Schmerzdiagnose: Bis zu 60 Prozent warten mindestens zwei Jahre darauf
Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 20:01 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn Europa leben etwa 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mit mittelstarken bis starken chronischen Schmerzen. Nach Angaben der European Pain Federation (EFIC) betrifft dies rund 150 Millionen Menschen. Die Erkrankung beeinträchtigt nicht nur den Schlaf, die Arbeitsfähigkeit und die allgemeine Lebensqualität der Betroffenen, sondern belastet auch deren Angehörige spürbar.
Neben überdurchschnittlich vielen Arbeitsausfällen und Invalidisierungen führt das Leiden zu erheblichen wirtschaftlichen Folgen: In einzelnen Ländern erreichen die direkten und indirekten Kosten laut der Föderation bis zu 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Hohe Ausfallzeiten und steigender Versorgungsbedarf
Wie gravierend die Auswirkungen auf das Arbeitsleben und das Gesundheitssystem sind, verdeutlichen nationale Erhebungen. Im tschechischen Gesundheitswesen suchten im Jahr 2023 rund 4,1 Millionen Patienten wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen ärztliche Hilfe, darunter 1,6 Millionen Menschen mit Rückenschmerzen als Hauptdiagnose.
Im Jahr 2025 führten Muskel-Skelett-Erkrankungen in Tschechien zu 23,2 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen und bildeten die häufigste Ursache für neue Erwerbsminderungsrenten. Parallel stieg der Behandlungsbedarf drastisch: Die Zahl der algesiologischen Konsultationen wuchs von 1.714 im Jahr 2010 auf mehr als 100.000 im Jahr 2022.
Auch Daten aus Südeuropa belegen die weite Verbreitung. Nach Angaben der Sociedad Española de Neurología (SEN) sind in Spanien mehr als 3 Millionen Menschen von neuropathischem Schmerz betroffen, bei jährlich rund 400.000 Neudiagnosen.
Insgesamt leiden 18 Prozent der spanischen Bevölkerung an chronischen Schmerzen und mehr als 5 Prozent an täglichen Schmerzen, wobei über 60 Prozent der chronisch Erkrankten eine neuropathische Komponente aufweisen.
Zudem verzeichnete die Sociedad Española Multidisciplinar del Dolor (Semdor), dass in Spanien 26 Prozent der Erwachsenen mit chronischem Schmerz leben, von denen 27,1 Prozent die genaue Ursache ihrer Beschwerden nicht kennen.
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Diagnoseverzögerungen und gravierende Begleiterkrankungen
Die Versorgung Schmerzkranker steht vor erheblichen Defiziten. Laut der SEN erreichen weniger als 60 Prozent der Patienten mit aktuellen Medikamenten eine ausreichende Linderung. Bis zu 60 Prozent müssen zwei Jahre oder länger auf eine Diagnose warten, und 40 Prozent leiden bereits seit über fünf Jahren.
Entsprechend hoch ist die psychosoziale Belastung: 85 Prozent der Betroffenen berichten von deutlichen Einschränkungen der Lebensqualität, 60 Prozent von Schlafstörungen, 40 Prozent von Fatigue, 34 Prozent von Depressionen und 25 Prozent von Angstzuständen.
Dass Erschöpfung eine zentrale Rolle spielt, bestätigt eine im Journal of Psychosomatic Research veröffentlichte Untersuchung von Erschens et al. für das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG).
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Die Studie mit 538 Patienten aus sieben Erkrankungsgruppen zeigte bei Patienten mit chronischen Schmerzen, Post-COVID und Krebs vergleichbar hohe Fatigue-Werte. Chronischer Schmerz, der länger als drei Monate anhält, gilt bei Fachgesellschaften und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) längst als eigenständige Krankheit und nicht bloß als Begleitsymptom.
Eine globale Untersuchung im Fachjournal Nature Medicine mit Daten von 6,1 Millionen Menschen aus 118 Ländern unterstreicht zudem, dass Frauen in allen Körperregionen häufiger betroffen sind. Weltweit lassen sich demnach 18,3 Prozent der Schmerzlast auf Faktoren wie Tabakkonsum, Adipositas und niedriges Einkommen zurückführen.
Forderung nach multimodalen Behandlungskonzepten
Angesichts der komplexen Wechselwirkungen fordern Experten eine Abkehr von reiner Symptombehandlung. Anlässlich des Weltschmerztags am 17. Oktober mahnte ÖSG-Präsident Richard Crevenna für die Österreichische Schmerzgesellschaft den flächendeckenden Ausbau interdisziplinärer multimodaler Schmerzzentren sowie ambulanter Angebote in Österreich an, wo rund 1,8 Millionen Betroffene leben.
Ein solches Konzept kombiniert nach Angaben der Fachgesellschaft je nach individuellem Bedarf medikamentöse Therapien, physikalische Medizin, gezieltes Bewegungstraining und psychologische Verfahren, flankiert von einer besseren Aus- und Weiterbildung aller Gesundheitsberufe.
Auch Fachgesellschaften in Spanien drängen auf koordinierte Teams aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten und Psychologen, um chronischen Schmerz frühzeitig und ganzheitlich zu behandeln.
