Süßstoffe zum Abnehmen: 280 Studien zeigen nur 0,7 Kilogramm Gewichtsverlust
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 00:52 Uhr | Redaktion boerse-global.deSüßstoffe gelten in vielen Haushalten als bewährte Methode, um Kalorien zu sparen und den Blutzuckerspiegel zu schonen. Medizinische Fachleute warnen jedoch vor Fehlschlüssen. Wie die Kardiologin Natalja Gawrilowa von der Klinik K+31 West darlegt, stellen Süßstoffe keine gesündere Alternative zu herkömmlichem Zucker dar.
Zwar verursacht ein übermäßiger Zuckerkonsum durch Glukosespitzen, Insulinresistenz und Entzündungen erhebliche Schäden im Körper, doch der häufige verzehr von Süßstoffen kann ebenso wie Zucker das Verlangen nach Süßem dauerhaft aufrechterhalten.
Fachleute raten daher dazu, Süßstoffe lediglich als temporäres Instrument und keinesfalls als dauerhaften Bestandteil der täglichen Ernährung zu nutzen. Empfohlen werden kleine Dosen, eine seltene Anwendung sowie die konsequente Kontrolle der Gesamtsüße.
Ernährungsmuster und metabolische Gesamtzusammenhänge
Nach Einschätzung von Gawrilowa hängt die tatsächliche Wirkung von Süßstoffen stark vom Gesamtkontext ab. Entscheidend seien hierbei die gesamte Kalorienzufuhr, der Anteil stark verarbeiteter Lebensmittel sowie vorliegende chronische Erkrankungen wie Diabetes.
Ziel müsse eine generelle Reduktion von Süße und Kalorien sein. Eine ausgewogene Ernährung setze stattdessen auf reichlich Eiweiß, Ballaststoffe und Mikronährstoffe anstelle von industriell hochverarbeiteter Kost.
Auch bei der Gewichtsreduktion erfüllen Süßungsmittel selten die Erwartungen. Der Kardiologe Jorge Tartaglione verweist auf eine Übersicht von 280 Studien, die lediglich einen Gewichtsverlust von 0,7 kg ergab. Er stuft die Substanzen als ungeeignet zum Abnehmen ein, da sie dem Gehirn Süße ohne Kalorien vorspiegeln und so den Appetit steigern können.
Tartaglione unterteilt die Stoffe in künstliche Varianten wie Saccharin, Sucralose und Aspartam, natürliche Alternativen wie Stevia sowie Polyalkohole, wobei Stevia etwas besser abschneide. Für Kinder empfiehlt er Süßstoffe nicht.
Bei Aspartam zeige sich im Tierversuch erst ab einer Menge von etwa 14 Dosen Limonade eine krebserregende Wirkung. Zudem betont der Mediziner, dass statistische Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes keine Kausalität belegen, da bereits erkrankte Personen schlicht häufiger zu Süßstoffen greifen.
Risiken durch Polyole und Reaktionen im Verdauungstrakt
Der Ernährungsmediziner Andrea Bottoni vom Hospital IGESP hebt hervor, dass der Ersatz von Zucker durch Süßstoffe zwar situativ sinnvoll sein könne, jedoch keine Freigabe für größere Verzehrmengen darstelle.
Zu beachten seien die kumulierte Exposition und sichere Höchstmengen. Speziell Polyole wie Sorbitol, Maltitol und Xylitol können bei großen Mengen unerwünschte Beschwerden wie Blähungen, Bauchspannung, Krämpfe und Durchfall auslösen.
Bottoni empfiehlt Verbrauchern, Zutatenlisten sowie Nährwerttabellen genau zu prüfen, Portionsgrößen einzuhalten, sämtliche Süßstoffquellen über den Tag zu addieren und die eigene Vorliebe für extrem süße Geschmäcker schrittweise zu senken. Einer Erhebung von Consumer Insights zufolge haben bereits 53 Prozent der Brasilianer ihren Konsum von Zucker und traditionellen Süßigkeiten reduziert.
Dass Produkte mit Süßstoffen nicht automatisch kalorienarm sind, belegen Untersuchungen der Universidad Miguel Hernández im Rahmen des BADALI-Projekts.
Bei Galletten mit Süßstoffen anstelle von Zucker sinkt der Energiegehalt lediglich um 8 Prozent, während Fett und Salz unverändert bleiben und lediglich der Ballaststoffanteil steigt. Bei Joghurts hingegen führen Süßstoffe zu weniger Fett, weniger gesättigten Fettsäuren und einer deutlichen Reduktion der Gesamtenergie.
Da Süßstoffe intensiv mit Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, raten internationale Organisationen wie die WHO, die PAHO und das US-Landwirtschaftsministerium von ihrem Gebrauch ab; mehrere Länder erheben zudem Steuern auf gesüßte Getränke.
