WaschbÀr, Heimische

WaschbÀr breitet sich aus: Heimische Tierarten bedroht

05.04.2024 - 12:00:27

Seit zwei WaschbĂ€rpaare vor 90 Jahren in Nordhessen ausgesetzt wurden, haben sich die Tiere bundesweit enorm ausgebreitet. Experten zufolge sind sie eine Bedrohung fĂŒr die Vielfalt heimischer Arten.

Nachts klappern die MĂŒlleimerdeckel, am nĂ€chsten Morgen liegt der Unrat rundherum verteilt auf der Straße. Auf der Suche nach Nahrung sind WaschbĂ€ren nicht gerade rĂŒcksichtsvoll und wĂ€hlerisch, dafĂŒr aber umso geschickter und anpassungsfĂ€higer.

Bei der massiven Verbreitung der Tiere in Deutschland ist das inzwischen ein Problem. Denn die Allesfresser mit der charakteristischen Zorro-Maske stören nicht nur die Nachtruhe in Wohngebieten, sondern bedrohen Experten zufolge auch den Bestand manch heimischer Tierart.

«WaschbĂ€ren fressen immer das, von dem am meisten da ist», sagt der Wildtierbiologe Norbert Peter von der UniversitĂ€t in Frankfurt. Er untersucht mit anderen Experten im Rahmen des Verbundprojektes Zowiac (Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren)  das Jagdverhalten von WaschbĂ€ren in ausgewĂ€hlten Naturschutzgebieten. Im FrĂŒhjahr etwa seien das Amphibien, die auf dem Weg zu ihren LaichgrĂŒnden seien, um dort ihre Eier abzulegen. Der WaschbĂ€r wĂ€hle sie als Nahrungsressource ganz gezielt aus. «Das kann Auswirkungen haben auf bedrohte Arten.» 

SchÀtzungsweise zwei Millionen WaschbÀren in Deutschland

Laut Peter bringt es der dĂ€mmerungs- und nachtaktive WaschbĂ€r mittlerweile auf schĂ€tzungsweise zwei Millionen Exemplare bundesweit, Tendenz steigend. Als das fĂŒr die Verbreitung des ursprĂŒnglich aus Nordamerika stammenden Raubtiers in Europa wichtigste Ereignis gilt die Aussetzung zweier WaschbĂ€rpaare am 12. April 1934 am nordhessischen Edersee. Auch flohen 1945 nach einem Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg auf eine Pelztierfarm bei Strausberg in Brandenburg einige Tiere. Ohne natĂŒrliche Feinde konnten sie sich seither nahezu ungehindert verbreiten. Seit 2016 werden sie auf der sogenannten Unionsliste gefĂŒhrt, die invasive Arten in der EU enthĂ€lt. 

«WaschbĂ€ren sind inzwischen in fast ganz Deutschland anzutreffen», sagt Torsten Reinwald, Pressesprecher und stellvertretender GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Deutschen Jagdverbands (DJV). Besonders verbreitet seien die Tiere in Nordhessen, SĂŒdniedersachsen und Brandenburg. Sie seien in fast allen BundeslĂ€ndern unter Beachtung des Muttertierschutzes ganzjĂ€hrig jagdbar. So wurden laut DJV-Statistik im Jagdjahr 2022/23 bundesweit offiziell 202 821 WaschbĂ€ren getötet, in der Saison 2000/01 waren es noch 9064.

Die zur Familie der KleinbĂ€ren zĂ€hlenden Tiere seien ausgesprochen anpassungsfĂ€hig und intelligent und könnten sehr gut klettern und schwimmen, erklĂ€rt Reinwald. «So können sie sehr viele ökologische Nischen besetzen und anderen Arten den Lebensraum streitig machen oder sie fressen.» In ThĂŒringen beispielsweise besetzten WaschbĂ€ren inzwischen die HĂ€lfte aller potenziellen NistplĂ€tze fĂŒr Uhus und wĂŒrden die Vögel vertreiben. In Brandenburg weise eine Vielzahl der streng geschĂŒtzten EuropĂ€ischen Sumpfschildkröten VerstĂŒmmelungen auf. «Die WaschbĂ€ren fressen ihre Gliedmaßen und plĂŒndern ihre Gelege.» Sie patrouillierten auch an KrötenschutzzĂ€unen und verzehrten die Amphibien aus den Eimern. 

