Universität, Bonn

Universität Bonn: Blutzellen werden in 50 Tagen zu jungen Stammzellen

Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 08:15 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die direkte Umwandlung menschlicher Blutzellen senkte ihr epigenetisches Alter deutlich, liefert aber keine Therapie für Menschen.

Bonner Studie verjüngt Blutzellen im Labor zu neuralen Stammzellen
Mikroskopische Aufnahme einer Zellkultur mit neuralen Stammzellen in einer Petrischale im Labor. Illustration mit AI erstellt.

In der regenerativen Biomedizin gilt das biologische Alter von Spenderzellen seit langem als wesentliche Hürde für Modellierung und Zellforschung. Eine am 3. Oktober 2026 im Fachjournal Aging Cell veröffentlichte Untersuchung zeigt nun detailliert, wie sich menschliche Vorläufer roter Blutkörperchen direkt in induzierte neurale Stammzellen (iNSCs) umwandeln lassen, ohne dabei eine pluripotente Zwischenstufe zu durchlaufen.

Ein Team um Oliver Brüstle vom Institut für Rekonstruktive Neurobiologie an der Universität Bonn und dem Universitätsklinikum Bonn wies gemeinsam mit Forschenden der RWTH Aachen nach, dass sich die epigenetischen Uhren der Zellen während dieses Prozesses massiv zurückstellen.

Gefördert wurde die wissenschaftliche Arbeit durch das Programm Horizon 2020 der Europäischen Union, die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Deutliche Rückstellung der epigenetischen Uhren

Für die Untersuchung analysierte das Team Spenderzellen aus einer Altersspanne von Neugeborenen bis hin zu einem Alter von 101 Jahren. Die direkte Reprogrammierung erfolgte mithilfe der beiden Transkriptionsfaktoren SOX2 und cMYC.

Bei der Analyse der sogenannten DNA-Methylierung zeigte sich eine kontinuierliche Verjüngung: Aus den Blutzellen eines 80-jährigen Spenders entstanden neurale Stammzellen, deren molekulares Alter unter 20 Jahren lag; nach 50 Tagen waren die Zellen rechnerisch 60 Jahre jünger.

Beim ältesten untersuchten Spender im Alter von 101 Jahren sank das Methylierungsalter von anfänglich etwa 84 auf rund 13 sogenannte Uhr-Jahre. Bei einer hohen Passage reduzierte sich dieser Wert weiter auf unter 5 Uhr-Jahre, was einer Verringerung um 87 bis 95 Prozent entspricht.

Bei niedriger Passage lag das Methylierungsalter bei rund 13 Prozent des chronologischen Alters. Die Mehrheit der Altersmarker war nach etwa 50 Tagen gelöscht, während nach rund sieben Wochen noch 20 Prozent des Ausgangsalters verblieben. In späteren Passagen behielten die iNSCs noch etwa fünf Prozent des ursprünglichen DNA-Methylierungsalters des jeweiligen Spenders.

Mechanismen und Dynamik der Umwandlung

Die beobachtete Verjüngung verlief graduell und ließ sich im Labor über einen Zeitraum von 100 Tagen verfolgen. Zum Vergleich führt die etablierte Zwei-Schritt-Methode über induzierte pluripotente Stammzellen (iPSC) zu einer schnelleren Verjüngung, die üblicherweise in etwa 20 Tagen abgeschlossen ist.

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Im Rahmen der Bonner Versuchsreihen erwies sich der Prozess als unabhängig von einer reinen Zellvermehrung: Die molekulare Verjüngung setzte sich fort, selbst wenn die Zellteilungen durch Zusätze wie Glycerol oder Thymidin halbiert wurden oder ein vollständiger Zellzyklus-Stopp durch NGN2 herbeigeführt wurde.

Parallel dazu sank die alternsbezogene Transkriptom-Signatur innerhalb von 14 Tagen von 1.871 auf 20 Gene. Oliver Brüstle ordnete diesen Prozess so ein, dass die epigenetische Verjüngung dazu führe, dass sich die Zellen tatsächlich wie junge Zellen verhielten.

Da das Alter den wichtigsten Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer darstelle, eröffne dies neue Wege für die Krankheitsforschung.

Reines Labormodell ohne direkte Therapieanwendung

Trotz der deutlichen Messwerte handelt es sich bei der Arbeit um reine Grundlagenforschung im Labor. Weder Menschen noch Tiere wurden im Zuge dieser Untersuchung behandelt.

Entsprechend liefert die Arbeit ein Modell für die biomedizinische Forschung, jedoch keine fertige Therapie. Es gibt weder einen Nachweis für eine verlängerte Lebenserwartung noch für eine Umkehrung des menschlichen Alterns oder eine konkrete Demenztherapie. Zudem birgt der Einsatz bestimmter Faktoren wie cMYC prinzipiell ein Tumorrisiko.

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Gleichwohl knüpft das Vorhaben an bestehende Erkenntnisse an: Vorarbeiten hatten belegt, dass transplantierte Nervenzellen Verbindungen mit Neuronen in Mäusen eingehen können.

Zudem hatte bereits eine frühere Studie von Sheng und Kollegen im Jahr 2018 im Fachjournal Nature Communications gezeigt, dass sich aus Blut gewonnene neurale Stammzellen verjüngen lassen. Die aktuellen Daten präzisieren nun, über welche Zeiträume und molekularen Zwischenstufen dieser Prozess bei menschlichen Zellen abläuft.

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de | wissenschaft | 70310072 |