Wissenschaftler, Schulfach

Übergewicht bei Kindern: Wissenschaftler fordern Schulfach Ernährung

23.06.2026 - 17:18:24 | boerse-global.de

Experten plädieren angesichts steigender Übergewichtszahlen bei Kindern für ein verpflichtendes Unterrichtsfach Ernährung.

Wissenschaftler fordern eigenständiges Schulfach Ernährung
Wissenschaftler - Glückliche Kinder bereiten in einer hellen Küche gesunde Mahlzeiten zu, um die Bedeutung von Ernährung und Gemeinschaft zu unterstreichen. 23.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Angesichts steigender Übergewichtsraten bei Kindern und Jugendlichen fordern Wissenschaftler ein eigenständiges Schulfach Ernährung. Der Dresdner Historiker Professor Andreas Rutz plädierte dafür am 22. Juni 2026. Er kritisierte den Verlust einer gemeinsamen Esskultur durch die zunehmende „Fast-Food- und To-go-Kultur“.

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Mehr als Kalorienaufnahme

Rutz, der am Deutschen Archiv der Kulinarik arbeitet, betont: Ernährung sei weit mehr als die bloße Kalorienaufnahme. Es gehe um soziale Funktionen, Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit. Ein verpflichtender Unterricht könne das Bewusstsein für die Zubereitung von Lebensmitteln schärfen.

Der Trend zu vegetarischer oder veganer Ernährung sei zwar vorhanden, bleibe aber eine Nische, so der Wissenschaftler. Unterstützung findet sein Ansatz in älteren Studien: Bereits 2019 deuteten Daten darauf hin, dass Fortbildungsangebote für Lehrkräfte unzureichend sind und ein Großteil der Lehrbücher Mängel aufweist.

Alarmierende Gesundheitsdaten

Die Dringlichkeit zeigt sich in aktuellen Zahlen. Laut der Krankenkasse Barmer gelten rund 3,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Sachsen als übergewichtig – mehr als 18.600 Betroffene. Seit 2013 stieg die Häufigkeit von Adipositas in dieser Altersgruppe um über 25 Prozent. Jungen sind mit 7,3 Prozent häufiger betroffen als Mädchen mit 4,7 Prozent.

Die Nationale Verzehrsstudie II belegt zudem einen deutlichen Zusammenhang zwischen sozialem Status und Ernährungsverhalten. In der unteren sozialen Schicht liegt die Fettleibigkeitsrate bei Frauen bei 33 Prozent, bei Männern bei 20 Prozent. In der Oberschicht sinken diese Werte auf 10 beziehungsweise 13 Prozent.

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Staatliche Programme und private Initiativen

Bund und Länder setzen auf verschiedene Förderinstrumente. In Bayern wurde das EU-Schulprogramm für 2026/2027 verlängert. Insgesamt stehen 10,5 Millionen Euro zur Verfügung, finanziert von der EU und dem Freistaat. Das Programm ermöglicht kostenloses Obst, Gemüse und Milch in Kitas sowie Grund- und Förderschulen.

In Baden-Württemberg nehmen über 5.300 Einrichtungen mit rund 485.000 Kindern am EU-Schulprogramm teil. Bei einem Besuch in Wolfach hob Ministerin Marion Gentges die Bedeutung solcher Programme hervor.

Neben staatlichen Angeboten engagieren sich private Akteure. Das Projekt „GemüseAckerdemie“ des Acker e.V. erreichte 2026 rund 30.000 Kinder an 635 Schulen. Durch aktives Gärtnern steigt das Interesse an Gemüse. Laut Begleitforschung entwickeln 59 Prozent der teilnehmenden Kinder ein höheres Interesse an gesunder Ernährung.

Kontroverse um Ernährungsempfehlungen

Während der Ausbau der Bildungsangebote weitgehend befürwortet wird, gibt es Debatten über die inhaltliche Ausrichtung. Der Ernährungswissenschaftler Sven-David Müller kritisierte die langjährigen „Low-Fat“-Empfehlungen offizieller Stellen. Der Austausch von Fetten durch raffinierte Kohlenhydrate könne das Risiko für Fettlebererkrankungen und Typ-2-Diabetes erhöhen.

Parallel dazu rückt der Lebensmitteleinzelhandel in den Fokus. Eine Studie des IDOS bescheinigte Discountern wie Lidl und Aldi Süd eine starke Position bei Umweltthemen. Bei der systematischen Förderung pflanzlicher Proteine sehen die Forscher jedoch noch ungenutztes Potenzial. Regionalität wird hingegen vor allem von Supermarktketten wie Edeka und Rewe vorangetrieben.

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