GebÀrdensprache, Kinder

Trotz Technik: GebĂ€rdensprache ist wichtig fĂŒr taube Kinder

27.09.2024 - 06:00:36

Viele Eltern gehörloser Kinder setzen Hoffnung in Cochlea-Implantate und das Erlernen der Lautsprache. Experten betonen, dass die GebÀrdensprache ein wichtiges Mittel zur Kommunikation bleibe.

Wenn Eltern mit ihren Kindern reden wollen, ist das nicht immer ganz einfach. Doch was, wenn beide nicht einmal eine gemeinsame Sprache sprechen? Hörende Eltern und ihre tauben Kinder stehen mitunter schon bei alltÀglichen Dingen vor Problemen: Die Eltern können ihr Kind nicht einfach fragen, was es essen möchte. Sie können ihm auch nicht sagen, dass sie es liebhaben. «Man hat keine Kommunikation mit seinem eigenen Kind», sagt Romy Ballhausen, Mutter eines gehörlosen Sohnes und VizeprÀsidentin des Bundeselternverbands gehörloser Kinder. 

Möglich wird Kommunikation mit der GebĂ€rdensprache mit ihren visuellen GebĂ€rden, der Mimik und Oberkörperbewegungen. Doch viele Eltern setzen laut Ballhausen eher auf technische GerĂ€te wie Cochlea-Implantate (CI) und das Erlernen der Lautsprache. «Ärzte stellen den Eltern oft in Aussicht, dass die Kinder mit CI gut hören lernen und die Deutsche GebĂ€rdensprache nicht brauchen», sagt Ballhausen. «Man kann sich unserer Erfahrung nach aber nicht zu 100 Prozent auf die Technik verlassen, weil sie bei einigen Kindern gar nicht und bei anderen Kindern nicht in jeder GesprĂ€chssituation funktioniert. Die Kinder haben auch kein Backup, wenn sie einmal ausfĂ€llt», sagt die Hamburgerin. 

Vielfach können Gehörlose oder Schwerhörige mĂŒhelos ĂŒber Stunden ĂŒber GebĂ€rdensprache miteinander quatschen, sind bei Lautsprache-Runden aber rasch ermattet, weil sie sich extrem konzentrieren mĂŒssen, um der Kommunikation folgen zu können. Denn: Das elektronische Hören mit einem HörgerĂ€t oder einem CI ist anders als das natĂŒrliche Hören. CI-TrĂ€ger haben oft Schwierigkeiten in lauten Umgebungen oder bei HintergrundgerĂ€uschen. Das Verstehen von Sprache in solchen Situationen kann herausfordernd sein. Auch Musik klingt teils nicht sonderlich angenehm und die LĂ€rmempfindlichkeit kann erhöht sein. 

Probleme trotz Technik 

«Etwa 30 bis 50 Prozent der Kinder haben trotz der Technik Probleme in der Lautsprachentwicklung», sagt Claudia Becker, Professorin fĂŒr GebĂ€rdensprach- und AudiopĂ€dagogik an der Humboldt-UniversitĂ€t Berlin. Ein störungsfreies, entspanntes Hören sei mit Implantat oft nicht möglich. «Das fĂ€ngt schon bei kleineren Gruppen an, in denen alle durcheinander reden.» 

Ein CI ist eine elektronische Innenohrprothese. «Cochlea-Implantate ĂŒbernehmen die Funktion der Sinneszellen, indem sie den Schall aufnehmen und daraus elektrische Impulse bilden, die zur weiteren Verarbeitung ins Gehirn gegeben werden», erklĂ€rt Thomas Lenarz, Professor fĂŒr Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Direktor der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover. 

