Uhren zurĂŒckstellen: Die ersten zwei bis drei NĂ€chte sind besonders schwierig
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 00:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deWenn in der Nacht vom 24. auf den 25.10.2026 die Uhren von 3.00 auf 2.00 Uhr zurĂŒckgestellt werden, bringt das fĂŒr viele Menschen nicht nur eine rechnerisch lĂ€ngere Nacht mit sich, sondern auch spĂŒrbare Anpassungsprobleme.
Nach EinschĂ€tzung von Carsten Albrecht, Psychiater und Chefarzt der Privatklinik BetaGenese in Bonn, kann der Wechsel vorĂŒbergehend MĂŒdigkeit, Schlafstörungen sowie innere Unruhe auslösen. Besonders betroffen seien Personen, die unter anhaltendem Stress stehen oder zu nĂ€chtlichem GrĂŒbeln neigen.
Belastung fĂŒr den Schlafrhythmus und Risikogruppen
Die Vorstellung, durch das ZurĂŒckdrehen der Zeiger automatisch eine Stunde Schlaf zu gewinnen, deckt sich nur bedingt mit wissenschaftlichen Beobachtungen. Prof. Helena Martynowicz von der Uniklinik Wroc?aw wies darauf hin, dass sich der innere Rhythmus nicht einfach per Uhrumstellung synchronisieren lasse.
Laut im Jahr 2024 zitierten Studien bringe die Nacht der Umstellung real im Schnitt lediglich etwa 30 Minuten zusĂ€tzlichen Schlaf. Laut weiteren Studien betrage der tatsĂ€chliche Zuwachs im Mittel 33 Minuten, wĂ€hrend der Ăkonom Joan Costa-i-Font von der London School of Economics von rund 40 Minuten mehr Schlaf und zusĂ€tzlicher Energie ausgeht.
Die Anpassung an die neue Zeit beansprucht bei den meisten gesunden Menschen bis zu einer Woche, wobei die ersten zwei bis drei NĂ€chte als besonders schwierig gelten. Typische Symptome in den ersten sieben Tagen sind neben MĂŒdigkeit und Einschlafproblemen auch frĂŒhes Erwachen, verminderte LeistungsfĂ€higkeit, Gereiztheit sowie depressive Verstimmungen.
Schlafpsychologin Leona Rudolph betont, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus vorĂŒbergehend gestört werden könne, was zu Reizbarkeit und KonzentrationseinbuĂen fĂŒhre. Eine Untersuchung mit rund 55.000 Patienten verdeutlicht zudem, dass der Wechsel den Tag-Nacht-Rhythmus spĂŒrbar und langfristig beeinflusst.
Dauerstress und schlechter Schlaf belasten das Nervensystem oft stÀrker, als wir vermuten. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Ratgeber, wie Sie Ihre innere Ruhe bewahren und Ihre SelbstheilungskrÀfte in wenigen Minuten tÀglich reaktivieren können. Kostenlosen PDF-Ratgeber zur Vagus-Therapie herunterladen
Besondere Vorsicht ist bei bestimmten Vorerkrankungen geboten. Helena Martynowicz stuft Ă€ltere Personen, Patienten mit Herzinfarkten, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Depressionen sowie chronischer Schlaflosigkeit als besonders gefĂ€hrdet ein. Daten weisen auf ein erhöhtes Risiko fĂŒr Krankenhausaufenthalte, Vorhofflimmern und Reinfarkte hin.
Eine US-Studie aus dem Jahr 2014 bezifferte das Plus an Herzinfarkt-Hospitalisierungen am Montag nach einer Zeitumstellung auf 24 Prozent, wÀhrend eine Metaanalyse nach der Sommerzeit-Umstellung im Mittel ein Plus von 4 Prozent verzeichnete.
Zudem belegen dÀnische Registerdaten aus den Jahren 1995 bis 2012 einen Anstieg schwerer Depressionen um 11 Prozent in den zehn Wochen nach der Umstellung auf die Winterzeit.
Wer unter den gesundheitlichen Folgen von Dauerstress oder Schlafstörungen leidet, kann sein Wohlbefinden oft durch gezielte Aktivierung natĂŒrlicher Erholungsmechanismen steigern. Dieser Gratis-Report zeigt Ihnen einfache Techniken, um Erschöpfung und Unruhe wirksam entgegenzuwirken. Jetzt Gratis-Report inklusive Trainingsvideo sichern
Eine Auswertung der Mayo Clinic aus dem Jahr 2021 zeigte nach der Sommerzeit-Umstellung 19 Prozent und nach der Winterzeit-Umstellung 5 Prozent mehr SicherheitsvorfÀlle. In Spanien kletterten die tödlichen VerkehrsunfÀlle am Tag der Sommerzeit-Umstellung um 30 Prozent und bei der Winterzeit-Umstellung um 16 Prozent.
