboration mit Eli Lilly ein. Die Plattform nutzt sogenannte tPNVs mit Nanobodies; das SCI-Programm zur Rückenmarksverletzung befindet sich noch in einer frühen Phase.
ONWARD Medical meldet für das erste Halbjahr 2026 einen ARC-EX-Umsatz von 3,4 Millionen Euro nach 1,0 Millionen Euro im Vorjahr — bei 159 ausgelieferten Systemen. Wer diese Kennzahl einordnen will, braucht den Vergleich zu operativem Verlust und Zulassungsstatus. Kostenlose Marktanalyse Rückenmark-Neurostimulation anfordern
Ergänzend dazu entwickelt NurExone Biologic den präklinischen Kandidaten ExoPTEN, der auf die sekundäre Verletzungskaskade nach einer Rückenmarksverletzung abzielt. Das anvisierte Behandlungsfenster liegt bei drei bis sieben Tagen nach der Verletzung; klinisch bestätigt ist der Ansatz bislang nicht.
Chirurgische Navigation und Robotik
Neben pharmakologischen und neurostimulatorischen Ansätzen setzen etablierte Medizintechnikkonzerne auf Robotik zur chirurgischen Stabilisierung. Medtronic bietet mit seiner Mazor-Plattform ein System zur chirurgischen Navigation an, Globus Medical verfolgt mit ExcelsiusGPS einen vergleichbaren Ansatz.
Medtronic führte zudem im irischen Galway erste klinische Eingriffe in Europa mit dem Stealth AXiS™ Surgical System durch, darunter Wirbelsäuleneingriffe. Das System integriert KI-gestützte Operationsplanung, Echtzeit-Navigation und roboterassistierte Ausführung und ist Teil des sogenannten AiBLE™-Ökosystems. Weitere Eingriffe sind für die kommenden Wochen geplant.
Bewegungstherapie ohne Implantate
Abseits der Industrie berichtete das MINE Lab der Universität Vita-Salute San Raffaele und der Scuola Superiore Sant'Anna von vier Patienten mit kompletter chronischer Rückenmarksverletzung im Bereich T4 bis T7, die nach vier Monaten Training mit einem Rollator gehen konnten.
Auf der WISCI-II-Skala verbesserten sich alle vier Teilnehmer von 0 auf 9 Punkte; ein Patient legte 132 Meter in 42 Minuten zurück. Die zugrunde liegende Technik, TMC (trunk-mediated control), nutzt einen kommerziell erhältlichen Rückenmarkstimulator und kommt ohne Hirnimplantate oder externe Sensoren aus. Laut den Forschenden funktionierte das Verfahren auch auf Schrägen und unebenem Gelände.
Kosten und wirtschaftlicher Kontext
Der operative Verlust von ONWARD Medical wuchs im ersten Halbjahr 2026 auf 23,3 Millionen Euro — trotz eines Umsatzsprungs von 430 Prozent bei den ausgelieferten ARC-EX-Systemen. Diese Schere zwischen Wachstum und Ergebnis ist der eigentliche Bewertungsfall. Investoren-Bewertungsraster jetzt sichern
Die wirtschaftliche Dimension von Rückenmarksverletzungen ist erheblich: Für eine im Alter von 25 Jahren verletzte Person mit hoher Tetraplegie werden die Gesundheits- und Lebenshaltungskosten in den USA auf rund 5,4 Millionen US-Dollar geschätzt – ohne Verdienstausfall eingerechnet.
Diese Größenordnung erklärt, warum sowohl etablierte Konzerne als auch spezialisierte Biotech-Unternehmen und akademische Forschungsgruppen parallel an unterschiedlichen technologischen Lösungen arbeiten, von der Neurostimulation über Gentherapien bis zur robotergestützten Chirurgie.
