Sepsis-Früherkennung: 15.000–20.000 Todesfälle jährlich vermeidbar
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 19:44 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Einsatz moderner Technologien zur Qualifizierung von medizinischem Fachpersonal und Ersthelfern gewinnt in der Bundesrepublik und auf europäischer Ebene zunehmend an Bedeutung.
Durch die Integration von Virtueller Realität (VR) und Künstlicher Intelligenz (KI) sollen Ausbildungsprozesse präziser gestaltet und die Patientenversorgung, insbesondere in zeitkritischen Notfällen, verbessert werden. Aktuelle Projekte in Deutschland und Italien zeigen dabei unterschiedliche Ansätze der Implementierung.
VR-Simulationen in der Breitenausbildung
Seit August 2026 erproben die Malteser in Braunschweig den Einsatz einer VR-Brille in der Erste-Hilfe-Ausbildung. Das System, das von dem Unternehmen Weltenmacher entwickelt wurde, besteht aus einer VR-Brille, zwei Controllern und einem Sensor-Armband. Letzteres dient dazu, die Frequenz und die Drucktiefe bei der Herzdruckmassage exakt zu messen und dem Trainierenden eine unmittelbare Rückmeldung zu geben.
Dieses Pilotprojekt wird in Kooperation mit den Malteser-Standorten in Münster und Köln durchgeführt. Ziel der Erprobung ist es, die VR-Technologie ab dem Jahr 2027 vermutlich in den regelmäßigen Ausbildungsbetrieb zu integrieren. Ein ähnlicher technologischer Ansatz wird in der italienischen Region Verona verfolgt.
Dort stellte der Gesundheitsbetrieb Ulss 9 am Centro di Formazione in Bussolengo das Projekt „ReadyToSave VR“ vor. Die technische Umsetzung erfolgt hier durch ein Unternehmen aus dem Trentino. Das Projekt weist bereits eine hohe Skalierung auf: Rund 2.800 Ärzte und Pflegekräfte wurden geschult, zudem wurden etwa 3.000 Schüler im Gebiet Verona in die VR-gestützte Ausbildung einbezogen.
Ausbau der KI-Infrastruktur in der Pflege
Neben der Simulation von Notfällen rückt die Pflegeausbildung in den Fokus technologischer Modernisierungen. Im Landkreis Bautzen wurde die Grundsteinlegung für ein spezialisiertes KI-Labor am Beruflichen Schulzentrum „Konrad Zuse“ in Hoyerswerda vollzogen. Der Bau für diesen eingeschossigen, barrierefreien Neubau startete bereits im Sommer 2026.
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Parallel dazu werden digitale Unterstützungsangebote für die ambulante Pflege entwickelt. Das Pilotprojekt TeReS (Technologiegestützte Regionale Sorgegemeinschaft), an dem unter anderem das gewi-Institut und die Universität zu Köln beteiligt sind, umfasst eine App für pflegende Angehörige sowie ein KI-Beratungstool für Pflegeberatungsstellen.
Die Laufzeit dieses Vorhabens, das durch das Land Nordrhein-Westfalen und die Europäische Union gefördert wird, ist bis Juni 2027 angesetzt. In Herford wurde die Deutsche Fachpflege für den digitalen Ausbau im Bereich der Intensivpflege mit dem Gesundheitspreis NRW ausgezeichnet.
Spezialisierte Schulungsprogramme und klinische Früherkennung
Ein weiterer Schwerpunkt der aktuellen Entwicklungen liegt auf der Früherkennung lebensbedrohlicher Zustände. Der Klinikbetreiber Asklepios kündigte für September 2026 den Rollout eines Schulungsprogramms zur Sepsis-Früherkennung für alle Kliniken mit Notaufnahmen an.
Hintergrund dieser Maßnahme ist die hohe Mortalitätsrate: In Deutschland sterben jährlich rund 85.000 Menschen an einer Sepsis. Laut der Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ könnten etwa 15.000 bis 20.000 dieser Todesfälle durch eine frühzeitige Diagnose vermieden werden.
Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) wies im Zusammenhang mit dem Welt-Sepsis-Tag am 13. September 2026 darauf hin, dass erste KI-Anwendungen bereits aktiv in der Sepsis-Früherkennung eingesetzt werden. Auch am Fraunhofer IMTE in Lübeck werden derzeit Möglichkeiten erörtert, wie Robotik, KI und Telemedizin zur Sicherung der flächendeckenden Versorgung beitragen können.
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Kritik an gesetzlichen Rahmenbedingungen der Notfallreform
Trotz des technologischen Fortschritts äußern Fachvertreter Bedenken hinsichtlich der strukturellen Organisation der Notfallversorgung. Der Marburger Bund warnte in einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages vor Schwachstellen im aktuellen Gesetzentwurf. Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft, Dr. Susanne Johna, kritisierte unter anderem die Unklarheit über die Anzahl und Standorte der geplanten Integrierten Notfallzentren (INZ).
Zudem bemängelt der Verband, dass die Ersteinschätzungsverfahren zur Patientensteuerung nicht ausreichend validiert seien. Eine Weiterleitung von ambulanten Patienten zwischen Kliniken ohne und mit Notfallzentrum wurde als medizinisch schwer nachvollziehbar bezeichnet. Die Befürchtung besteht, dass künftig Kostenträger und nicht medizinische Notwendigkeiten über die Standorte der Notfallversorgung entscheiden könnten.