Biologische Faktoren und Anpassungsstrategien
Die Anpassungsgeschwindigkeit hĂ€ngt wesentlich von biologischen Gegebenheiten ab. Genetische Faktoren spielen eine direkte Rolle: Das Gen SIK1 fungiert als Bremse fĂŒr die innere Uhr.
Je aktiver diese Bremse arbeitet, desto langsamer erfolgt die Gewöhnung. Personen mit frĂŒhem Chronotyp kommen mit der FrĂŒhjahrsumstellung meist besser zurecht als spĂ€te Chronotypen, die oft mehr als eine Woche benötigen.
Dr. Marta Jackowska, Psychologin an der SWPS-UniversitĂ€t, hebt hervor, dass die Anpassung im Schnitt ein bis zwei Wochen dauert und Menschen mit spĂ€tem Chronotyp sich mitunter gar nicht vollstĂ€ndig umstellen. Zudem sieht Jackowska keine ökonomischen Argumente mehr fĂŒr das Verfahren.
Um den Ăbergang zu erleichtern, empfehlen Fachleute gezielte Verhaltensweisen:
- Lichtexposition nutzen: Melanie Pesendorfer rĂ€t, am Sonntag möglichst rasch nach dem Aufstehen ins Freie zu gehen, da Tageslicht der entscheidende Zeitgeber sei. Der Neurophysiologe Dr. Gerd Wirtz verweist auf eine 2024 im Fachjournal âScientific Reportsâ veröffentlichte Computersimulation: WĂ€hrend die Anpassung bei normalem Innenraumlicht knapp acht Tage dauerte, verkĂŒrzte ein halbstĂŒndiger Abendspaziergang diesen Zeitraum auf unter drei Tage, da spĂ€tes Licht die innere Uhr zurĂŒckstelle. Prof. Edyta Reszka von der UniversitĂ€t ?Ăłd? empfiehlt tagsĂŒber viel Helligkeit und abends warmes Licht ohne Bildschirme.
- Schlafzeiten schrittweise verschieben: Martynowicz rÀt zu einer tÀglichen Verschiebung um 15 Minuten bereits vor der Umstellung sowie zu festen Mahlzeiten und Bewegung am Vormittag. Wirtz empfiehlt ebenfalls, einige Tage im Voraus abends 15 Minuten spÀter zu Bett zu gehen und ab dem Stichtag feste Aufsteh-, Essens- und Ruhezeiten einzuhalten.
- Schlafhygiene wahren: Albrecht rĂ€t zu einem festen Schlafrhythmus, einem ruhigen Tagesausklang und dazu, sich keinen Schlafdruck aufzubauen. Bei lĂ€nger anhaltenden Beschwerden sei eine Ă€rztliche AbklĂ€rung ratsam. ErgĂ€nzend empfiehlt Wirtz ein kĂŒhles, dunkles Zimmer, den Verzicht auf Bildschirme eine Stunde vor dem Schlafengehen sowie das Meiden von Koffein ab dem Nachmittag und von intensivem Sport am spĂ€ten Abend.
Debatte ĂŒber die dauerhafte Normalzeit
Aus schlafmedizinischer Sicht entspricht die Winterzeit der eigentlichen mitteleuropĂ€ischen Normalzeit und ist fĂŒr den menschlichen Organismus physiologisch vorteilhafter. Da die Sommerzeit Schlafmangel begĂŒnstigt und messbare Energiespareffekte historisch nie nachgewiesen werden konnten, fordern viele Schlafmediziner sowie die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Schlafforschung eine dauerhafte Beibehaltung der Normalzeit.
Auf politischer Ebene bleibt die Lage jedoch festgefahren: Zwar schlug die EU-Kommission bereits 2018 das Ende der Zeitumstellung vor und das EU-Parlament stimmte 2019 zu, doch die Mitgliedstaaten legten die PlĂ€ne mangels Einigung ĂŒber die kĂŒnftige Einheitszeit auf Eis. Die Kommission legte inzwischen einen verbindlichen Zeitplan fĂŒr die Umstellungen bis zum Jahr 2031 fest.
