Wie Musik bei Demenz helfen kann
20.09.2024 - 08:45:36«Alive inside» (Im Inneren lebendig) - ein Dokumentarfilm dieses Namens zeigt, was Musik bei Demenzkranken alles hervorholen kann. «Ich kann mich nicht mehr erinnern», sagt eine 90-jĂ€hrige Frau auf die Frage, wie ihr Leben war. «Ich habe so viel vergessen. Es tut mir leid.» Doch nur kurze Zeit spĂ€ter sprudeln die Erinnerungen und Geschichten nur so aus ihr heraus. Sie hat inzwischen Kopfhörer auf und hört Musik von Louis Armstrong. Die Dokumentation von 2014 ist berĂŒhrend.
Bessere kognitive FĂ€higkeiten, weniger Unruhe und Depression
Inzwischen ist die Kraft der Musik bei Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen wissenschaftlich belegt. «Es hat sich gezeigt, dass Musiktherapie die kognitiven FĂ€higkeiten bei Menschen mit Demenz verbessern kann», schreiben etwa die Autorinnen und Autoren einer bereits 2020 veröffentlichten zusammenfassenden Analyse von acht Studien. Bei diesen Menschen verbesserten sich demnach auch die wahrgenommene LebensqualitĂ€t direkt nach der Intervention sowie Langzeitdepressionen. Am wirksamsten war dabei Musikhören; doch auch Singen hilft der Analyse zufolge.Â
Ein weiteres Team hat sich in einer 2024 veröffentlichten Studie allein auf Alzheimer konzentriert: Das Ergebnis lege nahe, dass die Behandlung mit Musiktherapie die Hirnleistung von Patienten mit Alzheimer-Krankheit verbessere, schlussfolgert es in der zusammenfassenden Analyse von elf Studien. So seien die Hirnleistung im Allgemeinen, das Reden, die Orientierung und das GedĂ€chtnis besser geworden. Musiktherapie kann einer weiteren Meta-Studie zufolge bei Menschen mit Demenz auch gegen Unruhe helfen. Das Team hatte zwölf Fachartikel ausgewertet und das Ergebnis im Journal «Frontiers of Psychology» prĂ€sentiert.Â
Workshops fĂŒr Amateur-Musikerinnen und -Musiker
Die Erkenntnisse werden praktisch umgesetzt, etwa beim Nordbayerischen Musikbund (NBMB). Beim Projekt «Ein Lied fĂŒr Dich» organisiert der Bund Mitmach-Konzerte fĂŒr Menschen mit Demenz. «Bei unseren Konzerten waren Menschen im Publikum, die scheinbar auf nichts mehr reagiert haben. Bei altbekannten Liedern, die sie aus ihrer Kindheit kennen oder auch bei Weihnachtsliedern, da singen sie mit, urplötzlich können sie den Text. Das fasziniert schon sehr», berichtet eine Musikerin namens Ulrike, die mit ihrem Amateurensemble regelmĂ€Ăig in Seniorenzentren spielt.
Zudem können sich Hobby-Musiker beim NBMB mit Sitz in Unterpleichfeld bei WĂŒrzburg in Workshops weiterbilden lassen, wenn sie Musik in Pflegeeinrichtungen bringen möchten. Er hat gemeinsam mit der Technischen Hochschule WĂŒrzburg-Schweinfurt zudem eine Anleitung zu entsprechenden digitalen Musikangeboten erarbeitet.
Was man noch gegen Demenz tun kann
Die Zahl der Demenzkranken steigt weltweit. Nach SchĂ€tzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO haben derzeit 55 Millionen Menschen eine Demenz. Diese Zahl werde bis 2030 auf 78 Millionen und bis 2050 auf 139 Millionen ansteigen, schĂ€tzt die Organisation. Obwohl Demenz als Alterserkrankung gilt, betrifft sie nicht nur Ăltere. In bis zu 9 Prozent der FĂ€lle tritt die Krankheit laut WHO vor dem Alter von 65 auf.Â
WĂ€hrend Demenz frĂŒher in vielen FĂ€llen als fast unausweichlich galt, gibt es nun immer mehr Hinweise darauf, dass sich die Erkrankung oft durch verschiedene MaĂnahmen verhindern oder zumindest verzögern lĂ€sst. Als Risikofaktoren fĂŒr Demenz gelten wenig körperliche Bewegung, Ăbergewicht und Diabetes, Rauchen und Alkoholkonsum, Bluthochdruck sowie soziale Isolation, Depression, geringe Bildung, Hirnverletzungen, Hörminderung und Luftverschmutzung.
Die sogenannte Lancet-Kommission zum Thema Demenz sorgte erst kĂŒrzlich mit einer neuen EinschĂ€tzung fĂŒr Aufsehen. Dem internationalen Team zufolge lassen sich 45 Prozent aller DemenzfĂ€lle verhindern oder zumindest verzögern. Die Kommission listete zudem neben den 12 genannten potenziell vermeidbaren Risikofaktoren weitere 2 auf: Auch eine Behandlung des drohenden Seh-Verlustes sowie eines zu hohen Cholesterinspiegels kann demnach vorbeugend wirken.Â
Weltalzheimertag am Samstag
Demenz ist dabei ein Ăberbegriff fĂŒr mehrere Erkrankungen, die GedĂ€chtnis, kognitive FĂ€higkeiten und Verhalten beeinflussen kann. Alzheimer ist die hĂ€ufigste Form. Laut WHO macht sie 60 bis 70 Prozent der FĂ€lle aus.
Auf die BedĂŒrfnisse der Alzheimer-Patientinnen und -Patienten soll der Weltalzheimertag am Samstag, dem 21. September, hinweisen. An dem Tag finden in vielen StĂ€dten und Orten Veranstaltungen wie VortrĂ€ge und Benefizkonzerte statt. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (Berlin) gibt es allein in Deutschland 1,8 Millionen Demenzerkrankte. «Auch wenn gegenwĂ€rtig eine Heilung der Krankheit nicht möglich ist, kann durch medizinische Behandlung, Beratung, soziale Betreuung, fachkundige Pflege und vieles mehr den Kranken und ihren Angehörigen geholfen werden», heiĂt es von der Gesellschaft. «Musik gilt als "Königsweg" zu den Demenzkranken», schreibt sie.Â









