Süßstoffgetränke: SWITCH-Studie findet nach 104 Wochen keinen Gewichtsnachteil
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 16:24 Uhr | Redaktion boerse-global.deKünstliche Süßstoffe in zuckerfreien Getränken stehen zunehmend im Fokus der Ernährungsforschung. Nach Einschätzung der Gastroenterologin Ekaterina Kaschuch können entsprechende Ersatzstoffe die körpereigene Appetitregulation stören, indem sie Hungerzentren sowie Belohnungsareale im Gehirn beeinflussen und hormonelle Sättigungsreaktionen verändern.
Substanzen wie Aspartam und Sucralose vermitteln zwar einen süßen Geschmack, liefern dem Organismus jedoch nicht die Energie herkömmlichen Zuckers. Bleiben die vom Gehirn erwarteten Kalorien aus, könne dies dazu führen, dass Betroffene zu einem späteren Zeitpunkt mehr Nahrung zu sich nehmen.
Mechanismen im Gehirn und unklare Kausalität
Beobachtungsdaten deuten laut Kaschuch auf einen Zusammenhang zwischen dem regelmäßigen Konsum von Diätlimonaden, einem höheren viszeralen Fettvolumen sowie Risiken für metabolische Störungen hin. Personen, die häufig zu Süßstoffen griffen, wiesen zudem oft einen höheren Body-Mass-Index auf als Konsumenten zuckerhaltiger Getränke.
Als denkbare Ursachen gelten Veränderungen der Insulinempfindlichkeit oder des allgemeinen Essverhaltens. Eindeutige Schlüsse lassen sich daraus jedoch nicht ableiten. Denkbar sei ebenso ein umgekehrter Kausalzusammenhang, da übergewichtige Personen häufiger gezielt auf kalorienfreie Varianten umsteigen.
Kaschuch betonte, dass stets das gesamte Ernährungsmuster entscheidend bleibe. Diätcola als alltäglicher Ersatz für Wasser bringe bei anhaltendem Überessen keinen gesundheitlichen Nutzen. Zwar könnten süßstoffhaltige Getränke den Übergang bei einer Ernährungsumstellung erleichtern, sie seien jedoch kein eigenständiges Abnehmmittel. Die Datenlage zu den tatsächlichen Langzeitfolgen bleibe uneinheitlich.
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Klinische Langzeitdaten der SWITCH-Studie
Im Kontrast zu den beobachteten Risiken stehen kontrollierte Interventionsstudien. Forschende der Universität Liverpool untersuchten in der zweijährigen SWITCH-Studie, die im British Journal of Nutrition erschien, 493 übergewichtige oder adipöse Erwachsene innerhalb eines strukturierten Programms zum Gewichtsmanagement.
Die Teilnehmenden wurden in eine Wassergruppe und eine Gruppe aufgeteilt, die täglich mindestens zwei 330-ml-Portionen kommerzieller Diätgetränke mit Aspartam, Sucralose oder Acesulfam und weniger als 2,1 kcal/100 ml konsumierte.
Nach 104 Wochen zeigte sich kein statistisch signifikanter Gewichtsunterschied zwischen den beiden Kohorten: Beide Gruppen konnten ihr Gewicht reduzieren sowie Taillenumfang und Körperzusammensetzung verbessern. Die Diätgetränk-Gruppe verzeichnete eine durchschnittliche Abnahme von rund 4,8 kg, während die Wassergruppe etwa 3,7 kg abnahm.
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In beiden Gruppen ging die Gesamtzuckeraufnahme zurück, bei den Konsumenten von Süßstoffgetränken fiel dieser Rückgang etwas deutlicher aus. Hinweise darauf, dass Süßstoffe den Appetit oder eine Gewichtszunahme fördern, ergab die Untersuchung nicht.
Gunter Kuhnle von der Universität Reading und Jason Halford von der Universität Leeds legten dar, dass Süßstoffe wie Aspartam, Sucralose oder Stevia Süßrezeptoren ohne wesentliche Kalorienzufuhr aktivieren, sich im Stoffwechsel jedoch unterscheiden.
Über den zweijährigen Zeitraum habe der tägliche Konsum von zwei Getränken zu keiner Verstärkung der Süßpräferenz geführt. Halford hob hervor, dass der Umstieg von zuckerhaltigen Limonaden auf energiearme Alternativen die Kalorienzufuhr senke und von Lebensmittelbehörden als langfristig sicher eingestuft werde.
Fachliche Kontroverse über Methodik und Relevanz
In der Fachwelt werden die Studienergebnisse differenziert diskutiert. Jøran Hjelmesæth von der Universität Oslo und dem Sykehuset Vestfold merkte an, zuckerfreie Limonade schneide beim Gewichtsverlust mindestens so gut ab wie Wasser, wenngleich Wasser mit Blick auf die Zahngesundheit vorzuziehen sei.
Trine Husøy vom norwegischen Folkehelseinstituttet betonte den Informationswert klinischer Langzeitstudien, stellte jedoch klar, dass kein Zwang zum Konsum von Diätgetränken bestehe. Nach Angaben des Helsedirektoratet liegt der Pro-Kopf-Verbrauch künstlich gesüßter Limonaden in Norwegen bei 68 l pro Jahr, unter Einbezug zuckerfreier Energydrinks bei 73 l.
Kritik an der Aussagekraft der britischen Studie äußerte Marthe Isaksen Aukan von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU). Nach 104 Wochen habe lediglich rund die Hälfte der ursprünglichen Probanden die Studie abgeschlossen, was Unsicherheiten schaffe. Zudem schwäche die finanzielle Förderung der Forschungsarbeit durch die American Beverage Association die Unabhängigkeit der Ergebnisse.