In Deutschland bekommen demnach jÀhrlich etwa 5.500 Patienten ein CI, davon etwa 600 in Hannover. Eine offizielle Statistik zur Zahl gehörloser Menschen in Deutschland gibt es nicht. Der Bundeselternverband gehörloser Kinder schÀtzt, dass es jedes Jahr etwa 5.400 bis 8.400 Kinder zwischen 0 und 3 Jahren gibt, die mit einer HöreinschrÀnkung geboren wurden oder ertaubt sind. Von diesen Kindern hÀtten etwa 90 bis 95 Prozent hörende Eltern. 

Thomas Lenarz meint, es sei nichts gegen GebĂ€rdensprache einzuwenden. «Ich wĂŒrde nur nicht systematisch von Anfang an beides machen», sagt er. «Die Dominanz der Lautsprache im gesamten Alltag, im Leben ist so stark, dass es natĂŒrlich darauf ankommt, dass die Kinder diese auch primĂ€r benutzen, weil sie damit natĂŒrlich alle Chancen haben.» 

Seiner Erfahrung nach brÀuchten die meisten Kinder mit Cochlea-Implantat die GebÀrdensprache nicht. Er empfehle Eltern aber, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. «Sie können sehr viel authentischer und besser sagen, wie es bei ihnen gelaufen ist», so der Arzt. 

Verband: GebÀrdensprache wird oft vernachlÀssigt 

Feststellbar sind HörbeeintrĂ€chtigungen schon wenige Tage nach der Geburt bei einem Neugeborenenscreening. «Die Diagnose trifft viele Familien wie ein Schock», sagt Robert Jasko, Referent bei der Deutschen Gehörlosen-Jugend. Er kritisiert, dass viele Eltern allein auf Technik setzten. «Dieser Weg, so gut er gemeint ist, fĂŒhrt oft dazu, dass die natĂŒrliche Muttersprache des Kindes - die GebĂ€rdensprache - vernachlĂ€ssigt oder erst spĂ€t in Betracht gezogen wird». 

Auch Romy Ballhausen warnt: «Es geht viel Zeit mit Sprechtraining und lautsprachlichen Übungen verloren, viel Kommunikation, die auch anders möglich wĂ€re, bleibt aus, die Entwicklung des Kindes kann dauerhaft geschĂ€digt werden.»

Die Gehörlosen-Jugend macht mit einem Video in sozialen Medien auf mögliche schwerwiegende Folgen aufmerksam, die eine unzureichende Kommunikation haben kann: IdentitĂ€tskrisen, starke UnsicherheitsgefĂŒhle, Depressionen oder auch AngstzustĂ€nde. Auch die Beziehung zu den Eltern könne sehr problematisch sein. Jasko spricht von einem «unsichtbaren Riss» zwischen Eltern und Kindern, der sich im Laufe des Lebens noch vertiefen könne. 

«Kinder lernen auch schwerer, sich in andere Menschen hineinzuversetzen oder Konflikte zu lösen. Sie können aggressiv werden oder sich zurĂŒckziehen», erklĂ€rt die Wissenschaftlerin Claudia Becker. 

Thekla Werk, PrĂ€sidentin des Bundeselternverbands gehörloser Kinder und GebĂ€rdensprach-Dozentin sagt, dass taube Kinder oft die Diagnose ADHS erhielten. Doch die Kinder seien oft nur vermeintlich wild oder aggressiv, weil sie sich nicht ausdrĂŒcken könnten. «Wenn ich in den Familien bin und dort die GebĂ€rdensprache unterrichte, erlebe ich, dass die Kinder und die Familien insgesamt viel entspannter werden, wenn sie eine gemeinsame Sprache finden.» 

Kurse sind teuer und schwer zu bekommen 

GebĂ€rdensprachkurse fĂŒr Familien finden meist zu Hause statt, damit die Familien lernen, im Alltag zu kommunizieren. Anfangs seien es etwa vier bis sechs Stunden pro Woche, spĂ€ter weniger, erklĂ€rt Werk. Der Unterricht sei oft ĂŒber Jahre nötig. Mit etwa 75 Euro pro 45 Minuten seien die Kurse relativ teuer und viele Familien deshalb auf UnterstĂŒtzung angewiesen. 

