Säure-Basen-Haushalt, Ernährung

Säure-Basen-Haushalt: Ernährung kann den Körper nicht übersäuern

Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nieren und Lunge regulieren den Blut-pH; für Entsäuerungsprodukte fehlen Belege, während pflanzliche Mittel Risiken bergen können.
Saubere Laborumgebung mit Glasgeräten auf einem Labortisch bei natürlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

In der gesundheitlichen Beratung kursiert seit Jahren die Behauptung, eine unausgewogene Ernährung führe zu einer schleichenden Übersäuerung des Körpers. Die Verbraucherzentrale stellte dazu 2025 klar, dass die Existenz einer sogenannten latenten Azidose als Ursache von Gesundheitsproblemen wissenschaftlich nicht belegt ist. Der menschliche Organismus könne durch den Verzehr von Lebensmitteln nicht übersäuern.

Physiologische Regulation des Säure-Basen-Haushalts

Eine medizinisch relevante Azidose stellt einen ernsthaften ärztlichen Befund dar, der laut Verbraucherzentrale beispielsweise infolge von Nierenerkrankungen oder einem entgleisten Diabetes auftritt. Ergänzend verwies das Fachportal MedlinePlus 2025 darauf, dass auch schwerer Durchfall als Auslöser für eine solche Entgleisung infrage kommt. Bei gesunden Menschen halten jedoch Niere und Lunge das Säure-Basen-Gleichgewicht eigenständig stabil.

Wie das polnische Institut Narodowe Centrum Edukacji ?ywieniowej darlegte, verändert die Nahrungsaufnahme bei gesunden Personen den pH-Wert des Blutes praktisch nicht. Beeinflusst werden lediglich der pH-Wert sowie die Zusammensetzung des Urins.

Die Regulierung des Blut-pH-Werts erfolgt streng über körpereigene Puffersysteme aus Bikarbonat, Proteinen, Hämoglobin und Phosphat sowie über die Atmung und die Nierenfunktion. Zur Abschätzung der renalen Netto-Säureausscheidung greift die Fachwelt auf das 1995 von Remer und Manz entwickelte PRAL-Modell zurück.

Krankheitsbilder wie eine Azidose oder Alkalose beruhen auf klinischen Atem-, Nieren- oder Stoffwechselstörungen. Belastbare Daten dafür, dass als entsäuernd beworbene Nahrungsergänzungsmittel, Spezialgetränke oder Wasseraufbereiter Krankheiten verhüten oder lindern können, existieren nicht.

Irreführende Heilversprechen führten in der Vergangenheit bereits zu behördlichen Interventionen: Die polnische Wettbewerbsbehörde UOKiK verhängte 2017 eine Strafe von fast 26 Mio. z? gegen den Hersteller Aflofarm wegen des Produkts RenoPuren und sprach 2023 eine Strafe von über 5 Mio. z? gegen Natural Pharmaceuticals aus.

Stellenwert und Evidenz integrativer Methoden

Trotz fehlender Belege für diffuse Übersäuerungskonzepte verzeichnet der Markt für ergänzende Heilverfahren eine breite Nachfrage. Eine 2021 in der Westschweiz durchgeführte Umfrage zeigte, dass 75 % der befragten Personen in ihrem Leben bereits eine komplementäre Methode genutzt hatten, 38 % davon innerhalb der letzten zwölf Monate vor der Erhebung.

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Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt die integrative Medizin einen interdisziplinären, evidenzbasierten Ansatz aus biomedizinischen, traditionellen und komplementären Praktiken, der sich ausdrücklich von unüberprüfter Alternativmedizin abgrenzt.

Die wissenschaftliche Datenlage unterscheidet sich je nach Disziplin deutlich: Während für Hypnose robuste Belege in der perioperativen Medizin und im Schmerzmanagement vorliegen, gilt Akupunktur bei ausgewählten Indikationen wie muskuloskelettalen Schmerzen, Gonarthrose oder Migräne als gut dokumentiert. Die Fachwelt betont, dass die weitere Etablierung integrativer Ansätze zwingend von qualitativ hochwertigen, reproduzierbaren Studien abhängt.

Gesetzliche Einstufung und Risiken von Naturprodukten

Häufig werden Nahrungsergänzungsmittel fälschlicherweise mit geprüften Arzneimitteln gleichgesetzt. Das Deutsche Ärzteblatt wies darauf hin, dass Phytopharmaka hierzulande denselben strengen Zulassungsverfahren wie synthetische Medikamente unterliegen.

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Pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel gelten hingegen rechtlich als Lebensmittel, kommen ohne behördliche Zulassung in den Handel und erfordern keinen wissenschaftlichen Wirkungsnachweis.

Dass die Produkte dennoch weite Verbreitung finden, belegt eine Erhebung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), wonach mehr als drei Viertel der Befragten innerhalb eines Jahres zu Nahrungsergänzungsmitteln griffen.

Auf europäischer Ebene differenziert der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zwischen einer gut etablierten Anwendung mit wissenschaftlichen Nachweisen und einer traditionellen Anwendung, die rein auf langjähriger Erfahrung beruht.

Fachberichte der Pharmazeutischen Zeitung verdeutlichen zudem, dass pflanzliche Inhaltsstoffe je nach Anbau, Ernte und Verarbeitung erheblich schwanken können. Bei medizinischem Cannabis auf Rezept hängt die therapeutische Wirkung primär von der definierten Konzentration an THC und CBD ab und nicht von Einteilungen wie Indica oder Sativa.

Die pflanzliche Herkunft schließt gesundheitliche Risiken nicht aus. Johanniskraut kann die Wirksamkeit anderer Arzneimittel wie der Antibabypille mindern, während Arnika oder Kamille allergische Reaktionen hervorrufen können.

Pflanzen wie Holunder, Maiglöckchen und Eibe stuft das BfR als Gewächse mit mittelschwerem Vergiftungsrisiko ein; Holunderbeeren dürfen ausschließlich gekocht verzehrt werden. Im Jahr 2025 warnte das BfR zudem vor Beschwerden durch den Konsum von Kratom und wies auf Risiken durch Ashwagandha hin, von dessen Einnahme Kinder, Schwangere, Stillende und Leberkranke absehen sollten.

Zudem dokumentierten BVL und BfArM Fälle von Aristolochiasäure-Nephropathien infolge falsch deklarierter Erzeugnisse der traditionellen chinesischen Medizin, die vereinzelt zu späteren Tumoren der Harnwege führten. Fachleute betonen daher, dass pflanzliche Zubereitungen allenfalls als Ergänzung, nicht jedoch als Ersatz für eine notwendige ärztliche Therapie dienen können.

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