Schweizer Gesundheit: EPD-Flop mit 1,5% Nutzerquote kostet Millionen
20.06.2026 - 06:51:19 | boerse-global.de
Das elektronische Patientendossier (EPD) kämpft mit einer erschreckend niedrigen Nutzerquote – gerade einmal rund 140.000 Menschen haben ein elektronisches Dossier eröffnet. Das entspricht etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung. Angesichts dieser Zahlen denken mehrere Kantone laut darüber nach, die verpflichtende Anbindung für Krankenhäuser wieder zu lockern.
Hohe Kosten bei minimaler Nutzung
Besonders brisant: Während die Nachfrage der Patienten überschaubar bleibt, zahlen Schweizer Spitäler und Pflegeheime weiterhin hohe jährliche Gebühren für den Anschluss ans EPD-System. Im Kanton Zürich belaufen sich diese Kosten auf rund 2 Millionen Franken pro Jahr für Krankenhäuser und eine Million Franken für Pflegeheime.
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Das Missverhältnis wird am Beispiel des Spitals Uster deutlich: Die Einrichtung zahlt etwa 80.000 Franken jährlich – und bedient damit gerade einmal ein Dutzend aktive EPD-Nutzer. Kein Wunder also, dass die Zürcher Gesundheitsdirektion erwägt, die Anschlusspflicht nicht mehr durchzusetzen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat zwar eine Neuausrichtung angekündigt, doch eine vollständige Ablösung des Systems ist frühestens für 2030 zu erwarten.
Fortschritte bei Bürokratie und Tarifen
Während das EPD stagniert, tut sich an anderen Fronten etwas. Der Nationalrat hat mit 133 zu 64 Stimmen das „Once-Only"-Prinzip im Krankenversicherungsgesetz (KUVG) verabschiedet. Die Idee: Krankenhäuser melden Daten nur noch einmal an das Bundesamt für Statistik – Schluss mit Mehrfacheingaben. Die Verwaltung läuft künftig über die Plattform SpiGes im Rahmen des DigiSanté-Projekts.
Seit dem 1. Januar 2026 gilt zudem der neue ambulante Tarif Tardoc. Statt jeder einzelnen Leistung werden Pauschalbeträge abgerechnet – ein Hebel gegen die steigenden Gesundheitskosten. Allerdings decken die Pauschalen noch nicht alle Behandlungen ab und werden jährlich angepasst.
Genf eröffnet größtes ambulantes Zentrum der Schweiz
Am 2. Juni 2026 ging in Genf das Centre de chirurgie ambulatoire de Genève (CCAG) an den Start. Das Gemeinschaftsprojekt der Universitätsspitäler Genf (HUG) und der Hirslanden-Gruppe ist das größte ambulante Zentrum der Schweiz. Auf 2.800 Quadratmetern mit zehn Operationssälen sollen jährlich 10.000 Patienten behandelt werden.
Auch in der Logistik tut sich etwas: Die Klinik Seeschau und die Schweizerische Post wurden Anfang Juni mit dem Swiss Logistics Award 2026 ausgezeichnet. Ihr Projekt zur digitalen Nachverfolgung von Operationsmaterial senkt Lagerbestände und entlastet das Pflegepersonal spürbar.
Datenschutz: 120 Jahre für Patientenakten?
Die Aufbewahrung von Patientendaten sorgt für Diskussionen. Der Kanton Schwyz fordert eine Schutzfrist von 120 Jahren für archivierte Krankenakten – weit mehr als die üblichen 35 bis 70 Jahre. Die Begründung: die hohe Sensibilität der Daten.
Ein ganz anderes Thema sorgt ebenfalls für Zündstoff: die Vergütung von Spitzenmedizinern. Durchgesickerte Dokumente der Radiologiegruppe 3R zeigen, dass einige Fachärzte 2025 Gesamtvergütungen von über 600.000 Franken erhielten – inklusive Umsatzbeteiligungen. Gesundheitspolitiker kritisieren diese Bonussysteme scharf. Denn finanzielle Anreize für hohe Fallzahlen stehen im direkten Widerspruch zu den Kostendämpfungszielen des Systems.
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Forschung und Technik: Potenzial ungenutzt
Eine aktuelle Analyse der RAND Corporation zeigt: Bei der Erhebung von Patientendaten für Forschungszwecke gibt es derzeit keinen überlegenen Ansatz. Die größten Hürden sind unzureichende Datenbestände, Governance-Probleme und die Belastung der Studienteilnehmer.
Dabei wäre das Potenzial enorm. Branchenexperten schätzen, dass Fernüberwachungstechnologien Krankenhausaufenthalte um 15 bis 25 Prozent reduzieren könnten. Doch viele Startups scheitern an fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten im aktuellen Krankenversicherungssystem. Hinzu kommt ein strukturelles Problem des EPD: Patienten können einzelne Datenpunkte löschen – was den Nutzen für Ärzte in dezentralen Versorgungsnetzen massiv einschränkt.
