TCM-Produkte in der EU: Experten warnen vor Marktverboten
Veröffentlicht am: 12.08.2026 um 09:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die MarktfĂ€higkeit von Produkten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) in der EuropĂ€ischen Union steht vor erheblichen regulatorischen Herausforderungen. Experten warnen aktuell vor weitreichenden Verboten fĂŒr bestimmte TCM-Inhaltsstoffe, da diese zunehmend unter die strengen Bestimmungen der Novel-Food-Verordnung fallen. Der Kern der Problematik liegt in der Einstufung als neuartige Lebensmittel, sofern fĂŒr diese Stoffe keine gesicherte Verwendungshistorie innerhalb der EU vor dem Jahr 1997 nachgewiesen werden kann.
Die HĂŒrde der Novel-Food-Klassifizierung
FĂŒr viele pflanzliche und pilzbasierte Substanzen der TCM bedeutet die Einordnung als Novel Food eine faktische Marktsperre, solange keine umfassende wissenschaftliche Bewertung durch die EuropĂ€ische Behörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit (EFSA) vorliegt. Ein Beispiel fĂŒr diese strikte Auslegung zeigt sich in einer Stellungnahme der EFSA vom 30. MĂ€rz 2026 bezĂŒglich $CO_2$-Extrakten aus Cannabis sativa L. als neuartiges Lebensmittel. Darin wurde betont, dass Extrakte, deren sichere Verwendung vor 1997 in der EU nicht belegt ist, einer detaillierten wissenschaftlichen PrĂŒfung bedĂŒrfen.
Diese regulatorische Linie betrifft nicht nur Extrakte, sondern potenziell eine Vielzahl von Heilpilzen und KrĂ€utern, die in der TCM-Tradition etabliert sind, auf dem europĂ€ischen Markt jedoch erst in jĂŒngerer Zeit an Bedeutung gewonnen haben. Ohne den Nachweis einer Verwendungstradition in Europa vor dem Stichtag 1997 mĂŒssen Hersteller teure und zeitintensive Zulassungsverfahren durchlaufen, was viele Unternehmen vor wirtschaftliche HĂŒrden stellt.
VerschĂ€rfte Importkontrollen und MarktĂŒberwachung
Parallel zur rechtlichen Einstufung verstĂ€rkt die EU-Kommission die praktische Ăberwachung von Importen. Seit dem 1. Januar 2026 wurden die Audits in DrittlĂ€ndern um 50 Prozent erhöht. Die IntensitĂ€t der Kontrollen spiegelt sich in aktuellen Daten fĂŒr das Jahr 2026 wider: Von insgesamt 39.433 Proben importierter Lebensmittel wiesen 38,3 Prozent keine quantifizierbaren RĂŒckstĂ€nde auf, wĂ€hrend 3,6 Prozent als nicht konform eingestuft wurden. Ein spezifisch koordiniertes Programm mit 9.842 Proben verzeichnete eine MĂ€ngelquote von 1,2 Prozent.
Besonders kritisch wird die Situation auf digitalen Vertriebswegen eingeschĂ€tzt. Erhebungen der DGCCRF zeigen, dass 46 Prozent der auf auslĂ€ndischen MarktplĂ€tzen angebotenen Produkte nicht konform sind. In der Folge wurden bereits ĂŒber 100.000 Produkte vom Markt genommen. Diese strengen Kontrollen betreffen unmittelbar auch TCM-PrĂ€parate, die oft ĂŒber globale Plattformen vertrieben werden.
Die EU verschĂ€rft die Regeln fĂŒr TCM-Produkte: Immer mehr Inhaltsstoffe fallen unter die Novel-Food-Verordnung und drohen vom Markt verbannt zu werden. Wer jetzt seine Verwendungshistorie dokumentiert und die Reinheitsstandards anhebt, sichert sich entscheidende Wettbewerbsvorteile. Jetzt kostenlosen Compliance-Report anfordern
QualitÀtsinitiativen in den HerkunftslÀndern
WĂ€hrend die EU die regulatorischen ZĂŒgel anzieht, reagieren die ErzeugerlĂ€nder mit einer Professionalisierung der Lieferketten. In China wurden im August 2026 zwei nationale Richtlinien fĂŒr die Sammelbeschaffung chinesischer Medizin veröffentlicht. Die vierte Runde dieser Beschaffungsinitiativen umfasst rund 90 Produkte in 28 Gruppen und schlieĂt erstmals auch rezeptfreie (OTC) sowie importierte Medikamente ein.
Ein signifikanter Strategiewechsel zeigt sich bei den Richtlinien fĂŒr TCM-Scheiben (Slices). Hier liegt der Fokus der zweiten Beschaffungsrunde explizit auf der QualitĂ€t der Erzeugnisse und nicht mehr ausschlieĂlich auf dem niedrigsten Preis. Branchenbeobachter erwarten durch diese MaĂnahmen eine Konsolidierung des Marktes, bei der qualitativ hochwertige Produzenten bevorzugt werden, was langfristig die KonformitĂ€t mit internationalen Standards erhöhen könnte.
Wissenschaftlicher Fortschritt versus regulatorische Schranken
Importkontrollen werden ab 2026 massiv ausgeweitet â die Audits in DrittlĂ€ndern steigen um 50 Prozent. Hersteller, die nicht rechtzeitig umstellen, riskieren teure RĂŒckrufe und Marktverbote. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie Ihre Lieferkette absichern und die neuen Anforderungen erfĂŒllen. Leitfaden zur Import-Compliance jetzt sichern
Trotz der rechtlichen Unsicherheiten schreitet die Erforschung von TCM-Rezepturen voran. Eine im August 2026 im Chinese Journal of Natural Medicines veröffentlichte Studie untersuchte beispielsweise die Wirkung von Wuzhuyu-Dekokt bei chronischer MigrÀne. Die Forscher stellten fest, dass selbstassemblierte Nanoaggregate (N-WZYDs) im Rattenmodell eine Linderung erzielen konnten, die mit dem klassischen Dekokt vergleichbar ist.
Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse unterstreichen das therapeutische Potenzial, können jedoch die strengen EU-Vorgaben fĂŒr den Marktzugang nicht umgehen. FĂŒr Anbieter von TCM-Produkten in Europa bedeutet die aktuelle Entwicklung, dass die Dokumentation der Verwendungshistorie und die Einhaltung höchster Reinheitsstandards â insbesondere im Hinblick auf RĂŒckstĂ€nde wie Pflanzenschutzmittel â zur existentiellen Voraussetzung fĂŒr den Verbleib am Markt werden.
