Statine ab 75: Studie findet nach dem Absetzen keinen Nachteil bei Sterblichkeit
Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 11:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Frage, ob ältere Menschen ein Statin zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen dauerhaft weiternehmen müssen, beschäftigt Ärzte und Patienten seit Jahren. Eine französische Studie liefert nun neue Erkenntnisse zu dieser Frage und deutet darauf hin, dass ein Absetzen bei über 75-Jährigen unter bestimmten Bedingungen keine erhöhten Risiken mit sich bringt.
Die Studie aus Bordeaux
Ein Team um Fabrice Bonnet vom Saint-André-Krankenhaus in Frankreich untersuchte in einer randomisierten kontrollierten Studie, veröffentlicht in Lancet Healthy Longevity, ob das Absetzen von Statinen zur Primärprävention von arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei über 75-Jährigen der Fortführung der Therapie unterlegen ist. Das Ergebnis: Nach drei Jahren war das Absetzen der Weiterbehandlung hinsichtlich der Gesamtsterblichkeit nicht unterlegen.
Am Universitätsklinikum Bordeaux nahmen 1180 Personen aus Hausarztpraxen teil, von denen 1160 ausgewertet wurden. Alle Teilnehmenden waren mindestens 75 Jahre alt, im Mittel 80 Jahre, nahmen seit mindestens einem Jahr ein Statin zur Primärprävention ein und hatten keine bestehende Gefäßerkrankung.
Etwa 30 Prozent der Teilnehmenden hatten Diabetes, mehr als 75 Prozent Bluthochdruck. Die Beobachtungszeit erstreckte sich ĂĽber 36 Monate, von Juni 2016 bis Januar 2020.
Sterblichkeit, kardiovaskuläre Ereignisse und Nebenwirkungen
Nach drei Jahren starben 48 von 604 Teilnehmenden (7,9 Prozent) in der Gruppe, die die Statin-Therapie fortsetzte, gegenüber 35 von 484 Teilnehmenden (7,2 Prozent) in der Gruppe, die das Medikament absetzte – ein Ergebnis, das die Forschenden als Nichtunterlegenheit werteten.
Bei schweren kardiovaskulären Ereignissen zeigte sich ein ähnliches Bild: 4,4 Prozent unter fortgesetzter Therapie standen 5,0 Prozent nach dem Absetzen gegenüber.
Auch bei unerwünschten Ereignissen insgesamt unterschieden sich die Gruppen kaum: 73,1 Prozent unter Fortführung versus 74,0 Prozent nach Absetzen. Nach drei Jahren zeigte sich zudem kein Unterschied bei der Lebensqualität zwischen beiden Gruppen.
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Allerdings weist die Studie eine wesentliche Einschränkung auf: Geplant waren ursprünglich 2430 Teilnehmende, tatsächlich gewonnen wurden nur 1180. Zudem traten weniger Todesfälle auf als ursprünglich angenommen, was die statistische Aussagekraft begrenzt.
Einordnung fĂĽr die Praxis
Aus den Bordeaux-Daten leiten die Forschenden ab, dass ein Absetzen sinnvoll sein kann, wenn die Lebenserwartung begrenzt ist, die Medikamentenlast hoch ist oder sich die Therapieziele geändert haben. Das Alter allein rechtfertige jedoch kein Absetzen. Bei bestehender koronarer Herzkrankheit oder Arteriosklerose schützten Statine demnach auch jenseits des 75. Lebensjahres weiterhin.
Bonnet verwies zudem darauf, dass Statine in der Primärprävention arteriosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit und Revaskularisation um 20 bis 30 Prozent senken. Frühere Studien zu diesem Thema hätten ältere Menschen jedoch meist ausgeschlossen, was die Datenlage für diese Altersgruppe lange dünn gehalten habe.
Ergänzende Erkenntnisse aus der STAREE-Studie
Ein anderes Bild zeichnet die STAREE-Studie, die im Frühjahr im New England Journal of Medicine veröffentlicht und auf einem Kardiologiekongress vorgestellt wurde. Sie untersuchte 9971 Erwachsene ab 70 Jahren – im Mittel 74,7 Jahre alt, 51,9 Prozent Frauen, mehr als 40 Prozent über 75 Jahre – ohne bestehende kardiovaskuläre Vorerkrankung, Demenz oder Diabetes. Die Teilnehmenden erhielten randomisiert entweder 40 Milligramm Atorvastatin oder Placebo, bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 5,9 Jahren.
Hier zeigte sich ein deutlicher Effekt: Schwere kardiovaskuläre Ereignisse (4-Punkt-MACE) traten unter Atorvastatin in 297 Fällen auf (10,9 pro 1000 Personenjahre) gegenüber 412 Fällen unter Placebo (15,5 pro 1000) – eine Risikoreduktion um rund 30 Prozent (Hazard Ratio 0,70; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,61–0,82; p<0,001).
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Beim kombinierten Endpunkt aus Tod, Demenz und behinderungsfreiem Überleben fand sich dagegen kein signifikanter Unterschied: 637 Fälle unter Atorvastatin gegenüber 676 unter Placebo (21,6 vs. 23,0 pro 1000; Hazard Ratio 0,94; 0,84–1,05; p=0,25).
Bei Herzinfarkten lag die Rate bei 2,9 gegenĂĽber 5,9 pro 1000 (Hazard Ratio 0,57), bei Koronarrevaskularisationen bei 4,0 gegenĂĽber 7,0 (Hazard Ratio 0,57).
Der LDL-Wert sank unter Atorvastatin um rund 38 Prozent, unter Placebo um 13 Prozent. Schwere Nebenwirkungen traten in beiden Gruppen mit 2,7 Prozent gleich häufig auf.
In Subgruppenanalysen zeigte sich allerdings kein signifikanter Nutzen bei Frauen oder bei Teilnehmenden mit bereits gut eingestelltem Blutdruck, Lipidwerten oder Gewicht. Als Limitationen nannten die Studienautoren eine überwiegend weiße Studienpopulation sowie die Rekrutierung während der COVID-Pandemie, wodurch die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf gebrechlichere ältere Menschen übertragbar seien.
Zwei Studien, ein differenziertes Bild
Beide Untersuchungen betrachten unterschiedliche Fragestellungen: Während die Bordeaux-Studie das Absetzen einer bereits laufenden Therapie bei bestehenden Risikofaktoren untersuchte, prüfte STAREE den Neubeginn einer Statin-Therapie bei bislang unbehandelten älteren Menschen ohne Vorerkrankungen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass individuelle Faktoren wie Lebenserwartung, Begleiterkrankungen und bestehende Medikamentenlast bei der Entscheidung über Fortführung, Beginn oder Absetzen einer Statin-Therapie im höheren Alter eine zentrale Rolle spielen sollten.