Wenn sich Eltern fĂŒr das Erlernen der GebĂ€rdensprache entscheiden, wĂŒrden ihnen mitunter viele Steine in den Weg gelegt, berichten Betroffene. «Mein Antrag auf einen Haus-GebĂ€rdensprachkurs lag zwei Jahre auf dem Tisch eines Sachbearbeiters, dann zog sich die Gerichtsverhandlung ĂŒber vier Jahre, bis meine Tochter ĂŒberhaupt zweieinhalb Stunden pro Woche einen Kurs bekommen hat», sagt Ann-Cathrin Wehmeier, Leiterin der GeschĂ€ftsstelle des Bundeselternverbands gehörloser Kinder. 

Kleine GebĂ€rden - etwa fĂŒr Hunger, Durst, Schlafen, Mama, Papa - könne man sich am Anfang selbst «zusammenpuzzeln», darĂŒber hinaus sei es ohne Unterricht schwierig, erklĂ€rt Wehmeier. GebĂ€rdensprachen sind ebenso komplex wie gesprochene Sprachen. Sie verfĂŒgen ĂŒber ein umfassendes Vokabular und eine eigenstĂ€ndige Grammatik.

«Es ist oft auch ein Problem der FlĂ€che. Manchmal ist auch Geld da ist, aber dann wohnt jemand in einer sehr lĂ€ndlichen Gegend, in der es keine taube Lehrkraft gibt, die die Familie unterrichten kann», sagt Claudia Becker. VerlĂ€ssliche Daten darĂŒber, wie viele Eltern gehörloser Kinder die GebĂ€rdensprache lernen, gibt es der Wissenschaftlerin zufolge nicht. Der Elternverband schĂ€tzt, dass nur in einer von zehn betroffenen Familien die GebĂ€rdensprache erlernt wird. 

Eltern und Kinder haben plötzlich eine gemeinsame Sprache

«Die GrundbedĂŒrfnisse können auf einmal geĂ€ußert werden, man hat auf einmal eine gemeinsame Sprache», berichtet Romy Ballhausen aus der Erfahrung mit ihrem Kind. «Es gab plötzlich einen Entwicklungsschub, mein Sohn konnte Fragen stellen, vorher war er dazu gar nicht in der Lage.» 

Dass ihr Kind nun eine andere Erstsprache habe als sie selbst, sei durchaus eine Herausforderung im Familienalltag, sagt Ballhausen. «Aber wenn eine Vokabel fehlt, beschreibt man das eben etwas noch einmal mit anderen Worten.» Aus ihrer Sicht war das Erlernen der GebĂ€rdensprache ein großer Schritt, der das Frustrationspotenzial deutlich gesenkt und dem Kind den Zugang zum Weltwissen ermöglicht habe. Das Erlernen sei eine herausfordernde, aber auch erfĂŒllende Reise: «Mit jeder GebĂ€rde, die die Eltern lernen, öffnet sich ein weiteres Fenster in die Welt ihres Kindes», sagt Robert Jasko. 

Verband fordert unabhÀngige Beratung 

Ballhausen betont, dass der Elternverband nicht gegen Technik wie CIs sei: «Jede Familie muss ihren Weg finden, mit oder ohne technische UnterstĂŒtzung, aber GebĂ€rdensprache muss auf jeden Fall angeboten werden», sagt sie. Der Verband fordert eine unabhĂ€ngige Beratungsstelle, die alle Optionen aufzeigt. «Eltern sollen sehen, dass ein erfĂŒlltes Leben ohne CI eine dieser Optionen ist, die sie ebenso frei fĂŒr ihre Kinder wĂ€hlen können. Sie sollen eine informierte Entscheidung treffen», so Ballhausen. 

 

 

 

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