Samenöle und Entzündungen: 30 Studien finden keinen Anstieg der Marker
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 11:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn sozialen Netzwerken kursieren seit geraumer Zeit Vorbehalte gegenüber pflanzlichen Speiseölen. Häufig wird behauptet, sogenannte Samenöle würden im menschlichen Körper chronische Entzündungen anheizen und die Entstehung diverser Krankheiten begünstigen.
Eine im Fachjournal Current Nutrition Reports erschienene Übersichtsarbeit vom 22. Oktober 2026 unter der Erstautorenschaft von Mark Messina differenziert nun zwischen wissenschaftlich belegten Risiken und weit verbreiteten Annahmen.
Entzündungsmarker bleiben in klinischen Studien unbeeinflusst
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Linolsäure, eine zur Gruppe der Omega-6-Fettsäuren gehörende essenzielle Verbindung, die reichlich in Sonnenblumen-, Soja-, Mais-, Sesam- sowie Rapsöl vorkommt. Die Autoren stützten sich unter anderem auf eine Metaanalyse von 30 randomisierten klinischen Studien mit insgesamt 1.377 Teilnehmern.
Diese Auswertung ergab keine insgesamt signifikante Erhöhung relevanter Entzündungsmarker wie C-reaktives Protein (CRP), Interleukin-6 oder TNF-alpha bei einer Steigerung der Linolsäurezufuhr. Lediglich einzelne Teilanalysen wiesen auf einen möglichen Anstieg des CRP-Werts hin, sofern die Aufnahme der Fettsäure besonders drastisch gesteigert wurde.
Darüber hinaus zeigte die Arbeit, dass der Ersatz gesättigter Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte Fette tendenziell das LDL-Cholesterin senkt, was den allgemeinen Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation entspricht.
Bei der Betrachtung von kognitiven Fähigkeiten und neurologischen Störungen verzeichneten sieben von acht prospektiven Analysen günstige Zusammenhänge, wenngleich ein klarer Nachweis zur Prävention von Demenzerkrankungen daraus nicht abgeleitet werden kann.
Vier dieser Untersuchungen stammten zudem aus derselben britischen Datenbank. In der Publikation wird als potenzieller Interessenkonflikt offengelegt, dass Erstautor Messina für das Soy Nutrition Institute Global tätig ist, welches unter anderem von Vertretern der Sojaindustrie finanziert wird.
Biochemische Zusammenhänge der Omega-6-Fettsäuren
Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht greift die pauschale Einstufung von Omega-6-Fettsäuren als schädlich oft zu kurz. Bei Omega-6 handelt es sich nicht um eine einzelne Substanz, sondern um eine ganze Fettsäurefamilie, zu der neben Linolsäure auch Gamma-Linolensäure sowie Arachidonsäure zählen.
Letztere dient im Organismus zwar als Baustein für entzündungsfördernde Moleküle, wird jedoch zugleich zur Bildung entzündungsauflösender Lipoxine herangezogen. Hinzu kommt, dass zugeführte Linolsäure keineswegs vollständig in Arachidonsäure konvertiert wird.
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Bereits eine frühere Metaanalyse aus dem Jahr 2017 mit 1.377 Probanden aus 30 randomisierten Studien kam zu dem Ergebnis, dass eine erhöhte Linolsäurezufuhr die Entzündungsmarker im Durchschnitt nicht signifikant nach oben treibt.
Ob der Austausch von gesättigten Fetten zu gesundheitlichen Vorteilen führt, hängt maßgeblich von der Alternative ab: Während mehrfach ungesättigte Fette die Lipidwerte verbessern können, tritt dieser Effekt beim Griff zu Zucker oder raffinierten Kohlenhydraten nicht ein.
Fachleute betonen, dass Qualität, Dosis und Verwendung der Fette sowie das gesamte Ernährungsmuster ausschlaggebend sind und nicht die chemische Kennziffer der Doppelbindung allein.
Historisch wurzeln viele Bedenken unter anderem in der sogenannten CHAOS-Studie der frühen 1980er Jahre sowie Konzepten wie dem Omega-Nugget-Ansatz, die eine massive Drosselung von Omega-6 zugunsten von Omega-3 verlangen.
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Fachmediziner wie Dr. Patricia Blount gaben hierzu zu bedenken, dass historische Kontroversen oft auf Studien beruhten, die ausschließlich die am häufigsten konsumierten mehrfach ungesättigten Omega-6-Formen betrachteten.
Dr. Jeff Volek verwies darauf, dass sich die einzelnen Fettsäuren dieser Gruppe in ihren Wirkungen unterscheiden. Dr. Adrian Lymn gab zu bedenken, dass ein direkter Omega-3-Index womöglich präzisere Rückschlüsse erlaube als das bloße Verhältnis beider Gruppen zueinander, wofür jedoch weitere Forschungen nötig seien.
Einordnung durch Ernährungsexperten
Auch renommierte Ernährungswissenschaftler wie Hans Hauner und Matthias Riedl bewerten gängige Speiseöle, insbesondere Rapssamenöl, als sicher und ernährungsphysiologisch vorteilhaft.
Rapsöl zeichne sich durch einen hohen Anteil an einfach ungesättigten Fettsäuren sowie ein günstiges Verhältnis zwischen Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren aus, sei preiswert und in Teilen sogar günstiger zusammengesetzt als Olivenöl.
Verlässliche Nachweise für eine entzündungsfördernde Wirkung von Rapsöl existieren den Forschern zufolge nicht. Durch die industrielle Raffination würden zudem Verunreinigungen entfernt und die Hitzebeständigkeit verbessert.
Systematische Übersichtsarbeiten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zeigten zudem keinen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Rapssamenöl und einem erhöhten Krebsrisiko. Moderne Züchtungen weisen nur noch minimale Spuren von Erucasäure auf, sodass kein gesundheitliches Risiko besteht.
Hauner mahnte in diesem Zusammenhang an, dass Beiträge in sozialen Medien selten wissenschaftliche Fakten abbilden, sondern primär auf Aufmerksamkeit abzielen. Riedl unterstrich, dass bei der Bewertung gesundheitlicher Auswirkungen niemals ein einzelnes isoliertes Lebensmittel den Ausschlag gebe, sondern stets die Menge und die Gesamternährung betrachtet werden müssten.
Ähnlich argumentiert der Biologe Wladimir Bessonow, der Mythen über eine angebliche Schädlichkeit pflanzlicher Öle zurückwies und auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation verweist, die flüssige Fette gegenüber festen Varianten bevorzugt. Pflanzliche Öle enthalten Phytosterine, die zu einer Senkung des Cholesterinspiegels beitragen können.
Die Furcht vor krebserregenden Stoffen beim normalen Braten relativierte Bessonow ebenfalls: Karzinogene entstehen demnach erst bei einer Erhitzung auf 210 bis 240 Grad Celsius, während in der häuslichen Küche typischerweise Temperaturen von 180 bis 200 Grad Celsius erreicht werden. Er rät dazu, verschiedene Öle wie Sonnenblumenöl mit Raps-, Lein- oder Kürbiskernöl zu kombinieren und angebrochene Flaschen im Kühlschrank aufzubewahren, um Oxidationsprozesse zu verlangsamen.
