Vigoressie: Mehr als 60.000 Menschen in Italien betroffen
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 15:45 Uhr | Redaktion boerse-global.deVigoressie, auch bekannt als Muskel-Dysmorphie oder Adonis-Komplex, stellt eine wachsende Herausforderung dar. Laut einem Bericht vom 28. Oktober 2026 beziffert das Istituto di Fisiologia Clinica die Zahl der Betroffenen in Italien auf mehr als 60.000 Menschen.
HauptsĂ€chlich sind MĂ€nner im Alter von 19 bis 35 Jahren betroffen. Unter Bodybuildern erreicht der Anteil nach Angaben des Instituts ĂŒber 10 %. Die tatsĂ€chlichen Werte gelten als vermutlich unterschĂ€tzt, da das Krankheitsbild selten diagnostiziert wird.
Betroffene nehmen sich trotz einer hochentwickelten Muskulatur als schwach wahr. Neuroimaging-Studien verweisen darauf, dass diese Störung mit strukturellen VerĂ€nderungen in Hirnarealen einhergeht, die fĂŒr die ReprĂ€sentation des Körperbildes, die Verhaltenskontrolle und die Emotionsverarbeitung zustĂ€ndig sind.
Neurochemische VerÀnderungen durch extremes Training
Parallel dazu untersuchen Forscher die neurobiologischen Folgen exzessiven Sports. Eine in der Fachzeitschrift Neuroscience publizierte Untersuchung der brasilianischen UniversitĂ€ten USP und Unicamp zeigt, dass chronisches Ăbertraining die Dopamin-Homöostase im Hippocampus stören kann.
In Versuchen an MĂ€usen waren Dopamin und das Enzym Tyrosinhydroxylase (TyrH) im Hippocampus-Gewebe noch 48 Stunden nach dem letzten Leistungstest signifikant erhöht. Serotonin zeigte hingegen in keiner Gruppe signifikante Ănderungen.
WĂ€hrend bei einer Akutgruppe nach einer Einzelsession auf dem Laufband bis zur Erschöpfung das Dopamin unmittelbar nach dem Lauf anstieg, wies die Ăbertrainingsgruppe nach acht Wochen progressivem Ăbertraining â mit zwei tĂ€glichen Sessions und nur vier Stunden Erholung in der letzten Woche â auch 48 Stunden nach dem Test erhöhte Werte von Dopamin und TyrH auf.
Da Schlaf, Angst und Alertness der Tiere nicht direkt gemessen wurden, ist eine direkte Ăbertragung auf menschliche Symptome nicht möglich. Der Studienkoordinator Adelino Sanchez Ramos da Silva von der EEFERP-USP betonte jedoch, ein Nachweis Ă€hnlicher VerĂ€nderungen beim Menschen könne den Zusammenhang zu Schlafstörungen klĂ€ren.
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TyrH wird in der Arbeit als potenzieller prĂ€klinischer Biomarker genannt. Ăber die sportliche Karriere hinweg wird die HĂ€ufigkeit des Overtraining-Syndroms bei Leistungssportlern auf geschĂ€tzt 20â60 % beziffert; die Ăbertragbarkeit der Tierversuchsbefunde bleibt inferenziell.
Eine ergĂ€nzende, 2025 im Journal Nutrients veröffentlichte Studie der israelischen Ariel University fand bei Ăbertraining durch Widerstandstraining ebenfalls erhöhte D1R-Rezeptoren, sinkende Werte des Wachstumsfaktors BDNF sowie Defizite im rĂ€umlichen GedĂ€chtnis.
Hirnstoffwechsel und mentale Ansteuerung
Der Einfluss von Bewegung auf neurotrophe Faktoren ist Gegenstand breiter Analysen. Eine in Molecular Neurobiology erschienene Metaanalyse von 48 randomisierten kontrollierten Studien mit 2.361 Teilnehmern und 56 Gruppenvergleichen stellte fest, dass Sport mit einem Anstieg des zirkulierenden BDNF verbunden war.
Die standardisierte EffektstĂ€rke lag bei 0,41 mit einem 95%-Konfidenzintervall von 0,25â0,57. Es fand sich keine statistisch signifikante Beziehung zwischen dem Trainingsvolumen und dem BDNF-Anstieg sowie kein signifikanter Unterschied zwischen moderater und intensiver IntensitĂ€t.
Allerdings lag die HeterogenitĂ€t bei IÂČ = 67 %, und die Evidenzsicherheit wurde als sehr niedrig eingestuft. Zudem sind BDNF-Werte in Serum und Plasma nicht direkt austauschbar; periphere Werte gelten nicht als validierter Indikator fĂŒr den Faktor im Hirngewebe.
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Wie neuromuskulÀre Prozesse im Detail ablaufen, beleuchtete die Untersuchung zur Bedeutung der mentalen Muskelverbindung wÀhrend des progressiven Widerstandstrainings.
Bei 18 muskulaturerfahrenen MĂ€nnern erhöhte die bewusste Konzentration auf Pectoralis oder Triceps beim BankdrĂŒcken deren MuskelaktivitĂ€t bei leichten bis moderaten Lasten. Bei hohen Lasten trat kein solcher Effekt auf. Gezielte Aufmerksamkeit auf Bewegung und MuskelgefĂŒhl verbessert demnach die nervliche Ansteuerung der Muskulatur.
Psychosoziale Begleiterscheinungen und sexuelle Gesundheit
Die Folgen von Körperdysmorphie beschrĂ€nken sich nicht auf neurochemische Prozesse. Kyle Ganson von der University of Toronto erfasste in einer fĂŒr die Dezember-Ausgabe des Fachjournals Body Image vorgesehenen Untersuchung die Auswirkungen auf das Wohlbefinden.
In einer Online-Umfrage aus dem Zeitraum MÀrz bis April 2024 unter 1.116 sexuell aktiven Jungen und MÀnnern im Alter von 15 bis 35 Jahren in Kanada und den USA (Durchschnittsalter 25,5 Jahre) gingen stÀrkere Symptome von Muskeldysmorphie mit mehr sexuellen Funktionsproblemen einher.
Bei ausgeprÀgter Unzufriedenheit mit dem Aussehen und dem Vermeiden, den Körper zu zeigen, bestanden signifikante ZusammenhÀnge mit 7 von 8 abgefragten Problemen, darunter vermindertes Interesse, Erektionsprobleme, fehlende Erregung und verzögerter Orgasmus.
Der stĂ€rkste Zusammenhang bestand bei Angst beim Sex, wĂ€hrend fĂŒr vorzeitigen Orgasmus kein signifikanter Zusammenhang vorlag. Nach Ansicht Gansons erschwert die Körperunzufriedenheit Entspannung und Fokus; ĂŒbermĂ€Ăiges Krafttraining, strenge DiĂ€ten und Anabolika können die Sexualfunktion zusĂ€tzlich belasten.
