SchrittzÀhler-Studie: Verschiedene Tempi senken Sterberisiko um bis zu 43 Prozent
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 16:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
SchrittzĂ€hler, Schlafsensoren und Herzfrequenzmesser gehören fĂŒr viele Menschen lĂ€ngst zum Alltag. Aktuelle Studien und Produktneuheiten zeigen, wie unterschiedlich weit die Aussagekraft dieser GerĂ€te reicht â und wo ihre Grenzen liegen.
Schrittzahl allein sagt wenig aus
Eine Analyse der Monash University und der University of Sydney wertete Daten von 64.743 Teilnehmenden mittleren Alters aus der UK Biobank aus, die zwischen 2013 und 2015 jeweils sieben Tage lang per Tracker erfasst wurden.
Das Ergebnis stellt eine verbreitete Annahme infrage: Sowohl weniger Schritte in höherem Tempo als auch mehr Schritte in niedrigerem Tempo waren jeweils mit einem bis zu 43 Prozent geringeren Risiko eines vorzeitigen Todes verbunden.
Besonders auffĂ€llig war, dass ein höheres Tempo bei unter 5.000 Schritten pro Tag und ein langsameres Tempo bei 5.000 bis 7.500 Schritten pro Tag mit geringerem Risiko einhergingen. Die Forschenden verweisen darauf, dass das vielzitierte 10.000-Schritte-Ziel ursprĂŒnglich aus einer japanischen Marketingkampagne der 1960er-Jahre stammt und nicht auf wissenschaftlicher Grundlage beruht.
SchlafqualitĂ€t als FrĂŒhwarnsystem
Auch der Schlaf rĂŒckt stĂ€rker in den Fokus der Forschung. Eine Beobachtungsstudie der Capital Medical University in China werte Schlaf- und Gesundheitsdaten von fast 100.000 UK-Biobank-Teilnehmenden im Durchschnittsalter von 56 Jahren aus, deren Schlaf ĂŒber sieben Tage und NĂ€chte per HandgelenkgerĂ€t erfasst wurde.
Demnach war lĂ€ngerer REM-Schlaf mit einem geringeren Risiko fĂŒr 83 Erkrankungen verbunden, lĂ€ngerer Tiefschlaf mit geringerem Risiko fĂŒr sieben Erkrankungen.
Wer sechs bis acht Stunden pro Nacht schlief, wies das geringste Erkrankungsrisiko auf, wĂ€hrend weniger als fĂŒnf Stunden mit einem erhöhten Risiko fĂŒr 37 Erkrankungen einherging. Die Autoren betonen jedoch, dass es sich um Beobachtungsdaten handelt, die keine KausalitĂ€t belegen.
Wearables erkennen Herzrhythmusstörungen â mit EinschrĂ€nkungen
Wie nĂŒtzlich kontinuierliches Tracking im medizinischen Kontext sein kann, zeigt eine niederlĂ€ndische Studie mit 437 ĂŒber 65-JĂ€hrigen mit erhöhtem Schlaganfallrisiko. Eine Gruppe trug ĂŒber sechs Monate mindestens zwölf Stunden tĂ€glich eine Smartwatch mit optischer Pulsmessung und EKG-Funktion, wĂ€hrend die Kontrollgruppe die Standardversorgung erhielt.
In der Wearable-Gruppe wurde bei 21 Personen (9,6 Prozent) neu diagnostiziertes Vorhofflimmern festgestellt, in der Kontrollgruppe nur bei fĂŒnf Personen (2,3 Prozent).
Mehrere asymptomatische Episoden wurden ausschlieĂlich in der Wearable-Gruppe erkannt. Allerdings entsprach von 72 ausgelösten Alarmen nur etwa die HĂ€lfte tatsĂ€chlich einem Vorhofflimmern â ein Hinweis darauf, dass Wearable-Alarme Ă€rztliche AbklĂ€rung nicht ersetzen.
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Stoffwechsel- und Glukosemessung: Grenzen der Technik
Auch GerÀte zur Stoffwechselanalyse stehen unter genauerer Beobachtung. Die Lumen-Atemanalyse schÀtzt anhand von CO? in der Ausatemluft, ob der Körper Fett oder Kohlenhydrate verbrennt.
