RĂŒckenschmerzen: Leitlinien empfehlen Bewegung statt Röntgen und MRT
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 13:29 Uhr | Redaktion boerse-global.deMedizinische Fachinstitutionen und Behandlungsleitlinien betonen zunehmend die Notwendigkeit, bei RĂŒckenschmerzen ĂŒber die bloĂe Gabe von Schmerzmitteln hinauszugehen. Um langanhaltende Beschwerden wirksam zu lindern und Chronifizierungen zu verhindern, rĂŒcken die genaue UrsachenabklĂ€rung sowie multimodale Therapiekonzepte in den Mittelpunkt der Versorgung.
Ursachenforschung statt reiner SymptomunterdrĂŒckung
In einer Lehrveranstaltung der klinischen Medizin mit der Faculdade de Medicina Anhembi Morumbi an der Santa Casa de Piracicaba thematisierte der Rheumatologe João Flåvio Gomes Faria die Behandlung von Kreuzschmerzen. Eine Lombalgie könne von leicht bis intensiv reichen und sowohl akute als auch chronische VerlÀufe annehmen.
Als typische Auslöser nannte Faria Muskelverletzungen, WirbelsĂ€ulenprobleme, Begleiterkrankungen, Fehlhaltungen sowie Ăbergewicht. Das verbreitete Vorgehen in Notaufnahmen ziele oft lediglich auf die akuten Symptome ab und erfasse nicht immer die eigentliche Ursache.
Faria empfahl stattdessen eine multimodale Strategie: Diese kombiniere eine medikamentöse Therapie mit Physiotherapie und Rehabilitation. Zu den MaĂnahmen zĂ€hlten WĂ€rme, manuelle Techniken, gezielte Ăbungen, Pilates, Methoden der posturalen Rehabilitation sowie therapeutisches Krafttraining fĂŒr die Rumpfmuskulatur. In therapieresistenten FĂ€llen kĂ€men zudem bildgestĂŒtzte Blockaden und Infiltrationen in Betracht.
Auch eine Ăbersicht der US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) verdeutlicht die Vielschichtigkeit von SchmerzzustĂ€nden. WĂ€hrend Akutschmerz mit der Behandlung der zugrundeliegenden Ursache ende, dauere chronischer Schmerz lĂ€nger als drei Monate beziehungsweise ĂŒber die erwartete Heilungszeit hinaus an.
FĂŒhre er zu EinschrĂ€nkungen bei alltĂ€glichen AktivitĂ€ten, handele es sich um besonders beeintrĂ€chtigende chronische Schmerzen. UrsĂ€chlich seien nozizeptive Faktoren wie GewebeschĂ€den und EntzĂŒndungen, neuropathische NervenschĂ€den oder noziplastische VerĂ€nderungen der Schmerzverarbeitung. Chronische Schmerzen treten zudem hĂ€ufig gemeinsam mit Depressionen, generalisierten Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen auf.
Leitlinien fĂŒr die Akutversorgung: Bewegung vor Medikamenten
Dass der Fokus auf aktiven AnsĂ€tzen bereits frĂŒh beginnen sollte, heben aktuelle Fachleitlinien hervor. Eine von Sean Rundell von der University of Washington mitverfasste und von Fachgesellschaften wie der AAPM sowie dem Pacific Northwest Evidence-based Practice Center der Oregon Health & Science University in Pain Medicine publizierte Leitlinie befasst sich mit akutem Kreuzschmerz von unter sechs Wochen Dauer.
Demnach existiere in ĂŒber 85 Prozent der FĂ€lle keine spezifische Ursache. Ohne Warnzeichen wie Infektionen, Frakturen, bösartige Erkrankungen oder neurologische SchĂ€den solle daher keine routinemĂ€Ăige Bildgebung per Röntgen oder MRT erfolgen.
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Als Erstlinienbehandlung empfehlen die Leitlinienautoren um Methodologin Andrea C. Skelly stattdessen AufklĂ€rung, körperliche AktivitĂ€t, WĂ€rme und kurzfristig rezeptfreie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs). Opioide werden fĂŒr die Erstlinie ausdrĂŒcklich nicht empfohlen.
Zeige sich nach ein bis zwei Wochen keine Besserung, können Physiotherapie, manuelle Manipulation, Akupunktur oder Muskelrelaxanzien ergĂ€nzt werden. Bei erhöhtem Chronifizierungsrisiko wird eine psychologisch informierte Physiotherapie angeraten. Eine erneute ĂberprĂŒfung der Leitlinie ist in fĂŒnf Jahren vorgesehen.
Zu einer Ă€hnlichen EinschĂ€tzung kommen Experten fĂŒr Bandscheibenbeschwerden: Viele BandscheibenvorfĂ€lle lassen sich ohne chirurgischen Eingriff konservativ therapieren, etwa durch Schmerztherapie, Physiotherapie und Bewegung anstelle von Bettruhe. Eine Operation bleibt AusnahmefĂ€llen mit fortschreitenden LĂ€hmungen, MuskelschwĂ€che, Blasen- oder Darmstörungen oder anhaltend starken Schmerzen trotz intensiver Behandlung vorbehalten.
