Text Salting: Eine Million Phishing-Angriffe umgehen KI-Abwehr
Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 08:06 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine raffinierte Angriffswelle setzt auf „Text Salting" – und bringt selbst KI-gestützte Abwehrsysteme an ihre Grenzen.
Mehr als eine Million Phishing-Angriffe haben seit April 2026 dank dieser Technik erfolgreich die Posteingänge von Unternehmen erreicht. Das zeigt eine Untersuchung des Sicherheitsanbieters Barracuda vom 20. Juli.
Wie die Tarnung funktioniert
Die Methode ist ebenso einfach wie effektiv: Angreifer schleusen unsichtbaren, harmlosen Fülltext in E-Mails ein. Dadurch verwässern sie die Wirkung bösartiger Schlüsselwörter oder verdächtiger Links. Der menschliche Empfänger sieht nur die eigentliche Phishing-Nachricht. Das KI-Sicherheitstool hingegen verarbeitet den gesamten Quellcode – inklusive des versteckten Texts. Die Folge: Der hohe Anteil harmloser Inhalte senkt den Risikoscore der Nachricht, und die KI stuft sie fälschlich als sicher ein.
Die Techniken zur Unsichtbarmachung sind vielfältig. Angreifer nutzen CSS- und Schriftformatierungs-Tricks: Null-Punkt-Größen, auf Null gesetzte Maximalhöhen oder die „clip-path"-Eigenschaft, um Text zu verstecken. Auch das Verschieben von Inhalten aus dem sichtbaren Bereich oder die „overflow:hidden"-Anweisung kommen zum Einsatz. Besonders perfide: In vielen Fällen erzeugt generative KI für jede E-Mail einen eigenen, grammatikalisch korrekten Fülltext. So wirkt jede Nachricht einer Kampagne für automatisierte Filter anders.
Lücken in der KI-Abwehr
Die Entwicklung offenbart eklatante Schwächen aktueller KI-gestützter Bedrohungserkennung. Eine gemeinsam von SANS und Barracuda durchgeführte Umfrage, ebenfalls vom 20. Juli, zeigt: 63 Prozent der Organisationen berichten von KI-Schwächen bei der Erkennung moderner Bedrohungen. Zwar setzen 61 Prozent KI für sogenannte Red-Teaming-Aktivitäten ein – also simulierte Angriffe zur Sicherheitsprüfung. Doch nur 27 Prozent geben an, über eine ausgereifte KI-Implementierung zu verfügen.
Wie effektiv KI selbst beim Angriff ist, belegt eine Studie der Harvard Kennedy School. Demnach erzielten KI-generierte Phishing-E-Mails eine Klickrate von 54 Prozent. Zum Vergleich: Bei traditionellen Phishing-Methoden lag sie bei gerade einmal zwölf Prozent. Die gesteigerte Effizienz hat handfeste finanzielle Folgen. In Indien etwa erreichten Betrugsschäden im Fiskaljahr 2025/26 umgerechnet 5,4 Milliarden Euro – ein Anstieg um 46 Prozent im Jahresvergleich.
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Autonome KI-Bedrohungen am Horizont
Sicherheitsforscher schlagen Alarm: Die Zeit zur Vorbereitung wird knapp. Ein Bericht des Anbieters ThreatDown vom 21. Juli warnt, dass Organisationen nur noch etwa sechs Monate bleiben, um sich auf eine neue Welle autonomer KI-Bedrohungen einzustellen. Zu den aufkommenden Fähigkeiten zählen KI-Modelle, die eigenständig Aufklärung betreiben, Zero-Day-Sicherheitslücken innerhalb weniger Stunden aufspüren und komplexe Angriffsketten ohne menschliches Zutun planen können.
Die Kriminellen nutzen zudem zunehmend KI-Modelle ohne Sicherheitsvorkehrungen sowie legitime KI-Infrastruktur, um ihre Operationen zu beschleunigen. Über reine Text-Phishing hinaus warnen Behörden wie die indische Wertpapieraufsicht SEBI vor sogenannter „Boss-Abzocke" – also Führungskräfte-Identitätsdiebstahl mittels KI-Stimmenklonen und Deepfakes.
Der Ausweg: Kontext statt Statik
Da statische Erkennungsmethoden gegen Text-Salting und KI-generierte Inhalte versagen, fordern Experten ein Umdenken. Der SACR Email Security Report vom 20. Juli argumentiert, dass E-Mail-Sicherheit von der reinen Grenzkontrolle zur kontextuellen Untersuchung übergehen müsse.
Empfohlen werden nun mehrgleisige Abwehrstrategien:
- Dual-Rendering-Prüfungen: Vergleich des HTML-Quellcodes mit der visuellen Darstellung für den Nutzer, um versteckte Inhalte zu identifizieren
- Verhaltensbasierte Erkennung: Priorisierung von Absender-Reputation und Anomalien im Verhalten statt reiner Inhaltsanalyse
- Kontextuelles Sandboxing: Spezielle Werkzeuge, die Angriffsketten über die erste E-Mail hinaus bis zu den Datendiebstahl-Seiten verfolgen
- Mitarbeiterschulung: Fokus auf sozialpsychologische Manipulationstechniken statt auf technische Warnsignale wie Rechtschreibfehler – die KI inzwischen weitgehend eliminiert hat
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Die SANS/Barracuda-Umfrage zeigt: 45 Prozent der Organisationen betrachten verhaltensbasierte Erkennung und Benutzerschulung derzeit als ihre wirksamsten Abwehrmaßnahmen gegen die sich wandelnde Bedrohungslage.
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