Tischtennis bei Parkinson: Wie Pingpong Motorik und Kognition fördern kann
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 20:55 Uhr | Redaktion boerse-global.deSpezifische Sportarten wie Tischtennis rücken zunehmend in den Fokus von Medizin und Vereinsarbeit, um die Feinmotorik, Koordination und Kognition von Parkinson-Patienten gezielt zu unterstützen. Internationale Initiativen und klinische Beobachtungen verdeutlichen, wie regelmäßige körperliche Aktivität den Verlauf der neurodegenerativen Erkrankung positiv beeinflussen und den Alltag von Betroffenen erleichtern kann.
Tischtennis als Motorik- und Koordinationstraining
Der Einsatz des Tischtennissports bei Parkinson stützt sich auf die besonderen Anforderungen des Spiels: Schnelle Richtungswechsel, die Koordination von Hand und Auge sowie das stetige Halten des Gleichgewichts vordern das Nervensystem heraus.
Kerstin Schweyer, Oberärztin für Neurologie an der Klinik Hirslanden Zürich, verweist darauf, dass Pingpong die Koordination, Feinmotorik, Balance und Kognition fördere. Zudem zeigten mehrere Studien Verbesserungen motorischer und psychischer Symptome.
In der Schweiz, wo über 15'000 Parkinson-Betroffene mit steigender Tendenz leben, treffen sich in Kirchberg BE rund zehn Erkrankte regelmäßig an der Platte. Organisiert wird das Angebot von dem 2024 gegründeten Verein Pingpong Parkinson Schweiz, einem Ableger des weltweiten Verbands. Das dortige Training kombiniert physiotherapeutische Elemente wie große Bewegungen, Gleichgewichtsübungen und Rumpfrotationen mit dem freien Spiel.
Wachsende Angebote in Vereinen und Selbsthilfegruppen
Auch in Deutschland bauen Sportvereine und Selbsthilfegruppen entsprechende Strukturen auf:
- Der TTC Köllerbach richtet einen Tischtenniskurs für Parkinson-Erkrankte ein, der bis einschließlich 16. Dezember mittwochs von 10 bis 12 Uhr in der Rathausturnhalle stattfindet. Das betreute Angebot soll motorische sowie kognitive Fähigkeiten verbessern; Schläger und Bälle werden gestellt, die Kursgebühr liegt bei 50 Euro.
- Der TSV Eintracht Hittfeld startet ab Montag, 9.11.2026, eine eigene Tischtennisgruppe für Menschen mit Parkinson. Das Training ist montags von 19.30 bis 22 Uhr in der Sportarena in Seevetal-Hittfeld angesetzt. Nach Vereinsangaben ergänzt das Format das bereits bestehende Kickboxangebot; das Miteinander und die individuellen Möglichkeiten stehen dabei vor dem Leistungsgedanken.
- Die Parkinson-Selbsthilfe Schifferstadt/Speyer unterhält in Kooperation mit dem TTC Speyer die Trainingsgruppe Ping Pong Parkinson. Neben einer Reha-Sport-Gruppe und häuslicher Physio- und Ergotherapie veranstaltet die Selbsthilfe am 5.11.2026 um 15 Uhr in der Adlerstube in Schifferstadt den kostenfreien Nachmittag „Bewegung für die grauen Zellen“, geleitet von Ergotherapeutin Renate Henrich.
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International zeigen sich vergleichbare Ansätze: In Montbrison in Frankreich nimmt die Ping-Parkinson-Sektion des dortigen Tischtennisclubs mit 19 Teilnehmenden im Alter von 46 bis 83 Jahren den Betrieb auf. Im englischen Lewes besteht seit 2023 ein gefördertes Tischtennisprogramm mit über 20 Aktiven.
Table Tennis England und Parkinson's UK unterstützen das Projekt; Vertreter beider Organisationen betonen die Linderung von Symptomen und die Stärkung der Selbstständigkeit. Im spanischen León erhielt der Club Neuroping, ein Projekt der Asociación Párkinson León für Betroffene neurologischer Erkrankungen, eine Laptop-Spende des Unternehmens HP SCDS zur Unterstützung seiner Arbeit.
Wissenschaftliche Befunde und ergänzende Bewegungsformen
Neben Tischtennis zeigen auch andere strukturierte Aktivitäten messbare Effekte. Am Massachusetts General Hospital vermittelt das Parkinson's Foundation Center of Excellence des Mass General Brigham Neuroscience Institute virtuellen Zugang zum Programm „Dance for Parkinson's“.
Die zweiwöchentlichen, einstündigen Tanzklassen bieten Steh- und Sitzvarianten. Albert Y. Hung, Direktor des Center of Excellence, hebt die wachsende Evidenz hervor, dass Bewegung motorische Symptome verbessern und den Krankheitsverlauf verlangsamen könne.
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Telemedizinische Ansätze bestätigen diesen Nutzen. Die Koreanische Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (KMDS) und das Nationale Institut für Gesundheitsforschung in Korea untersuchten ein 12-wöchiges Heimprogramm mit 56 Patienten, die zweimal pro Woche 40 Minuten lang Dehn- und Kraftübungen durchführten.
Bei einer Abschlussquote von über 80 Prozent ohne unerwünschte Ereignisse sank der motorische UPDRS-Part-III-Score von durchschnittlich 15,7 auf 12,3 Punkte (rund 22 Prozent Rückgang).
Die Werte für Angst (HADS-A) und Depression (HADS-D) sanken von 4,2 auf 2,9 beziehungsweise von 4,9 auf 3,4 Punkte (jeweils etwa 31 Prozent Rückgang). Chun Sang-myung forderte vor diesem Hintergrund individualisierte Bewegungskonzepte und größere Langzeitstudien.
Den langfristigen Einfluss von Bewegung belegt eine in der Fachzeitschrift Neurology der American Academy of Neurology am 7.10.2026 veröffentlichte Untersuchung der University of Cincinnati an 294 Erwachsenen mit leichter bis mittlerer Parkinson-Erkrankung (Durchschnittsalter 66 Jahre, Beobachtung bis zu 7 Jahre). Die von der Gardner Family Foundation und dem Precision Medicine in Neurodegenerative Diseases Fund geförderte Studie ergab:
- Kognitive Funktion (30-Punkte-Test): Bei einer wöchentlichen Aktivität von bis zu 4 Stunden sanken die Werte jährlich um 0,478 Punkte. Bei 4 bis 8 Stunden betrug der jährliche Rückgang 0,090 Punkte, bei über 8 Stunden pro Woche lediglich 0,007 Punkte.
- Motorische Symptome (Skala von 0 bis 132, Ausgangswert 23): Die motorischen Beschwerden stiegen bei bis zu 4 Stunden Aktivität pro Woche jährlich um 0,143 Punkte. Bei 4 bis 8 Stunden sanken sie um 0,225 Punkte pro Jahr, bei mehr als 8 Stunden wöchentlich um 0,783 Punkte.
Die Autoren um Dong-Woo Ryu weisen darauf hin, dass es sich um einen statistischen Zusammenhang und nicht um einen direkten Kausalitätsnachweis handelt, da die Aktivität per Selbstauskunft erfasst wurde. Der Zusammenhang blieb jedoch auch nach Bereinigung um Alter, Geschlecht und Krankheitsdauer bestehen. Die Daten verdeutlichen, dass gezielte Bewegungsprogramme eine wesentliche Rolle im Behandlungsalltag spielen können.
