Grippeimpfung fĂŒr Risikokinder: RKI warnt vor ĂŒber einer Million ungeschĂŒtzten Kindern
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Nur etwa 10 Prozent der Kinder in Deutschland mit gesundheitlichen Risikofaktoren sind gegen Grippe geimpft, obwohl ihnen die Impfung ausdrĂŒcklich empfohlen wird.
RKI-Analyse ĂŒber elf Grippesaisons
Die aktuelle Auswertung des Robert Koch-Instituts beruht auf Abrechnungsdaten der KassenÀrztlichen Vereinigungen aus insgesamt elf Grippesaisons zwischen 2014 und 2025. Auf Basis dieser Daten kommt das Institut zu der EinschÀtzung, dass bei gleichbleibender Impfquote in der kommenden Saison rund 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche mit Grunderkrankungen keinen Schutz durch eine Grippeimpfung haben werden.
Die StĂ€ndige Impfkommission (Stiko) ruft Eltern daher eindringlich dazu auf, die Impfempfehlung wahrzunehmen und Kinder sowie Jugendliche mit Risikofaktoren rechtzeitig vor einer Influenza-Erkrankung zu schĂŒtzen.
Wer als Risikopatient gilt
Zu den Gruppen, fĂŒr die eine Grippeimpfung empfohlen wird, zĂ€hlen Kinder mit chronischen Erkrankungen der Atmungsorgane, mit chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mit Diabetes oder mit Adipositas. Nach Angaben der Stiko haben diese Kinder und Jugendlichen ein erhöhtes Risiko, schwer an Influenza zu erkranken, im Krankenhaus behandelt zu werden, intensivmedizinische Betreuung zu benötigen oder infolge der Erkrankung zu versterben.
Die Grippeimpfung kann vor schweren KrankheitsverlĂ€ufen schĂŒtzen und soll nach den Empfehlungen einmal jĂ€hrlich im Herbst oder Winter verabreicht werden, bevor die Grippesaison ihren Höhepunkt erreicht.
GrĂŒnde fĂŒr die niedrige Impfquote
Als eine wesentliche Ursache fĂŒr die geringe Impfquote gilt, dass die Grippe von vielen Eltern nicht als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wird. Darauf weist Barbara GĂ€rtner hin, FachĂ€rztin fĂŒr Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am UniversitĂ€tsklinikum des Saarlandes.
Nach ihrer EinschĂ€tzung kommen zudem das schlichte Vergessen der Impfung und eine fehlende aktive Ansprache durch Ărztinnen und Ărzte hinzu. Die Sorge vor Nebenwirkungen spiele nach Studien lediglich eine untergeordnete Rolle, wĂ€hrend Informationsdefizite und organisatorische HĂŒrden eine deutlich gröĂere Rolle bei der Entscheidung gegen die Impfung einnehmen.
Strukturelle Ursachen der niedrigen Impfquote
Die sehr geringe Grippe-Impfquote unter Kindern mit Vorerkrankungen verweist auf ein strukturelles Problem in der PrĂ€ventionsmedizin. Obwohl die Impfung fĂŒr diese Gruppe ausdrĂŒcklich empfohlen ist, gelingt es offenbar nicht, die Empfehlung konsequent in der Versorgungspraxis zu verankern. Viele Eltern nehmen Grippe vor allem als lĂ€stige Infektion wahr, nicht als potenziell lebensbedrohliche Erkrankung â besonders, wenn das Kind bereits wegen anderer Diagnosen stark belastet ist. Hinzu kommt, dass KinderĂ€rztinnen und KinderĂ€rzte im Alltag zahlreiche Themen gleichzeitig adressieren mĂŒssen; Impfberatungen konkurrieren mit akuten Beschwerden und Routineuntersuchungen um Aufmerksamkeit.
Folgen fĂŒr das Gesundheitswesen und Familien
Wenn mehr als eine Million Kinder und Jugendliche mit Grunderkrankungen ohne Grippe-Impfschutz in die Saison gehen, erhöht das die Wahrscheinlichkeit schwerer VerlĂ€ufe, Krankenhausaufenthalte und intensiver Therapien. FĂŒr das Gesundheitswesen kann dies eine vermeidbare Belastung bedeuten, insbesondere in ohnehin angespannten Herbst- und Wintermonaten. FĂŒr Familien mit chronisch kranken Kindern steht mehr auf dem Spiel als ein ânormaler Infektâ: Eine Influenza kann bestehende Erkrankungen massiv verschĂ€rfen und lĂ€ngere AusfĂ€lle in Schule oder Kita nach sich ziehen. Die jĂ€hrliche Impfung wird von Fachgremien deshalb als zentraler Baustein verstanden, um die Teilhabe dieser Kinder zu sichern und Komplikationen zu begrenzen.
Handlungsoptionen fĂŒr Medizin und Politik
Angesichts der niedrigen Quote liegt der SchlĂŒssel nicht allein bei den Eltern, sondern auch bei Systementscheidungen: Wie konsequent wird bei Vorsorgeuntersuchungen und in spezialisierten Ambulanzen auf die Grippeimpfung hingewiesen? Sind Impfangebote niedrigschwellig genug, etwa in Schulen, Kliniken oder im Umfeld chronischer Versorgung? Denkbar sind verstĂ€rkte Informationskampagnen, klare Erinnerungssysteme in Praxen sowie gezielte Programme fĂŒr besonders gefĂ€hrdete Kindergruppen. FĂŒr Leser mit betroffenen Kindern bedeutet dies, den eigenen Impfstatus frĂŒhzeitig mit der behandelnden Praxis zu besprechen, um vor Beginn der Grippesaison einen wirksamen Schutz aufzubauen.