Giftige Haut von Kröten wird abgeschÀlt

Um das Jagdverhalten der WaschbĂ€ren genauer zu beleuchten, haben Wildtierbiologe Peter und sein Team Daten in Naturschutzgebieten in Hessen sowie in Brandenburg und Sachsen-Anhalt gesammelt. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass WaschbĂ€ren auch Fressfeinde (PrĂ€datoren) von streng geschĂŒtzten Erdkröten, Gelbbauchunken und deren Laich sind. Deren giftige Haut hĂ€lt sie dabei nicht ab. «Die WaschbĂ€ren hĂ€uten sie, bevor sie sie fressen. Das zeigen viele Opfer-Funde», berichtet Peter. 

Vor allem in isolierten LaichgewĂ€ssern hĂ€tten WaschbĂ€ren negative Auswirkungen auf das Amphibienvorkommen. «Wir sehen einen PrĂ€dationsdruck auf geschĂŒtzte Amphibien und Reptilien in bestimmten Gebieten, der fĂŒr diese Arten teilweise bestandsbedrohend ist», sagt Peter. In Mageninhalten der WaschbĂ€ren fanden die Forscher nach seinen Angaben hĂ€ufig Reste von Ringelnattern. Durch genetische Nachweise habe im Untersuchungsgebiet Rheingau-Taunus-Kreis auch ein wĂ€hrend der Eiablage gefressenes Exemplar der stark gefĂ€hrdeten Äskulapnatter identifiziert werden können.

«Der WaschbĂ€r ist ein niedliches und knuddeliges Tierchen, aber man darf nicht vergessen, dass er ein Beutegreifer ist», sagt Julian Heiermann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Viele Amphibienarten hĂ€tten ohnehin schon massive Probleme bei der Reproduktion, etwa durch die Ausbringung von Pestiziden und DĂŒnger, die Zerschneidung der LebensrĂ€ume durch Verkehrswege sowie durch den fortschreitenden Klimawandel und die damit einhergehenden DĂŒrren bei denen LaichgewĂ€sser wiederholt austrockneten. «Und dann kommt ein PrĂ€dator wie der WaschbĂ€r noch obendrauf.»

Jagd als wirksames Mittel umstritten 

Wie also umgehen mit den possierlichen Plagegeistern? «Los werden wir den WaschbĂ€ren nicht mehr», sagt Reinwald. «Aber mit der Jagd können wir die BestĂ€nde schon stark reduzieren. Es gibt keine effektivere Maßnahme.»  Unabdingbar sei dabei die Fangjagd, die aber beispielsweise in Berlin nicht erlaubt sei. «Fast 40 Prozent der Tiere werden in Lebendfallen gefangen.» Die Politik mĂŒsse sich zur Jagd als Artenschutz-Instrument bekennen, fordert er.

Der Nabu sieht die Bejagung oder den Fang des WaschbĂ€ren hingegen kritisch. Eine verstĂ€rkte Fallenjagd sei kein probates Mittel, um das Problem zu lindern, sagt Heiermann. «Theoretisch wĂ€re es möglich die Population damit einzudĂ€mmen. Praktisch ist das zu aufwendig. So viele Fallen kann man gar nicht aufstellen, um die WaschbĂ€renpopulation großflĂ€chig zurĂŒckzudrĂ€ngen.» Zudem seien entsprechende Maßnahmen auch in der Vergangenheit ohne Erfolg geblieben: «Der WaschbĂ€r wird schon ewig bejagt, trotzdem hat er sich munter weiterverbreitet.» Auch Sterilisation und Kastration der Tiere seien keine Lösung, ebenso wenig die medikamentöse VerhĂŒtung. «Das sind nette Ideen, aber sie sind zu aufwendig, um praxistauglich zu sein.»

Eine Musterlösung habe auch der Nabu nicht. «Die Frage ist aus unserer Sicht, wie wir den heimischen Populationen unter die Arme greifen können. Dazu mĂŒssen wir ihren Lebensraum stĂ€rken. Dann können sie sich wieder besser reproduzieren und AusfĂ€lle besser kompensieren.» Die Tiere brauchten geschĂŒtzte und vielseitige LebensrĂ€ume, um sich ernĂ€hren, verstecken und fortpflanzen zu können. «Amphibien beispielsweise brauchen mehr GewĂ€sser und mehr natĂŒrliche Uferzonen mit Versteckmöglichkeiten. Der WaschbĂ€r wird sie trotzdem aufsuchen, aber er wird es dann nicht mehr so leicht haben, sie abzugreifen.»

@ dpa.de