Gewalt in der Beziehung - wie TĂ€ter Opfer manipulieren
15.02.2026 - 05:30:07Mit der Geburt des ersten Kindes fingen die Probleme an: Martin fĂŒhlte sich von Ella vernachlĂ€ssigt, sexuell und generell. «Du kĂŒmmerst dich zu viel um das Kind und zu wenig um mich», schrie er sie an. Oder: «StĂ€ndig musst du das Baby wickeln.» «Du bist keine richtige Mutter.» «Du weiĂt nicht, wie es geht.»
Martin habe angefangen, Ella zu schubsen, ihr mit der Faust auf den Oberarm zu schlagen, erzÀhlt Barbara Wittel von Pro Familia in Stuttgart. Die blauen Flecke habe keiner bei der 28-JÀhrigen gesehen.
Ella, die in Wirklichkeit anders heiĂt, ist eine von Zehntausenden Frauen in Deutschland, die unter hĂ€uslicher Gewalt leiden oder gelitten haben. Zuletzt stieg die bundesweite offizielle Zahl der Opfer um 3,8 Prozent auf 265.942 im Jahr 2024 - bei knapp zwei Drittel davon (64,3 Prozent) handelte es sich laut Bundeskriminalamt (BKA) um Partnerschaftsgewalt. Zahlen fĂŒr das vergangene Jahr liegen demnach bisher nicht vor.
Die von der Polizei registrierten Ăbergriffe bilden allerdings nur einen verschwindend kleinen Teil der verĂŒbten Gewalttaten ab. Das zeigen die Daten der sogenannten Dunkelfeldstudie im Auftrag der Bundesregierung. So hatte rund jeder sechste Befragte in seinem Leben körperliche Gewalt durch den Partner oder Ex-Partner erfahren. Allerdings gingen nur rund drei Prozent der Betroffenen spĂ€ter zur Polizei. Doch warum bleiben Frauen in gewaltvollen Beziehungen - auch jenseits von wirtschaftlichen ZwĂ€ngen?
TĂ€ter verwenden klare Strategien, um Frauen an sich zu binden
«Wenn natĂŒrlich eine Frau finanziell unabhĂ€ngig ist, hat sie es sehr viel leichter, vielleicht in einer anderen Stadt einen Job zu finden, sich ein neues Leben aufzubauen», sagt Wittel, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin in Stuttgart. «Aber der finanzielle Aspekt kommt nach dem emotionalen Aspekt.» Die Frau mĂŒsse auch unabhĂ€ngig von der wirtschaftlichen Situation in der Lage sein, diese Schritte zu gehen - sich vom Partner zu lösen.Â
Laut einer Studie der britischen Cambridge-UniversitĂ€t verwenden TĂ€ter klare Strategien, um Frauen emotional an sich zu binden und zu verunsichern. Demnach ĂŒberschĂŒtten sie ihre Partnerinnen zunĂ€chst mit viel Hingabe und Liebe, dann verhalten sie sich grausam, spĂ€ter oft gewalttĂ€tig - und dazwischen immer wieder extrem liebevoll.Â
«Diese Beziehungen beginnen mit Verzauberung»
«Diese Beziehungen beginnen mit Verzauberung», sagt Hauptautorin Mags Lesiak. «Der darauffolgende Zwang und Missbrauch ist so verwirrend, dass die Opfer verzweifelt versuchen, das anfÀngliche Bild ihres Peinigers aufrechtzuerhalten.»
Liebe werde erzeugt und dann als Waffe eingesetzt, um eine Form psychischer Gefangenschaft zu schaffen. «Wie bei den Opfern in dieser Studie kann dies Frauen auch ohne physischen oder finanziellen Zwang an ihre Peiniger binden», sagt die Kriminologin.
