«Trost fĂŒr Eltern» - Baby-Geschrei liegt (auch) in den Genen
08.07.2025 - 04:30:41 | dpa.de
Wie sehr ein Baby die Nerven seiner Eltern mit Geschrei martert, hĂ€ngt einer Studie zufolge auch mit seinen Genen zusammen. Die BrĂŒlldauer werde wohl weitgehend vom Erbgut bestimmt, schlieĂt ein Forschungsteam aus einer Untersuchung an Zwillingen. Auch SchlafqualitĂ€t und BeruhigungsfĂ€higkeit werden demnach bei SĂ€uglingen in den ersten Lebensmonaten von den Erbanlagen mitbeeinflusst.
Schreit ein Baby oft und lange, ist das emotional oft sehr belastend. «FĂŒr Eltern kann es ein Trost sein zu wissen, dass das Weinen ihres Kindes gröĂtenteils genetisch bedingt ist und dass sie selbst nur begrenzte Möglichkeiten haben, das Weinen ihres Kindes zu beeinflussen», sagte die Studienleiterin Charlotte Viktorsson von der UniversitĂ€t Uppsala (Schweden).
Zwillingseltern wurden befragt
Die Analyse ihres Teams basiert auf Fragebögen, die von den Eltern 998 gleichgeschlechtlicher eineiiger oder zweieiiger Zwillinge ausgefĂŒllt wurden, als diese zwei Monate und fĂŒnf Monate alt waren. Gefragt wurde unter anderem, wie lange die Kinder weinen, wie oft sie nachts aufwachen und wie lange es dauert, bis sie sich beruhigen. Zwillinge wurden gewĂ€hlt, weil sie entscheidende Faktoren wie das hĂ€usliche Umfeld, die Familiensituation und den sozioökonomischen Status gemeinsam haben, die das Schreiverhalten ebenfalls beeinflussen.
Eineiige Zwillinge entstehen aus einer einzigen Eizelle und haben daher identische Erbanlagen (DNA), zweieiige Zwillinge sind genetisch so verschieden wie in verschiedenen Jahren geborene Geschwister. Wenn eineiige Zwillinge sich in Bezug auf ein bestimmtes Merkmal Ă€hnlicher sind als zweieiige Zwillinge, spielt die Genetik fĂŒr die AusprĂ€gung eine Rolle.
Im Mittel mehr als eine Stunde GebrĂŒll tĂ€glich
Die Befragung ergab immense individuelle Unterschiede. Einige Kinder wachten zum Beispiel bis zu zehnmal pro Nacht auf, andere fast nie. Im Schnitt schrien die Zwillinge im Alter von zwei Monaten etwa 72 Minuten tĂ€glich, wachten mehr als zweimal pro Nacht auf und brauchten jeweils etwa 20 Minuten zum Beruhigen. Im Alter von fĂŒnf Monaten waren es im Mittel insgesamt 47 Minuten Schreidauer, immer noch zweimaliges Aufwachen pro Nacht und etwa 14 Minuten zum Beruhigen.
Bei den Werten ist allerdings zu bedenken, dass ein Geschwistereffekt zum Tragen kommen kann: FĂ€ngt ein Zwilling zu brĂŒllen an, fĂ€llt der andere gerne mal mit ein. Weinen beide, kann es lĂ€nger dauern, bis sie sich wieder beruhigt haben.
Dauer des Weinens weitgehend genetisch bestimmt
Die deutlichsten Hinweise auf eine groĂteils genetische Grundlage ergaben sich fĂŒr die Dauer des Weinens. Im Alter von zwei Monaten erklĂ€rt die Genetik der Kinder demnach zu etwa 50 Prozent, wie viel sie weinen, wie es im Fachjournal «JCPP Advances» heiĂt. Im Alter von fĂŒnf Monaten seien es sogar 70 Prozent.
Bei der Zahl nĂ€chtlicher Aufwachphasen spielt die Genetik der Studie zufolge wohl eine weitaus geringere Rolle. Zu den dafĂŒr entscheidenden Faktoren könnten die Schlafroutine und die Umgebung, in der das Kind schlĂ€ft, gehören, vermuten die Forschenden. Auf der Grundlage der Studie Schlussfolgerungen auf besonders wirksame Methoden zu ziehen, sei aber nicht möglich.
Beim Beruhigen wiederum beeinflusst das Umfeld offenbar nur in den ersten Lebensmonaten stark, wie gut es damit klappt. Im Alter von fĂŒnf Monaten wurde die BeruhigungsfĂ€higkeit dann den Daten der Befragung zufolge hauptsĂ€chlich von der Genetik bestimmt.
Haben die Eltern richtig gezÀhlt?
EinschrĂ€nkend geben die Forschenden zu bedenken, dass die Daten auf Angaben von Eltern beruhen und Schlaf und Verhalten deshalb womöglich nicht exakt wiedergeben. Zudem lieĂen sich die Ergebnisse nicht automatisch auf Einzelkinder ĂŒbertragen - wegen der Interaktion von Zwillingen und weil zwei Babys höhere Anforderungen an Eltern stellen. Beides beeinflusst die gemessenen Faktoren.
Bei einer ersten Stichprobe seien allerdings keine merklichen Unterschiede zwischen Zwillingen und Einzelkindern hinsichtlich des Schrei- und Beruhigungsverhaltens festgestellt worden, sehr wohl aber bei der Zahl der AufwachvorgÀnge. Allerdings ein eher unerwarteter Unterschied: Die Zwillinge wachten seltener auf als Einzelkinder.
Auf potenzielle GrĂŒnde dafĂŒr gehen die Forschenden nicht ein. Womöglich fĂŒhlt sich ein Baby sicherer, wenn neben ihm sein stets prĂ€senter Zwilling schlummert - oder es lĂ€sst sich aus der Gewohnheit seines belebten Alltags heraus weniger leicht durch nĂ€chtliche GerĂ€usche aufschrecken.
Wie man weinende Babys in 13 Minuten zum Schlafen bringt
Vor einiger Zeit hatte ein anderes Forschungsteam erkundet, wie man Babys am schnellsten beruhigt - und eine minutengenaue Anleitung ausgearbeitet. Eltern sollten ihr weinendes Kind etwa fĂŒnf Minuten eng an den eigenen Körper geschmiegt in gleichmĂ€Ăigem Tempo herumtragen, möglichst ohne abrupte Bewegungen, erklĂ€rten die Forschenden im Fachjournal «Current Biology». Sobald es eingeschlafen ist, sollen sie sich demnach noch etwa acht Minuten mit ihm hinsetzen und es erst danach zum Schlafen hinlegen.
Auch eine ErklĂ€rung fĂŒr den beruhigenden Effekt des Gehens hatte das Team parat: die sogenannte Transportreaktion. Dieser angeborene Effekt sei bei vielen jungen SĂ€ugetieren zu beobachten, die noch nicht in der Lage sind, fĂŒr sich selbst zu sorgen, MĂ€usen und Affen zum Beispiel. Die Jungtiere beruhigen sich und ihre Herzfrequenz sinkt, wenn sie aufgehoben und herumgetragen werden.
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