Multimodale Schmerzzentren und strukturierte Triage
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Die Ăsterreichische Schmerzgesellschaft (ĂSG) wies anlĂ€sslich des Weltschmerztags am 17. Oktober 2026 darauf hin, dass rund 1,8 Millionen Menschen in Ăsterreich mit chronischen Schmerzen leben. ĂSG-PrĂ€sident Richard Crevenna forderte einen flĂ€chendeckenden Ausbau interdisziplinĂ€rer multimodaler Schmerzzentren sowie ambulanter Angebote, da der Zugang nicht vom Wohnort abhĂ€ngen dĂŒrfe.
Ein solches Konzept kombiniert Medikation, Physikalische Medizin, Bewegungstraining und Psychotherapie. Zudem thematisiert die Fachgesellschaft Endometriose als Schmerzursache und verweist auf Belastungen fĂŒr die Arbeitswelt.
Auf dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim unterstrichen Experten zudem den wechselseitigen Zusammenhang zwischen Schmerz und Schlafstörungen. KongressprÀsidentin Irmela Gnass von der Paracelsus Medizinischen PrivatuniversitÀt Salzburg betonte die hohe individuelle und gesellschaftliche Relevanz dieser Problematik.
Diskutiert wurden dort auch Herausforderungen bei noziplastischen Schmerzen, Post COVID und MigrÀne sowie bestehende Defizite bei der interdisziplinÀren Abstimmung.
Um Versorgungswege zu straffen, untersuchten Fachpublikationen in Frankreich AnsĂ€tze fĂŒr einen direkten Zugang zur Physiotherapie bei unspezifischer Lombalgie. Ein Drei-Kategorien-Triage-Modell teilt Patienten in autonome physiotherapeutische Behandlung, Behandlungen mit zeitversetztem Ă€rztlichem Rat innerhalb von 48 bis 72 Stunden oder dringende medizinische Ăberweisungen bei Warnhinweisen ein.
Das Konzept stĂŒtzt sich auf Kernbereiche wie geteiltes klinisches Urteilsvermögen, interprofessionelle Kommunikation und Patientenedukation, bedarf jedoch noch einer prospektiven Validierung.
ErgÀnzende Behandlungsoptionen
FĂŒr Patienten, bei denen herkömmliche Nicht-Opioid-Analgetika wie Ibuprofen, Diclofenac oder Metamizol keine ausreichende Wirkung zeigen, stehen vereinzelt spezifische Alternativen zur VerfĂŒgung. Das MĂŒnchner Unternehmen Vertanical bietet seit September 2026 in Deutschland das verschreibungspflichtige Cannabis-Arzneimittel Exilby an.
Der standardisierte Dickextrakt DKJ127 (19 mg THC/ml) ist als Monotherapie fĂŒr Erwachsene mit chronischen unteren RĂŒckenschmerzen zugelassen, die eine radikulĂ€re oder neuropathische Komponente aufweisen.
In einer in Nature Medicine veröffentlichten Phase-III-Studie mit 820 Erwachsenen reduzierte die Substanz VER-01 den Schmerz nach zwölf Wochen signifikant um 1,9 Punkte im Vergleich zu 1,4 Punkten unter Placebo.
Eine zweite Phase-III-Studie mit 384 Teilnehmern zeigte im Vergleich zu Opioiden ĂŒber sechs Monate eine Schmerzreduktion von 2,50 gegenĂŒber 2,16 Punkten sowie ein rund viermal geringeres Verstopfungsrisiko. Systematische Cochrane-Ăbersichten stufen die Evidenz zu cannabisbasierten Arzneimitteln bei chronisch neuropathischen Schmerzen jedoch weiterhin als unsicher ein.
Parallel dazu hebt die Arbeitsgruppe der European Pain Federation (EFIC) in einem im European Journal of Pain publizierten Positionspapier den Nutzen regelmĂ€Ăigen Gehens hervor. Bei chronischen muskuloskelettalen Beschwerden fördere schrittweise gesteigertes Gehen die Funktion und LebensqualitĂ€t besser als starre Schrittvorgaben.
Auch fĂŒr komplementĂ€re Verfahren wie Akupunktur in Kombination mit Tuina bei lumbalen BandscheibenvorfĂ€llen zeigten Meta-Analysen im Journal of Pain Research Hinweise auf Verbesserungen von Schmerz- und Funktionswerten, wenngleich die Autoren die Evidenzsicherheit als niedrig bis sehr niedrig einstuften.
Die Bandbreite der AnsÀtze unterstreicht, dass eine wirksame Schmerztherapie auf vielschichtige, individuell angepasste BehandlungsplÀne angewiesen bleibt.