Wer seinen Blutzucker nachhaltig stabilisieren möchte, sollte die versteckten Fallen im Alltag kennen. Dieser kostenlose Ratgeber deckt auf, welche Lebensmittel Ihre Werte heimlich beeinflussen und bietet gesunde Alternativen. Die 16 gefährlichsten Blutzuckerfallen jetzt kostenlos entdecken
Laborbefunde der Universität Cambridge verdeutlichen zudem biologische Wechselwirkungen auf mikrobieller Ebene: Bei Tests von 39 Süßstoffen und Zuckerersatzstoffen mit 25 Bakterienstämmen veränderten rund drei Viertel der Substanzen das Wachstum mindestens eines Stamms in vitro. Von 975 getesteten Kombinationen zeigten sich 30 bestätigte Interaktionen zwischen 26 Substanzen und 5 Stämmen.
Das Stevia-Derivat Isosteviol hemmte drei Stämme und förderte einen. In Kombinationen mit Koffein, Vanillin, Advantam und Duloxetin traten 102 Interaktionen auf, darunter die Hemmung von Roseburia intestinalis und Parabacteroides merdae durch Isosteviol und Duloxetin. Die Forscher betonen jedoch, dass es sich um reine In-vitro-Befunde ohne unmittelbare klinische Aussagekraft handelt.
Kognitive Einflüsse und kardiovaskuläre Befunde
Neben metabolischen Aspekten rückten zuletzt mögliche neurologische Folgen in den Blickpunkt. Eine Beobachtungsstudie der Universität São Paulo an 12.772 Erwachsenen in Brasilien im Durchschnittsalter von 52 Jahren, die von 2008 bis 2019 über rund acht Jahre begleitet wurden, zeigte Auffälligkeiten: Die Gruppe mit dem höchsten Süßstoffkonsum wies im Vergleich zum niedrigsten Konsum einen um 62 Prozent schnelleren Rückgang von Denken und Gedächtnis auf, was etwa 1,6 Jahren zusätzlicher kognitiver Alterung entspricht.
Bei moderatem Konsum lag die Rate um 35 Prozent höher (entsprechend etwa 1,3 Jahren). Bei der allgemeinen Kognition zeigte sich ein um 63 Prozent beziehungsweise 36 Prozent beschleunigter Rückgang. Ein erhöhtes Demenzrisiko ließ sich daraus jedoch nicht belegen.
Sechs von sieben untersuchten Substanzen – Aspartam, Saccharin, Acesulfam-K, Erythrit, Sorbit und Xylit – waren mit diesem schnelleren Abbau assoziiert, während für Tagatose kein signifikanter Zusammenhang bestand. Der Effekt zeigte sich stärker bei Personen mit Diabetes sowie unter 60-Jährigen.
Der bewusste Umgang mit der täglichen Ernährung ist gerade bei metabolischen Risiken entscheidend für die langfristige Gesundheit. Erfahren Sie in diesem Gratis-Report, wie Sie mit einfachen Tipps und Rezepten mehr Energie gewinnen und Ihre Verdauung spürbar entlasten. Kostenlosen Ratgeber für zuckerfreies Leben hier anfordern
Die tägliche Gesamtaufnahme reichte laut Daten der American Academy of Neurology von 20 mg pro Tag in der niedrigsten Gruppe bis zu 191 mg pro Tag in der höchsten Gruppe, wobei 191 mg Aspartam etwa dem Gehalt einer Dose Diätlimonade entsprechen. Sorbit verzeichnete mit 64 mg pro Tag die höchste durchschnittliche Aufnahmemenge.
Auch auf kardiologischer Ebene geben Blutkonzentrationen bestimmter Zuckeraustauschstoffe Anlass zu Untersuchungen. Wie auf dem ESC-Kongress 2026 anhand der CLSA- und EPIC-Norfolk-Kohorten mit insgesamt 17.710 Teilnehmern vorgestellt wurde, stehen hohe Xylit-Werte im Blut in Verbindung mit schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen.
Bei Personen mit sehr hohen Xylitolspiegeln lag das Risiko über sechs Jahre um 57 Prozent und nach 30 Jahren um 18 Prozent höher als bei den niedrigsten Werten.
Bereits vorangegangene Analysen wiesen darauf hin, dass Xylitol die Neigung von Blutplättchen zur Gerinnselbildung verstärkt. Auf der DGK-Jahrestagung 2026 thematisierte Marco Witkowski vom Deutschen Herzzentrum der Charité die kardiovaskulären Risiken durch Erythritol und Xylitol vor dem Hintergrund der globalen Adipositas-Pandemie.
Da rund 19 Prozent der Erwachsenen in Deutschland von Adipositas betroffen sind, stellt dies einen maßgeblichen Risikofaktor für Typ-2-Diabetes, Atherosklerose, Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle dar.