Eine Validierungsstudie der San Francisco State University mit 33 jungen, gesunden Erwachsenen fand unter Ruhebedingungen eine Ăbereinstimmung mit einem klinischen StoffwechselmessgerĂ€t â die Studie wurde jedoch vom Lumen-Hersteller MetaFlow finanziert, was ihre UnabhĂ€ngigkeit einschrĂ€nkt.
Bei kontinuierlichen GlukosemessgerĂ€ten (CGM), die 14 Tage lang Glukose im Gewebe statt direkt im Blut messen, zeigte eine Studie von Mass General Brigham bei Typ-2-Diabetes eine gute Ăbereinstimmung mit dem HbA1c-Wert, bei PrĂ€diabetes eine schwĂ€chere und bei normaler Glukoseregulation weitgehend keine Ăbereinstimmung. Ein Nutzen fĂŒr gesunde Sportler gilt demnach als nicht ausreichend belegt.
FĂŒr Menschen mit diagnostiziertem Typ-2-Diabetes liegt die Sachlage anders: In Deutschland leben laut einem Bericht mindestens 9,3 Millionen Menschen mit dieser Erkrankung, jĂ€hrlich kommen etwa 450.000 hinzu.
Bei Patienten unter Basalinsulintherapie erhöhten Dexcom-CGM-Systeme laut angefĂŒhrter klinischer Evidenz die Zeit im Zielbereich von 40 auf 59 Prozent und senkten den HbA1c-Wert von 9,1 auf 8,0 Prozent. Das Produkt Dexcom Flex wird inzwischen als Selbstzahlerangebot in deutschen Apotheken angeboten.
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Neue Sensorik und kommende GerÀte
Auch auf der Hardware-Seite tut sich einiges. Das Fraunhofer IOF stellte in Jena mit goVISCAN einen optischen Sensor vor, der kontaktlos Herzrate, Atemfrequenz und SauerstoffsÀttigung misst und dabei Bewegungs- und Lichtstörungen besser ausgleichen soll.
In einer Labor-Vorstudie mit zwölf Probanden lagen die mittleren Abweichungen laut Fraunhofer IOF bei 1,3 AtemzĂŒgen pro Minute, 2,8 SchlĂ€gen pro Minute und 3,8 Prozentpunkten bei der SauerstoffsĂ€ttigung.
Am Markt bringt Oppo in China die Watch S2 fĂŒr 1.599 Yuan (rund 208 Euro), die unter anderem eine Funktion namens FatMax bietet, die anhand von KörpergröĂe, Gewicht, Ruhepuls und VO?max eine individuelle Fettverbrennungs-Herzfrequenz berechnet. Ein internationaler Marktstart ist bislang nicht bestĂ€tigt.
Auf Unternehmensebene bĂŒndeln Qualcomm Technologies und Global Health Connector ihre KrĂ€fte in der neu gegrĂŒndeten Personal AI Health Alliance, der unter anderem Optum Health, Scripps Health, Merck KGaA, die Digital Medicine Society und Biocom angehören. Die Allianz will KI-gestĂŒtzte Wearables fĂŒr medizinische Anwendungen untersuchen, konkrete Produkte oder nachgewiesene Behandlungserfolge wurden bislang nicht vorgestellt.
Auch Apple soll laut Medienberichten unter Berufung auf Insider einen displaylosen Fitnesstracker mit Stoffarmband und Sensormodul testen, der Gesundheitsdaten per Bluetooth an eine Smartphone-App ĂŒbertrĂ€gt. Das Vorhaben gilt als frĂŒhes Technologie-PrĂŒfprojekt, an dem laut Berichten Tim Cook und Eddy Cue beteiligt sein sollen; eine MarkteinfĂŒhrung sei ungewiss und werde frĂŒhestens fĂŒr 2028 erwartet.
Fazit fĂŒr Nutzerinnen und Nutzer
Die aktuelle Forschungslage zeigt ein differenziertes Bild: WĂ€hrend einfache Kennzahlen wie die reine Schrittzahl an Aussagekraft verlieren, gewinnen komplexere MessgröĂen wie Schlafphasen, Herzrhythmus und GlukoseverlĂ€ufe an Bedeutung â vorausgesetzt, sie werden im richtigen medizinischen Kontext interpretiert.
FĂŒr gesunde Menschen ohne Vorerkrankungen bleibt der Zusatznutzen vieler Spezialsensoren nach aktuellem Forschungsstand begrenzt, wĂ€hrend bei Risikogruppen und chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Vorhofflimmern belastbare Effekte belegt sind.
