Encrochat, Bundeskriminalamt

Urteil nach Encrochat-Ermittlung: keine Entscheidung

05.09.2023 - 09:58:34

Seit Fahndern in Frankreich ein Schlag gegen die organisierte KriminalitĂ€t gelang, laufen auch in Deutschland viele Prozesse. Fast 1000 Urteile wurden schon gesprochen. Doch ihre GĂŒltigkeit ist umstritten.

Ein internationaler Schlag gegen das organisierte Verbrechen samt verschlĂŒsselter Handys des Anbieters Encrochat hat in Deutschland schon zu Tausenden Ermittlungsverfahren und Hunderten Urteilen gefĂŒhrt. Doch ob die Erhebung und Weitergabe von Daten rechtmĂ€ĂŸig waren, ist umstritten.

In einem schon lange andauernden Drogen-Prozess gegen eine sogenannte Kokain-Bande am Landgericht Neubrandenburg etwa geht es auch darum. Jedoch hilft eine am Dienstag veröffentlichte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts da nicht weiter - es nahm mehrere Beschwerden wegen UnzulÀssigkeit nicht an.

Über verfassungsrechtliche Fragen zur Verwertbarkeit der Encrochat-Daten ist damit in der Sache allerdings nicht entschieden, wie das Gericht extra betonte. In Karlsruhe seien derzeit fĂŒnf weitere Verfassungsbeschwerden zu dem Thema anhĂ€ngig.

Das System

Encrochat ist ein verschlĂŒsseltes Kommunikationssystem gewesen, mit dem Kriminelle Straftaten wie DrogengeschĂ€fte, MordanschlĂ€ge, ÜberfĂ€lle und GeldwĂ€sche organisierten. Den Nutzern hatte Encrochat perfekte AnonymitĂ€t garantiert, die Mobiltelefone sollten nicht abzuhören und nicht zu verfolgen sein.

Das Problem

Französische und spĂ€ter auch niederlĂ€ndische Behörden hatten das System geknackt und das Kriminellen-Netzwerk vor drei Jahren zerschlagen. Im Zuge der internationalen Rechtshilfe gaben sie dabei gefundene Daten an deutsche Kolleginnen und Kollegen weiter. Daraus ergaben sich strafrechtliche Ermittlungen beispielsweise zu DrogengeschĂ€ften in Millionenhöhe und Rockerbanden - und es folgten Urteile. Aus Sicht der KlĂ€ger am Verfassungsgericht hĂ€tten die Gerichte aber vom EuropĂ€ischen Gerichtshof (EuGH) klĂ€ren lassen mĂŒssen, ob die Erhebung und Weitergabe der Daten rechtmĂ€ĂŸig waren.

Die Dimension

Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) wurden hierzulande bisher im Zusammenhang mit Encrochat rund 3800 Ermittlungsverfahren neu eingeleitet und etwa 400 laufende Verfahren unterstĂŒtzt (Stand 30. Juni 2023). Infolgedessen habe es bisher 974 Verurteilungen gegeben. Auch Rockergruppen und Gruppierungen der ClankriminalitĂ€t spielen hierbei eine Rolle. Die Ermittlungsbehörde Europol hatte im Juni berichtet, bisher seien mehr als 6500 Menschen festgenommen und fast 900 Millionen Euro beschlagnahmt worden.

Die Verfassungsbeschwerde

Das höchste deutsche Gericht hat sich nun unter anderem mit einem Urteil des Landgerichts Rostock befasst. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte die Revision des Angeklagten dagegen im vergangenen Jahr verworfen. Dem Beschluss zufolge sah er die aus der Überwachung der Kommunikation ĂŒber Encrochat gewonnenen Erkenntnisse «als im Strafverfahren verwertbar an». Hiergegen reichte der Mann Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe ein. (Az. 2 BvR 558/22)

Die Entscheidung

Doch der KlĂ€ger habe einen möglichen Verstoß gegen Grundrechte mit Blick auf verfassungsgerichtlich entwickelte MaßstĂ€be nicht ausreichend begrĂŒndet, befand die dritte Kammer des Zweiten Senats zum einen. «Die allgemein gehaltene Behauptung eines Verfassungsverstoßes genĂŒgt dem nicht.» Zum anderen ermögliche weder die Revision eine PrĂŒfung noch zeige die Beschwerde auf, dass es zu beanstanden sei, dass der BGH nicht den EuGH zurate gezogen hatte.

Die Kriminellen

Der Erfolg der Ermittler seinerzeit hatte nach EinschĂ€tzung von Europol eine Schockwelle im organisierten Verbrechen in Europa und darĂŒber hinaus ausgelöst. Bisher seien mehr als 115 Millionen GesprĂ€che von etwa 60 000 Nutzern geknackt und analysiert worden. Das BKA hatte in einem Bericht fĂŒr das Jahr 2021 beschrieben, dass von Beschuldigten rund um Encrochat-Verbrechen ein hohes Gefahren- und Bedrohungspotenzial ausgehe: In damals 87 Verfahren hĂ€tten Ermittler 191 bewaffnete TatverdĂ€chtige festgestellt - im Schnitt also mindestens zwei pro Fall. Verglichen mit allen Verfahren zu organisierter KriminalitĂ€t sei der Anteil auffallend hoch.

@ dpa.de