Tech, Sovereignty

Tech Sovereignty Package: EU mobilisiert 200 Mrd. Euro gegen US-Abhängigkeit

20.06.2026 - 13:45:56 | boerse-global.de

Die EU stellt ein milliardenschweres Gesetzespaket vor, um die Abhängigkeit von US- und China-Technologien zu reduzieren und die heimische KI-Infrastruktur massiv auszubauen.

EU-Paket zur digitalen Unabhängigkeit: Milliarden für Cloud und KI
Tech - A glowing network of microchips and data streams superimposed over a map of Europe, symbolizing EU investment in AI infrastructure. 20.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Die Europäische Kommission hat am Freitag ein umfassendes Gesetzespaket zur Stärkung der digitalen Unabhängigkeit vorgestellt. Das „Tech Sovereignty Package" umfasst den Cloud and AI Development Act (CADA), den Chips Act 2.0 sowie eine neue EU-Open-Source-Strategie. Ziel ist es, die Abhängigkeit von US-amerikanischen und chinesischen Technologieanbietern drastisch zu reduzieren.

Hintergrund des Vorstoßes: Europa hinkt im globalen Wettlauf um Rechenkapazitäten massiv hinterher. Während die USA 2025 auf 39 Gigawatt IT-Kapazität kamen und China auf 19 Gigawatt, erreichte Europa gerade einmal 12 Gigawatt. Die Lücke droht sich weiter zu vergrößern – besonders nachdem der US-Konzern Anthropic Mitte Juni 2026 den Zugang zu seinen KI-Modellen für ausländische Nutzer einschränkte.

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Gigafabriken im neuen Gewand

Die Kommission hat ihre ursprünglichen Pläne für KI-Gigafabriken überarbeitet. Statt fünf monströsen Anlagen mit jeweils über 100.000 KI-Prozessoren setzt Brüssel nun auf eine gestaffelte Entwicklung. Über die InvestAI-Initiative sollen rund 200 Milliarden Euro mobilisiert werden – verteilt auf zahlreiche kleinere Projekte.

Die ersten konkreten Schritte sind bereits eingeleitet. Spanien hat in diesen Tagen 719 Millionen Euro für eine KI-Superfabrik freigegeben. Betrieben wird die Anlage von der staatlichen Spanish Technology Transformation Company (SETT) an Standorten in Tarragona und Madrid.

Auch Polen macht Tempo: Das Land sieht sich als strategischen Knotenpunkt für den CADA und rechnet mit sieben bis acht KI-Gigafabriken auf eigenem Boden. Der Baubeginn könnte bereits 2028 erfolgen. Bis 2030 strebt Warschau eine Rechenzentrumskapazität von rund 500 Megawatt an.

Milliarden für die Aufholjagd

Die Analysten von Moody's beziffern den Investitionsbedarf für eine Verdreifachung der europäischen Kapazitäten auf 250 bis 500 Milliarden Euro – verteilt über die nächsten fünf bis sieben Jahre. Eine Herkulesaufgabe, die nur mit massiver öffentlicher und privater Beteiligung zu stemmen ist.

Immerhin gibt es erste Erfolge: Das EUROPA-Konsortium hat kürzlich die Frontier AI Grande Challenge gewonnen. Ziel des Projekts ist der Bau eines europäischen Open-Source-KI-Modells, das in 24 EU-Sprachen funktioniert. Ein wichtiger Schritt, um die Abhängigkeit von US-amerikanischen Modellen zu verringern.

Industrie zieht mit

Auf der industriellen Seite läuft die Produktion ebenfalls an. Bull und Foxconn haben mit der Fertigung europäischer KI-Infrastruktur begonnen. Konkret geht es um die Herstellung von NVIDIA Vera Rubin NVL72-Systemen. Getestet wird in Tschechien, die Endmontage erfolgt im französischen Angers. Das Investitionsvolumen liegt bei über 120 Millionen Euro.

Derzeit kontrollieren drei nicht-europäische Hyperscaler mehr als 70 Prozent des regionalen Cloud-Marktes. Ein Zustand, den Brüssel mit aller Macht ändern will.

Regionale Knotenpunkte entstehen

Die EU baut zudem ihr Netz regionaler KI-Hubs aus. Serbien hat 3,8 Millionen Euro EU-Fördermittel für das SAIFA-Projekt erhalten, das eine nationale KI-Plattform aufbauen soll. Nordmazedonien startet das Vezilka-Projekt mit sechs Millionen Euro Kofinanzierung. Diese Standorte sollen als regionale Knoten im europäischen Supercomputing-Netzwerk dienen.

Hürden bei Strom und Sicherheit

Doch der Weg zur digitalen Souveränität ist steinig. Moody's weist auf Wartezeiten von fünf bis zehn Jahren für Netzanschlüsse in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien hin. Ein enorme Hindernis für den schnellen Ausbau.

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Hinzu kommen strenge Umweltauflagen: Die Kommission verlangt, dass neue Rechenzentren bis 2030 strenge Standards bei Energieeffizienz, Abwärmenutzung und erneuerbaren Energien erfüllen – sonst droht die Stilllegung.

Auch Sicherheitsbedenken wachsen. Der finnische Inlandsgeheimdienst Supo warnte jüngst vor den Risiken der rasanten Entwicklung von über 100 neuen Rechenzentrumsprojekten. Unbefugter Datenzugriff durch ausländische Staaten und die Einhaltung von Technologieexportkontrollen bereiten den Behörden Kopfzerbrechen. Finnland plant daher für 2027 ein Gesetz zur Überprüfung ausländischer Investitionen in diesem Sektor.

Die Frage bleibt: Kann Europa das Tempo halten, bevor die Tech-Lücke endgültig unüberbrückbar wird?

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