Schulleitungen unter Druck: 94 Prozent berichten von mehr Anforderungen ohne Entlastung
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 17:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Arbeitsbelastung an deutschen Schulen spitzt sich weiter zu. Wie aus der im Frühjahr 2026 vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) durchgeführten Cornelsen-Schulleitungsstudie unter 2.066 Schulleitungen hervorgeht, berichten 94 Prozent der Befragten von wachsenden Anforderungen ohne ausreichende Entlastung.
Laut einem Bericht des Portals news4teachers.de vom 3. Oktober 2026 geben zudem 55 Prozent der Leitungskräfte an, dass ihre berufliche Zufriedenheit in den vergangenen zwölf Monaten gesunken sei. 92 Prozent vertreten die Ansicht, dass die Bildungspolitik zu weit von der schulischen Praxis entfernt agiere.
Bürokratie und Verwaltung verdrängen Kernaufgaben
Ein zentraler Faktor für den Druck im Berufsalltag sind administrative Pflichten. 83 Prozent der befragten Schulleitungen nennen bürokratische Hürden als wesentliche Belastung.
Zudem beklagen 82 Prozent fehlendes Personal, 77 Prozent eine unzureichende Finanzausstattung und 72 Prozent einen Mangel an gesellschaftlicher oder politischer Wertschätzung. Lediglich 12,5 Prozent der Befragten sehen überhaupt noch ausreichend Zeit für die Bearbeitung zentraler Aufgaben.
Die tatsächliche Arbeitszeit liegt laut der Erhebung auf einem hohen Niveau: Leitungen allgemeinbildender Schulen arbeiten im Schnitt 48,5 Stunden pro Woche, an beruflichen Schulen sind es durchschnittlich 47,6 Stunden. Den größten zeitlichen Einzelblock bildet dabei die reine Verwaltung mit rund 11,1 Wochenstunden. Bei 57 Prozent der Befragten beansprucht dieser Bereich mehr als zehn Stunden, bei 34 Prozent sogar mehr als 15 Stunden pro Woche.
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Für pädagogische Kernaufgaben verbleiben hingegen knapp 6 Wochenstunden. Das Personalmanagement schlägt mit 6,3 Stunden zu Buche, Elterngespräche und Gremienarbeit beanspruchen 6 Stunden und die externe Kommunikation 5,7 Stunden.
Deutlich zugenommen hat der Aufwand für Konfliktlösungen: Dieser Bereich erfordert mittlerweile rund 5 Wochenstunden, verglichen mit 3,6 Stunden im Jahr 2023. Der Göttinger Arbeitszeitforscher Frank Mußmann ordnete die Entwicklung jüngst historisch ein: Während Zusatzaufgaben am Gymnasium in den 1950er- und 1960er-Jahren rund 14 Prozent der Arbeitszeit ausmachten, liege dieser Anteil in neueren Erhebungen bei etwa 35 Prozent.
Multiprofessioneller Personalmangel und komplexe Problemlagen
Parallel zur zeitlichen Überlastung verändern sich die Herausforderungen im Schulalltag. 86 Prozent der Leitungen berichten von psychischen Problemen innerhalb der Schülerschaft, 83 Prozent von familiären Belastungen, 81 Prozent von sozialen Auffälligkeiten und 75 Prozent von Lernschwierigkeiten.
Gleichzeitig fehlt es an Unterstützung, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Neben einem Mangel an Lehrkräften, den 51 Prozent der Leitungen konstatieren, fehlen Fachkräfte für IT und Digitalisierung (52 Prozent an allgemeinbildenden bzw. 46 Prozent an beruflichen Schulen) sowie Schulsozialarbeit und psychosoziale Fachkräfte (48 bzw. 53 Prozent).
Der Potsdamer Bildungsforscher Dirk Richter verwies in diesem Kontext darauf, dass Lehrkräfte in Deutschland häufig als Einzelkämpfer agieren, während beispielsweise Singapur – das bei der PISA-Erhebung 2025 in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen zu den leistungsstärksten Bildungssystemen zählte – auf eine fest verankerte Zusammenarbeit setze.
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Politische Reaktionen und Debatten um die Arbeitszeiterfassung
Die Studienergebnisse treffen auf eine anhaltende rechtliche und politische Auseinandersetzung über Dienstpflichten und Arbeitszeiten. Das Bundesverwaltungsgericht entschied am 17. September 2026 (Az. 2 C 19.25), dass ein niedersächsischer Schulleiter keinen Anspruch auf finanziellen oder zeitlichen Ausgleich für Überschreitungen der regelmäßigen Wochenarbeitszeit hat, da er vom Dienstherrn nicht konkret dazu herangezogen worden sei.
Gewerkschaftsvertreter leiten daraus die Notwendigkeit ab, Überlastungen formell anzuzeigen und Aufgaben aktiv zurückzustellen. In Sachsen-Anhalt bleiben laut Angaben des dortigen Lehrerverbandes jedoch bereits Dutzende Überlastungsanzeigen ohne Reaktion.
Auf Länderebene fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Während die GEW Thüringen eine vollständige Erfassung der Arbeitszeit fordert und das Bildungsministerium des Landes mit Verweis auf den bürokratischen Aufwand auf eine bundesweite Lösung dringt, erproben andere Bundesländer praktische Modelle.
Bremen startete im August 2026 ein wissenschaftlich von Frank Mußmann begleitetes Pilotprojekt zur digitalen Arbeitszeiterfassung an neun Schulen, das Vor- und Nachbereitung, Korrekturen, Konferenzen und Büroarbeit abbildet.
Sachsen plant in diesem Schuljahr die Einführung freiwilliger Arbeitszeitkonten mit einem Pilotvorhaben bei noch unklarem Starttermin. In Bayern wiederum stellt die GEW eine entsprechende Zeiterfassungs-App vorübergehend auch Nicht-Mitgliedern zur Verfügung, da der Freistaat die tatsächliche Arbeitszeit bislang nicht offiziell erfasst.
