Studie zeigt global auseinander strebende Wertvorstellungen
10.04.2024 - 04:33:09Die Wertvorstellungen westlicher und anderer Gesellschaften unterscheiden sich einer Studie zufolge zunehmend. In den vergangenen 40 Jahren seien sich LĂ€nder im Zuge von Globalisierung, Massenmedien und der Verbreitung von Technologien zwar in vielen Aspekten Ă€hnlicher geworden - kulturelle Werte zĂ€hlten jedoch nicht zwingend dazu, berichten US-Forscher im Fachmagazin «Nature Communications» ĂŒber Ergebnisse wiederholter Umfragen unter rund 400.000 Menschen in 76 LĂ€ndern.
Demnach haben sich die Wertorientierungen insbesondere fĂŒr Toleranz und Offenheit in den vergangenen vier Jahrzehnten zwischen LĂ€ndern auf verschiedenen Kontinenten auseinanderentwickelt. Innerhalb von Kontinenten wurden sie Ă€hnlicher. Die Daten zeigen auch, dass sich die Wertorientierungen westlicher LĂ€nder mit hohem Einkommen besonders von denen anderer LĂ€nder unterscheiden.
Wertekluft in Afrika und Asien
Eine Theorie besagt den Forschenden zufolge, dass mit zunehmender Modernisierung und ökonomischem Wohlstand weltweit verstĂ€rkt liberale, individualistische Werte, die persönliche Rechte und Freiheiten betonen, ĂŒbernommen werden. Insbesondere in asiatischen und afrikanischen LĂ€ndern ist dieser Zusammenhang aber viel weniger ausgeprĂ€gt als im Westen, wie die Studie nun zeigt. Die zunehmende Wertekluft könne Konsequenzen fĂŒr die politische Polarisierung und internationale Konflikte haben, warnt das Forschungsduo Joshua Conrad Jackson und Danila Medvedev.
«Wenn die kulturellen Differenzen bei Einstellungen und Werten zunehmen, die religiöse Intoleranz wÀchst und gleichzeitig die Bereitschaft zur Kooperation in wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Fragen abnimmt, dann können Konflikte innergesellschaftlich oder auch zwischen Gesellschaften stark zunehmen, bis hin zu militÀrischen Auseinandersetzungen», erklÀrte Roland Verwiebe von der UniversitÀt Potsdam, der selbst nicht an der Studie beteiligt war.
GroĂe Unterschiede in puncto Gehorsam und ReligiositĂ€t
Das Autorenduo aus Chicago hatte Daten des World Values Survey zwischen 1981 und 2022 ausgewertet. Erfasst wurden kulturelle Unterschiede bei 40 Werten, verbunden etwa mit Offenheit, Gehorsam und Glauben. Demnach gibt es groĂe Differenzen etwa bei der Beurteilung, wie wichtig es ist, Kinder religiöse Ăberzeugungen zu lehren und sie zu Gehorsam zu erziehen. Â
Auch bei anderen Aspekten entwickelten sich westliche und andere LĂ€nder deutlich auseinander: WĂ€hrend Menschen in Australien und Pakistan zum Beispiel vor Jahrzehnten Scheidungen gleichermaĂen fĂŒr nicht vertretbar hielten, haben sich ihre Ansichten in entgegengesetzte Richtungen entwickelt, wie Jackson und Medvedev erlĂ€utern. Eine Ă€hnliche Entwicklung habe es beim Wert des Gehorsams von Kindern gegeben.
Wohlstand bringt nicht automatisch Angleichung
Die Entwicklung von Wohlstand bedeute nicht automatisch eine Angleichung von Werten, so die Forschenden. Er sei beispielsweise in Hongkong und Kanada zwischen 2000 und 2020 Àhnlich gestiegen, die Akzeptanz von HomosexualitÀt habe aber in Kanada schneller zugenommen. Auf hohe Leistungsbereitschaft von Kindern werde in Kanada inzwischen weniger, in Hongkong hingegen deutlich mehr Wert gelegt.
Zwar sehe er EinschrĂ€nkungen bei der Vergleichbarkeit der Messbedingungen in den einzelnen LĂ€ndern, sagte Verwiebe, Professor fĂŒr Sozialstrukturanalyse und soziale Ungleichheit. «Gleichzeitig ist aufgrund der Verwendung von sehr vielen Datenpunkten von einer sehr hohen Robustheit der Ergebnisse auszugehen, und die berichteten Trends der weltweiten Divergenz von Werten halte ich fĂŒr sehr plausibel.» Es hĂ€tten sich neue Spaltungslinien zwischen westlich geprĂ€gten, sehr wohlhabenden europĂ€ischen LĂ€ndern einerseits und asiatischen und afrikanischen Staaten andererseits herausgebildet.
Liberale Demokratien zunehmend in der Defensive
Zudem gebe es eine weitere wesentliche Entwicklung: «Die liberalen Demokratien europĂ€ischer PrĂ€gung befinden sich weltweit zunehmend in der Defensive; in Teilen nimmt ihre Akzeptanz auch in stark demokratisch geprĂ€gten Gesellschaften deutlich ab, etwa in den Niederlanden, Frankreich, den USA und Deutschland.» Die Demokratie beruhe auf dem Ausverhandeln von Interessendifferenzen, auf Akzeptanz von Meinungsunterschieden. «Ist die Demokratie auf dem RĂŒckzug, nimmt die Intoleranz zu.»
Auch Constanze Beierlein von der Hochschule Hamm-Lippstadt erklÀrte, es sei weltweit zu sehen, dass Demokratien als Ausdruck emanzipatorischer Werte unter Druck geraten und dass auch in Europa autoritÀre Einstellungen und Parteien Zulauf finden, in Deutschland etwa die AfD. «Wir haben bereits erlebt, dass sich europÀische LÀnder, wie beispielsweise Ungarn, dann politisch umorientieren und auch den Kontakt zu anderen autoritÀren Regimen ausbauen.»
Wenn Werte wie nationale Sicherheit und Dominanz gegenĂŒber anderen LĂ€ndern im Mittelpunkt politischen Handelns stĂŒnden, habe das auch direkte Auswirkungen auf Deutschland, so Beierlein, Leiterin des Lehrgebiets Kulturvergleichende Sozialpsychologie und Diagnostik und selbst nicht an der aktuellen Studie beteiligt. Etwa wenn es um Ziele wie Friedenssicherung, Umweltschutz und Menschenrechte gehe, die nur gemeinsam zu erreichen seien.





