Staatsquote: 2027 steigt der Staatsanteil auf den höchsten Stand seit 1960
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 06:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die deutsche Finanz- und Steuerpolitik sieht sich wachsender Kritik aus Wissenschaft und Wirtschaft ausgesetzt. Laut einem Bericht vom 6. Oktober 2026 stufte Ifo-PrĂ€sident Clemens Fuest die Bundesrepublik als drohenden Sanierungsfall mit groĂer Vergangenheit, aber unsicherer Zukunft ein.
Vor allem die aktuellen steuerpolitischen PlĂ€ne bewertete der Ăkonom skeptisch: Die Steuerreform zĂ€hle zu den schwĂ€chsten Elementen des Reformprogramms der Regierung. Ein jĂ€hrliches Entlastungsvolumen von rund zehn Milliarden Euro sei schlicht zu gering, um nennenswerte Wachstumsimpulse zu entfalten. Zudem belaste die geplante Erhöhung des Spitzensteuersatzes vor allem mittelstĂ€ndische Betriebe.
Geringe Entlastung und Kritik an der Tarifanpassung
Nach EinschÀtzung des Ifo-Instituts handelt es sich bei den geplanten Schritten im Kern nicht um eine echte Steuerreform, sondern im Wesentlichen um eine verfassungsrechtlich veranlasste Tarifanpassung.
Auch zehn WirtschaftsverbĂ€nde sowie das Institut der deutschen Wirtschaft Ă€uĂerten deutliche Vorbehalte gegen das Vorhaben. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft gleichen die geplanten Ănderungen bereits bei mittleren Einkommen die kalte Progression nicht aus.
Konkrete Berechnungen des Finanzwissenschaftlers Frank Hechtner fĂŒr das Jahr 2027 verdeutlichen die ĂŒberschaubaren Effekte fĂŒr viele Steuerzahler. Demnach bleibt einem Single mit einem Monatsverdienst von 2.000 Euro im Jahr lediglich ein Plus von 34 Euro, was 2,83 Euro im Monat entspricht.
Bei einem Einkommen von 4.000 Euro betrĂ€gt das jĂ€hrliche Plus zehn Euro beziehungsweise 83 Cent im Monat. Bei 6.000 Euro Monatsverdienst belĂ€uft sich das Plus auf 147 Euro, wĂ€hrend BeschĂ€ftigte mit 7.500 Euro im Monat bereits 390 Euro weniger zur VerfĂŒgung haben. Ein Spitzenverdiener mit 8.850 Euro Monatsgehalt muss laut den Berechnungen 1.491 Euro mehr an SozialbeitrĂ€gen entrichten.
Gleichzeitig greift der Reichensteuersatz von 45 Prozent kĂŒnftig bereits ab einem Einkommen von 200.000 Euro, wĂ€hrend der Satz oberhalb von 250.000 Euro von 45 auf 47 Prozent angehoben wird. Die Beitragsbemessungsgrenze steigt um 9,7 Prozent beziehungsweise 300 Euro.
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Der Bund der Steuerzahler, der rund 200.000 Mitglieder und UnterstĂŒtzer zĂ€hlt, bewertete den Regierungsentwurf fĂŒr 2027 und 2028 ebenfalls als unzureichend. VerbandsprĂ€sident Reiner Holznagel forderte, dass der Staat bei den Steuereinnahmen nicht erneut zum Inflationsgewinner werden dĂŒrfe.
Investitionsanreize, Haushaltsausgaben und steigende Staatsquote
Zwar enthĂ€lt das Paket auch Investitionsimpulse â darunter befristete Sonderabschreibungen von 30 Prozent fĂŒr AusrĂŒstungsgĂŒter von 2025 bis 2027 sowie 75 Prozent fĂŒr Elektrofahrzeuge im Anschaffungsjahr.
Zudem soll die Körperschaftsteuer bis 2032 schrittweise von 15 Prozent auf 10 Prozent sinken. Steuerexperten bemĂ€ngeln jedoch die unklare Gegenfinanzierung und verweisen auf den kurzfristigen Charakter einzelner MaĂnahmen.
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Fuest warf der Regierung zudem vor, im Kernhaushalt 2025 Investitionen gekĂŒrzt und Mittel aus der Verschuldung zweckentfremdet zu haben. Ohne eine konsequente Drosselung weniger prioritĂ€rer Staatsausgaben werde die Schuldenquote weiter zunehmen.
Interne Unterlagen des Bundesfinanzministeriums belegen den wachsenden staatlichen Anteil: Die Staatsquote soll 2026 auf 52 Prozent steigen und 2027 mit 52,4 Prozent den höchsten Stand seit 1960 erreichen. Die Steuer- und Abgabenquote bewegt sich mit 39,4 Prozent bereits seit 2025 auf Rekordniveau.
BĂŒrokratischer Aufwand durch neue Sonderabgaben
ZusĂ€tzlichen ZĂŒndstoff liefert der geplante bĂŒrokratische Aufwand fĂŒr neue Einnahmequellen wie die Zucker- und die Plastiksteuer, die ab Sommer 2027 greifen sollen.
WĂ€hrend dadurch jĂ€hrliche Mehreinnahmen von 2,5 Milliarden Euro angestrebt werden, erfordert die Administration voraussichtlich ĂŒber 1.000 neue Stellen in der Verwaltung, ĂŒberwiegend beim Zoll. Allein die Personalkosten hierfĂŒr belaufen sich auf rund 74 Millionen Euro jĂ€hrlich, was bei Wirtschaftsvertretern auf scharfe Kritik stöĂt.
