Schulen, Lehrer

Schulen überfordert: 80% der Lehrer sehen Essstörungen bei Schülern

28.06.2026 - 15:30:26 | boerse-global.de

Studien belegen wachsenden Einfluss von Social Media und Hormonen auf Essstörungen. Neue Leitlinien und Medikamente bieten Hoffnung in der Behandlung.

Essstörungen: Neue Studien zu Social Media, Hormonen und Therapie
Schulen - Ein junges Gesicht spiegelt sich fragmentiert in einem Smartphone-Bildschirm, umgeben von digitalen Mustern in einer unscharfen Umgebung. 28.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Soziale Medien, hormonelle Schwankungen und überforderte Schulen – die Ursachen für Essstörungen sind komplexer als gedacht. Aktuelle Studien zeigen alarmierende Zusammenhänge.

Der gefährliche Sog der „Thinfluencer“

Ein 23-Jähriger kämpft seit fast zehn Jahren gegen Magersucht. Sein Umfeld macht „Thinfluencer“-Content auf sozialen Plattformen dafür verantwortlich. Der Betroffene selbst beschreibt die Dynamik als Wettbewerb unter Erkrankten.

Die Folgen sind gravierend: Rund 10.000 Klagen liegen gegen Meta und YouTube wegen des Sucht-Designs ihrer Plattformen vor. Branchenkenner vergleichen die juristische Auseinandersetzung bereits mit den historischen Verfahren gegen die Tabakindustrie.

Regulatorische Maßnahmen zeigen bislang wenig Wirkung. In Australien gilt seit Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige. Eine Studie belegt jedoch: Etwa 85 Prozent der Jugendlichen umgehen die Sperre. Experten fordern deshalb umfassendere Schutzkonzepte.

Auf TikTok verbreiten sich zudem fragwürdige Trends wie „Bonesmashing“. Dabei schlagen sich Jugendliche mit Gegenständen ins Gesicht, um eine markantere Knochenstruktur zu erzwingen. Pädagogen beobachten einen wachsenden Druck auf männliche Jugendliche aus der sogenannten „Manosphere“.

Hormonelle Fallen: Die Pille als Risikofaktor

Neben digitalen Einflüssen rücken physiologische Faktoren in den Fokus. Eine Studie der Michigan State University im Fachjournal JAMA Network Open analysierte das Essverhalten von 422 Frauen über 49 Tage. Ergebnis: Das Risiko für emotionale Essanfälle steigt während der aktiven Pillenphase deutlich an.

Dieser Effekt tritt unabhängig von Stimmung oder Gewichtssorgen auf. Die Forscher vermuten, dass hormonelle Schwankungen das Belohnungssystem im Gehirn beeinflussen. Eine Wiener Studie unter Dr. Brigitte Holzinger zeigt zudem: Schlafstörungen sind bei Magersucht und Bulimie extrem häufig – was die Therapie zusätzlich erschwert.

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Schulen am Limit, Medizin mit neuen Ansätzen

Das Bildungssystem ist überfordert. Eine Umfrage unter Lehrkräften im Vereinigten Königreich ergab: 45 Prozent der Grundschullehrer und rund 80 Prozent der Lehrer an weiterführenden Schulen beobachten Essstörungen bei ihren Schülern. Gleichzeitig verfügen 40 Prozent der Schulen über keinen Schulpsychologen.

Im medizinischen Bereich gibt es Fortschritte. Die Charité Berlin hat eine neue S3-Leitlinie für 11- bis 25-Jährige mit 15 Empfehlungen zur Adipositas-Behandlung mitentwickelt. Da Typ-2-Diabetes-Neuerkrankungen zwischen 2002 und 2022 jährlich um 7,4 Prozent zunahmen, empfehlen Ärzte nun ein Diabetes-Screening bereits ab dem zehnten Lebensjahr bei extremer Adipositas.

Auch pharmazeutisch tut sich etwas: Der Wirkstoff Retatrutid von Eli Lilly ermöglichte in Studien nach 80 Wochen einen Gewichtsverlust von bis zu 28 Prozent. Die monatlichen Kosten liegen bei rund 250 Euro. In Frankreich übernehmen Krankenkassen die Kosten seit Mitte Juni 2026 – allerdings nur bei schweren Krankheitsverläufen.

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Prävention und Therapie: Was wirklich hilft

Ende Juni 2026 veröffentlichte Autorin Louisa Dellert ein Fachbuch zum Abbau von Körperscham. Es liefert praktische Strategien für einen nachsichtigeren Umgang mit dem eigenen Körper.

An Berliner Schulen zeigen spezialisierte Workshops Wirkung. Lehrkräfte beobachten, wie reflektierte Auseinandersetzungen mit Social-Media-Trends die Einstellungen von Schülern nachhaltig verändern können.

Experten betonen: Bei manifesten Essstörungen sind die vier anerkannten psychotherapeutischen Verfahren – Verhaltenstherapie, analytische Psychotherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und systemische Therapie – die zentralen Säulen der Behandlung. Eine psychotherapeutische Sprechstunde ist dabei oft der erste Schritt.

de | wissenschaft | 69647524 |