Smartphone-Feeds: Vier bis fünf Stunden täglich gehen mit schwächerer Aufmerksamkeit einher
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 21:04 Uhr | Redaktion boerse-global.deNeurowissenschaftliche Untersuchungen verdeutlichen, wie stark modernes digitales Multitasking die langfristige kognitive Konzentrationsfähigkeit und Produktivität beeinträchtigt. Mehrere aktuelle Studien beleuchten die Mechanismen im Gehirn, die durch häufige Aufgabenwechsel, permanente Reizüberflutung und intensive Bildschirmnutzung beansprucht werden.
Neuronale Interferenz bei wechselnden Aufgaben
Eine Anfang Oktober 2026 vorgestellte Untersuchung der University of Chicago im Fachjournal Nature Neuroscience zeigt, dass das menschliche Gehirn bei unklaren Aufgabenregeln an funktionelle Grenzen stößt.
In Versuchen mit over 200 Teilnehmern, die gestreifte Kreisbilder bewerteten, interferierten neuronale Repräsentationen visueller Merkmale miteinander, sobald die gültigen Kriterien wechselten. Diese Interferenz zwischen Merkmalen führte zu einer erhöhten Fehlerquote.
Ergänzende elektrische Hirnaufzeichnungen im visuellen und parietalen Kortex von zwei Rhesusaffen sowie Analysen mit künstlichen neuronalen Netzen bestätigten, dass sowohl Menschen als auch Tiere bei wechselnder Aufgabenunklarheit weniger korrekte Entscheidungen trafen.
Die Neurobiologie-Professorin Marlene Cohen stellte fest, dass das Problem nicht im Verlust visueller Information liege, sondern in der erschwerten Trennung der einzelnen Merkmale.
Der beteiligte Forscher Cheng Xue ergänzte, dass Multitasking-Schwierigkeiten kein reiner Mangel an Disziplin seien, schränkte jedoch ein, dass die Befunde spezifisch für die visuelle Merkmalsbewertung unter wechselnden Regeln gelten. Xue empfiehlt, sich auf jeweils eine Aufgabe zu konzentrieren und ausreichend Zeit für Übergänge einzuplanen.
Bildschirmkonsum und kognitive Auswirkungen
Die Art der Mediennutzung spielt für die kognitive Leistungsfähigkeit eine zentrale Rolle. Eine Studie der Semmelweis-Universität im Fachjournal Acta Psychologica untersuchte Smartphone-Nutzer im Alter von 18 bis 35 Jahren. Rund ein Drittel der Befragten konsumierte überwiegend passiv Inhalte über Feeds und Kurzvideos für vier bis fünf Stunden täglich oder mehr.
Diese Gruppe schnitt bei Aufmerksamkeits- und Gedächtnistests relativ zu den alterserwarteten Werten schlechter ab und berichtete häufiger über Schlafprobleme sowie Defizite bei der Impulskontrolle, wenngleich der Befund keine Kausalität belegt.
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Studienleiterin Johanna Takács hob hervor, dass Selbstkontrolle und die Angst, etwas zu verpassen, für problematisches Verhalten ausschlaggebender seien als eine bloße Neigung zu Angstgefühlen.
Auswertungen des Penn State College of Nursing an Stichprobengrößen von 19 bis über 17.000 Teilnehmern, darunter Daten der ABCD-Studie mit 11.875 Kindern und der YRBS-Erhebung mit 17.076 Jugendlichen, zeichnen ein ähnliches Bild. fMRT-Aufnahmen bei 8- bis 12-Jährigen zeigten beim Lesen eine stärkere, bei Bildschirmnutzung hingegen eine schwächere Konnektivität in Sprach- und Kontrollnetzwerken.
Bei 4.277 Kindern korrelierten ausgeprägte Bildschirmnutzungs-Netzwerke mit einer niedrigeren Intelligenz. Forscher weisen jedoch darauf hin, dass es sich größtenteils um Beobachtungsdaten und Selbstauskünfte handelt, die keinen ursächlichen Nachweis liefern.
Belastung der Hirnnetzwerke und Alltagsstrategien
Messungen der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und der Weber State University mittels funktioneller Magnetresonanztomographie an 40 Personen wiesen veränderte Netzwerkdynamiken nach. Bei Übergängen zwischen intern und extern orientierten Zuständen zeigten Probanden mit hohem SAS-M-Wert veränderte Entkopplungsmuster zwischen dem Ruhezustandsnetzwerk und aufmerksamkeitssteuernden Arealen.
Der Neuropsychologe Francis Eustache betonte, dass ständige Unterbrechungen durch Smartphones – im Schnitt alle 75 Sekunden sowie alle 6 Minuten am Arbeitsplatz für Nachrichten – zu kognitiver Überlastung und Stress führen können.
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Der Psychiater Xu Zhengdian wies darauf hin, dass selbst ein stummgeschaltetes, mit dem Bildschirm nach unten liegendes Smartphone auf dem Schreibtisch kognitive Ressourcen binde, da das Verlangen nach Interaktion aktiv unterdrückt werden müsse.
Experten raten daher zur gezielten Reduktion digitaler Reize. Das Fraunhofer IAO empfiehlt unter anderem, mobile Geräte während anspruchsvoller Tätigkeiten in einen anderen Raum zu legen, feste Fokuszeiten zu blockieren und vor unvermeidbaren Arbeitsunterbrechungen den nächsten geplanten Schritt schriftlich festzuhalten.
