Stille, Hungersnot

Stille Hungersnot: Zwei Milliarden Menschen drohen neurologische Schäden

Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 17:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
DGEM und Studien zeigen weitreichende Versorgungslücken sowie erhöhte Gesundheitsrisiken durch Mangelernährung und fehlende Klinik-Screenings.
Weite, ausgetrocknete Agrarflächen mit rissigem Boden und spärlicher Vegetation unter einem trüben Himmel. Illustration mit AI erstellt.

Experten schlagen Alarm wegen einer sogenannten stillen Hungersnot: Weltweit sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) rund zwei Milliarden Menschen von einem Mangel an lebenswichtigen Vitaminen und Mineralstoffen betroffen. Dieser als versteckter Hunger bezeichnete Zustand tritt vor allem im Globalen Süden auf, birgt jedoch global erhebliche Gesundheitsrisiken. Eine dauerhafte Unterversorgung mit Mikronährstoffen kann schwere neurologische Schäden und irreversible Knochenprobleme verursachen.

Neurologische Risiken und chronische Unterernährung

Ein Defizit an Mikronährstoffen bleibt häufig über lange Zeit unbemerkt. Matthias Pirlich, ehemaliger Präsident der DGEM, wies darauf hin, dass ein Vitamin-D-Mangel über viele Monate hinweg vollkommen symptomlos verlaufen kann. Ein Mangel an Vitamin B12 kann zudem das Rückenmark direkt schädigen und zu Taubheitsgefühlen, Muskelschwäche bis hin zu Lähmungen führen.

Mehrere wissenschaftliche Arbeiten untermauern die neurologischen Gefahren: Eine taiwanesische Studie auf Basis elektronischer Gesundheitsakten aus dem Juli 2026 verzeichnete bei Personen mit niedrigem Vitamin-B12-Spiegel eine Demenzrate von 2,93 % gegenüber 2,31 % bei normalen Werten, was einem um rund 30 % erhöhten relativen Risiko entspricht.

Bereits die Framingham-Studie von 2012 ermittelte bei 549 älteren Probanden einen kognitiven Rückgang von 0,35 Punkten pro Jahr bei den niedrigsten B12-Werten, verglichen mit 0,24 Punkten in den übrigen Gruppen.

Eine Untersuchung in der Fachzeitschrift Neurology aus dem Jahr 2011 mit 121 älteren Teilnehmern zeigte ebenfalls einen Zusammenhang zwischen niedrigen B12-Markern, schlechterer Gedächtnisleistung und geringerem Hirnvolumen.

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) leiden zudem weltweit rund 645 Millionen Menschen an chronischer Unterernährung.

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Dem im Juli 2026 vorgelegten SOFI-Bericht der FAO zufolge entsprach dies im Jahr 2025 einem Anteil von 7,8 % der Weltbevölkerung. Dabei waren rund 309 Millionen Menschen in Afrika, 292 Millionen in Asien sowie rund 32 Millionen in Lateinamerika und der Karibik betroffen.

Rund 2,1 Milliarden Menschen lebten demnach in moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit, während 2,7 Milliarden Personen sich keine gesunde Ernährung leisten konnten.

Mangelernährung im Klinikalltag und hohe Folgekosten

Auch in den Industrienationen stellt die Unterversorgung ein ernstes Problem dar. Die DGEM schätzt, dass in Deutschland jährlich rund 50.000 Todesfälle durch Mangelernährung verursacht werden.

Rund 30 % der stationären Patienten in deutschen Kliniken gelten als mangelernährt oder gefährdet, jedoch wird lediglich etwa 1 % tatsächlich untersucht und behandelt. Bis Ende 2027 plant die Fachgesellschaft die Vorlage eines verbindlichen Konzepts für standardisierte Screenings in Krankenhäusern.

Eine Untersuchung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Universität Würzburg an 130.705 Patienten zeigte, dass Mangelernährung in den Abrechnungsdaten nur bei rund 1,2 % der Fälle erfasst wurde, obwohl Screenings bei mindestens 30 % anschlugen.

Die dokumentierte Mangelversorgung hatte drastische Folgen: Die 90-Tage-Sterblichkeit lag bei diagnostizierten Patienten bei 18,2 % gegenüber 7,3 % in der Kontrollgruppe, die Wiederaufnahmerate bei 44,9 % gegenüber 37,8 % und die Ein-Jahres-Sterblichkeit bei 31,7 % gegenüber 16,3 %. Dies spiegelte sich auch ökonomisch wider: Die jährlichen Gesundheitsausgaben betrugen 18.052 € pro Fall gegenüber 4.396 € in der Vergleichsgruppe.

Gleichzeitig wandten Kliniken im Jahr 2024 oft lediglich 5 bis 6 € pro Tag und Patient für Lebensmittel auf. Der DGE-Ernährungsbericht vom November 2024 stellte zudem fest, dass zwischen 2019 und 2022 insgesamt 33,9 % der Krankenhauspatienten mangelernährt waren, 21 % davon schwer. Nur 2,77 bis 4,45 % der diagnostizierten Patienten erhielten eine künstliche Ernährung.

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Breite Versorgungslücken in Industrie- und Schwellenländern

Ein Blick auf Bevölkerungsstudien verdeutlicht das Ausmaß von Mikronährstoffdefiziten. Daten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) aus dem Jahr 2017 zeigen, dass hierzulande rund ein Drittel der Bevölkerung von einem Vitamin-D-Mangel und rund ein Drittel von einem Jodmangel betroffen ist.

In den USA erreichten laut einer Erhebung aus den Jahren 2007 bis 2010 fast drei Viertel der Bevölkerung die empfohlene Vitamin-D-Zufuhr nicht, während über zwei Drittel einen Vitamin-E-Mangel aufwiesen.

Nachfolgende Erhebungen aus den Jahren 2017 bis 2020 sowie 2022 ergaben, dass mehr als ein Viertel der befragten US-Erwachsenen an Eisenmangel litt, etwa 65 % einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel hatten und fast 40 % unzureichend mit Kalzium versorgt waren.

In Großbritannien ergab der National Diet and Nutrition Survey, dass fast ein Viertel der Jugendlichen im Alter von 11 bis 18 Jahren einen Nährstoffmangel aufweist. Brasilianische Erhebungen der Forschungseinrichtung Fiocruz dokumentierten bei über 50 % der Erwachsenen einen unzureichenden oder defizitären Vitamin-D-Status.

Ein Bericht des türkischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2020 wies bei 66,7 % der Bevölkerung einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel sowie eine unzureichende Eisenversorgung bei Frauen nach.

Angesichts dieser Befunde forderte Martin Hewison von der Universität Birmingham, eine gesetzlich vorgeschriebene Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D zu prüfen, wie sie bereits in Kanada und Schweden praktiziert wird. Erkrankungen wie Rachitis seien trotz eines Jahrhunderts der Forschung noch immer nicht vollständig verschwunden.

Vertreter der Initiative ACT NOW Vitamin D verwiesen zudem auf ein lebenslanges Versorgungsdefizit bei Frauen von der Jugend ĂĽber die Schwangerschaft bis hin zu den Neugeborenen und sprachen sich fĂĽr eine Anhebung der Schwellenwerte zur Definition von Defiziten aus.

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