TĂ€ter nutzen Kindheitstraumata gegen die Frauen
Alle fĂŒr die Studie interviewten 18 Frauen hĂ€tten zudem von Kindheitstraumata berichtet, von distanzierten Eltern bis hin zu sexuellem Missbrauch, so Lesiak. Die TĂ€ter hĂ€tten wiederum diese und ihre eigenen Kindheitstraumata dazu benutzt, die Frauen abzuwerten oder vor anderen in Verlegenheit zu bringen. Wenn es darum gehe, das Fortbestehen missbrĂ€uchlicher Beziehungen zu erklĂ€ren, unterstreiche die Studie - publiziert im Fachblatt «Violence against women» - die Notwendigkeit, sich auf die Strategien der TĂ€ter zu fokussieren, anstatt auf Defizite der Opfer.
Neue Perspektive wichtig fĂŒr die Forschung
Paola Delgado Klamroth vom Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen betont, dass die Studie eine neue Perspektive einfĂŒhre, die in der Forschung berĂŒcksichtigt werden sollte. «Es geht um die komplexe psychische Manipulation durch den TĂ€ter aus Sicht der Opfer, was auch sehr bereichernd fĂŒr das VerstĂ€ndnis, die PrĂ€vention und die Behandlung von Opfern von hĂ€uslicher Gewalt ist», sagt sie. NatĂŒrlich seien Ergebnisse solcher Studien nicht immer verallgemeinerbar.
Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) TĂ€terarbeit HĂ€usliche Gewalt lobt den Ansatz der Studie. Sie leiste einen Beitrag fĂŒr ein besseres VerstĂ€ndnis von Gewaltdynamiken in Paarbeziehungen und mache deutlich, wie wichtig der Einbezug von Betroffenenperspektiven in der Forschung ist, schreibt die BAG.Â
«Aufgrund der geringen StichprobengröĂe lassen sich aus unserer Sicht allerdings nur schwer generalisierbare Erkenntnisse ableiten», heiĂt es weiter. «Die Schlussfolgerungen auf Basis der zitierten Interviewpassagen erscheinen in Anbetracht der KomplexitĂ€t des Themas zum Teil etwas gewagt.» So weist die BAG darauf hin, dass es schwierig sei, aus den Erkenntnissen von 18 Interviews klare TĂ€terprofile oder bestimmte Mechanismen als Kernelemente von Zwangskontrolle abzuleiten.
Frau darf keine eigene Meinung mehr haben
Die Stuttgarter Pro Familia-Expertin Wittel kennt die in der Studie genannten Strategien auch aus ihrer Praxis. Der erste Hinweis auf eine toxische Beziehung sei, wenn die Frau keine eigene Meinung mehr haben dĂŒrfe, sagt die Traumatherapeutin. «Das wĂŒrde die Differenz zwischen zwei Personen zeigen, und die wird ĂŒberhaupt nicht ausgehalten.» Stattdessen mĂŒsse sich die eine Person der anderen unterordnen.
Um Frauen aus ihren gewalttĂ€tigen Beziehungen herauszuhelfen, brauche es vor allem einen Kontakt zu einer anderen Person, sagt Wittel. Jemand, der ihnen Mut mache, der sage: Ich sehe dich. In den seltensten FĂ€llen wĂŒrden Frauen von sich aus ins Frauenhaus kommen. «Einen Kontakt auĂerhalb des Systems zu haben, das wĂ€re manchmal lebensrettend.» Meistens seien die Frauen durch die Partner von ihren Familien und Freunden isoliert worden.
Im Fall von Ella fĂŒhrte letztlich eine zweite Schwangerschaft die junge Frau zu Pro Familia. Sie lieĂ die Schwangerschaft beenden, sagt Wittel. Noch ein Kind mit Martin habe sich Ella nicht vorstellen können. Nach dem Abbruch setzte die junge Frau die Beratung fort. Sie habe sie darin unterstĂŒtzt, ihren Partner zu verlassen und einen sicheren Ort zu finden, sagt Wittel. Die Frau lebt heute mit ihrem Kind in einem Frauenhaus.
Hol dir den Wissensvorsprung der Profis. Seit 2005 liefert der Börsenbrief trading-notes verlĂ€ssliche Trading-Empfehlungen â dreimal die Woche, direkt in dein Postfach. 100% kostenlos. 100% Expertenwissen. Trage einfach deine E-Mail Adresse ein und verpasse ab heute keine Top-Chance mehr.
Jetzt anmelden.







