Verschreibungskaskaden: Wie Nebenwirkungen bei Senioren neue Rezepte auslösen
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 07:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle medizinische Untersuchungen und Datenanalysen aus dem Jahr 2026 werfen ein Schlaglicht auf die zunehmende Komplexität der medikamentösen Versorgung im Alter. Im Fokus stehen dabei sogenannte Verschreibungskaskaden sowie die statistisch messbare Zunahme der Polypharmazie, die insbesondere für Senioren erhebliche Gesundheitsrisiken bergen kann.
Verschreibungskaskaden als Risiko fĂĽr die Geriatrie
Eine in der Fachzeitschrift BMJ publizierte Studie aus Ontario verdeutlicht ein spezifisches Problem der geriatrischen Versorgung: die „Prescribing Cascade“. Dabei werden Nebenwirkungen eines Medikaments fälschlicherweise als neues gesundheitliches Problem gedeutet und in der Folge mit weiteren Rezepten behandelt, statt das auslösende Präparat zu überprüfen.
Ein klassisches Beispiel der Studie zeigt, dass die Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) den Blutdruck erhöhen kann. Dies führt häufig zur Verschreibung eines Blutdrucksenkers, anstatt die Notwendigkeit des Schmerzmittels zu hinterfragen.
Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Paula Rochon (Sinai Health, University of Toronto) erarbeitete gemeinsam mit zwölf Fachleuten eine Liste von 65 potenziell unangemessenen Verschreibungskaskaden.
Unter Verwendung von Populationsdaten des ICES, einem Forschungsinstitut für Gesundheitsdaten in Ontario, identifizierten die Wissenschaftler die 24 häufigsten und potenziell schädlichsten Sequenzen. Rochon betonte, dass diese Kaskaden in der täglichen Praxis oft übersehen würden.
Als Lösungsansätze schlägt die Studie automatisierte klinische Entscheidungshilfen in Echtzeit sowie eine stärkere Einbindung von Apothekern vor. Die Untersuchung wurde von den Canadian Institutes of Health Research finanziert.
Statistische Trends zur Polypharmazie und Wechselwirkungen
Parallel dazu liefert eine von der University of Southern California (USC) geleitete Studie, die in der Fachzeitschrift JAMA veröffentlicht wurde, aktuelle Zahlen zur Medikamentennutzung.
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Ein Vergleich der Zeiträume 2015–2016 und 2021–2023 bei fast 5.000 in den USA lebenden Erwachsenen im Alter zwischen 62 und 85 Jahren zeigt eine deutliche Tendenz: Der Anteil der Personen mit Polypharmazie – definiert als die gleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr verschreibungspflichtigen Medikamenten – stieg von 31 % auf 35,7 %. Auch bei Nahrungsergänzungsmitteln nahm die Polypharmazie von 12,6 % auf 16,7 % zu.
Trotz dieses Anstiegs sank der Anteil der Patienten, die Regimen mit potenziell schwerwiegenden Wechselwirkungen ausgesetzt waren, von 25,7 % auf 22,3 %. Dennoch verblieb in den Jahren 2021–2023 mehr als jeder fünfter älterer Erwachsene in einer Risikosituation bezüglich gefährlicher Interaktionen.
Studienleiter Dima Mazen Qato von der USC Mann School of Pharmacy and Pharmaceutical Sciences wies darauf hin, dass sich Bemühungen zur Risikominimierung auf häufig verwendete interagierende Wirkstoffklassen konzentrieren sollten, insbesondere auf Antidepressiva, Statine und Thrombozytenaggregationshemmer.
Ein Fachmann für Pharmakologie erläuterte in einem Bericht vom 25. September 2026, dass jede zusätzliche Medikation die Komplexität und das Risiko exponentiell erhöhe. Interaktionen zwischen diesen Wirkstoffklassen könnten zu schweren Komplikationen wie verstärkten Blutungen oder einem reduzierten Stoffwechsel führen.
Gefahren der Überverschreibung und Möglichkeiten der Reduktion
Die Problematik ist auch in Europa präsent. Daten aus dem Vereinigten Königreich zeigen, dass rund 8 Millionen Menschen täglich mindestens fünf und weitere 2 Millionen sogar zehn oder mehr Medikamente einnehmen. Die Mehrheit der Betroffenen ist über 65 Jahre alt.
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Eine Überverschreibung – also die Fortführung einer Medikation ohne klaren Nutzen oder gegen den Wunsch des Patienten – kann schwerwiegende Folgen haben. Symptome wie Müdigkeit, Schwindel, Verwirrtheit und Unsicherheit erhöhen das Sturzrisiko und können Krankenhausaufnahmen forcieren, besonders bei Patienten mit Demenz oder altersbedingter Gebrechlichkeit.
Ein wesentlicher Faktor ist der physiologische Alterungsprozess: Nieren und Leber verarbeiten Wirkstoffe langsamer, was zu einer Anreicherung im Körper führt.
Forschungsergebnisse der Wissenschaftlerin Kinda Ibrahim von der University of Southampton legen jedoch nahe, dass eine Reduktion der Medikamentenzahl bei älteren Menschen sicher möglich ist. Dies gelte auch bei vorliegender Gebrechlichkeit, ohne dass das Risiko für Krankenhauseinweisungen oder Todesfälle steige.
Als wirksame Instrumente gelten regelmäßige Medikamentenreviews sowie die verstärkte Nutzung nicht-medikamentöser Ansätze, wie etwa Bewegungsprogramme oder soziale Aktivitäten.
