Vorsorge-Check-ups, Hürden

Vorsorge-Check-ups: 29 Prozent verzichten wegen Hürden bei der Terminvergabe

Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 09:34 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Umfragen zeigen Lücken bei Check-ups und Krebsfrüherkennung; zugleich werden Impfangebote und politische Präventionspläne vorgestellt.

Vorsorge und Früherkennung: Teilnahme bleibt trotz Angeboten niedrig
Ein minimalistischer, heller Untersuchungsraum in einer Arztpraxis mit einer leeren Liege und medizinischem Mobiliar. Illustration mit AI erstellt.

Medizinische Experten und lokale Institutionen betonen verstärkt die Notwendigkeit einer höheren Teilnahme an präventiven Vorsorgeuntersuchungen zur langfristigen Erhaltung der Gesundheit. Trotz eines breiten Spektrums an Früherkennungsprogrammen und kassenfinanzierten Leistungen offenbaren Daten zur Inanspruchnahme weiterhin deutliche Lücken.

Fachleute aus Medizin und Gesundheitspolitik sehen in einer systematischen Stärkung der Vorsorge einen entscheidenden Hebel, um schwere Krankheitsverläufe und vermeidbare Todesfälle einzudämmen.

Niedrige Beteiligung trotz kostenloser Angebote

Wie groß die Diskrepanz zwischen Angebot und Inanspruchnahme ist, verdeutlicht die Situation in Österreich: Laut der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien nehmen lediglich rund 20 % der Wienerinnen und Wiener die allgemeine Gesundenuntersuchung wahr. Dieses Angebot steht Personen ab 18 Jahren mit Wohnsitz im Land einmal jährlich kostenlos zur Verfügung.

Um das Bewusstsein zu schärfen, startete die Kammer die Informationskampagne „Ich hab’s gecheckt“ mit Straßenbahnen, Plakaten und digitalen Werbeflächen. Die Kampagne deckt vier Themenbereiche in acht Sujets ab: die jährliche Gesundenuntersuchung, den Eltern-Kind-Pass sowie die Früherkennung von Brust- und Prostatakrebs.

Die Dringlichkeit belegen statistische Kennzahlen: Für das Jahr 2022 verzeichnete Österreich laut Kammer 163 vermeidbare Todesfälle pro 100.000 Einwohner. Die Kammer empfiehlt Frauen ab 45 Jahren alle zwei Jahre eine Brustkrebsfrüherkennung. Männern ab 50 Jahren wird eine individuelle Prostatakrebs-Früherkennung nach ärztlicher Beratung nahegelegt, da hierfür kein organisiertes Screening existiert.

Auch in Deutschland variiert die Nutzung ärztlicher Check-ups. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der IKK classic unter 1.004 gesetzlich Versicherten im Alter von 35 bis 75 Jahren ergab, dass 97 % der Befragten Vorsorgeuntersuchungen der Kassen für sinnvoll halten.

Regelmäßig wahrgenommen werden die Check-ups jedoch nur von etwa 67 % der Frauen und 56 % der Männer. 29 % gaben an, bereits wegen organisatorischer Hürden bei der Terminvergabe auf Untersuchungen verzichtet zu haben.

Gesetzlich Versicherte haben einmalig zwischen 18 und 34 Jahren sowie ab 35 Jahren alle drei Jahre Anspruch auf einen allgemeinen Check-up. 57 % der Befragten erklärten, dass Kassen-Bonusprogramme sie zumindest etwas stärker zur Teilnahme motivieren würden.

Langfristige Auswertungen weisen zudem auf rückläufige Tendenzen bei spezifischen Früherkennungsmaßnahmen hin: Eine Untersuchung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) auf Basis bundesweiter vertragsärztlicher Abrechnungsdaten analysierte den Zeitraum von 2009 bis 2018. Bei den 50- bis 54-Jährigen sank die Inanspruchnahme von Stuhltests zur Darmkrebsfrüherkennung innerhalb dieser zehn Jahre bei Frauen um 21 % und bei Männern um 15 %. Im Erhebungsjahr 2018 nutzten lediglich 23 % der Frauen und 7,4 % der Männer dieser Altersgruppe den entsprechenden Test.

Früherkennung bei Krebs: Leitlinien und Debatten

Besondere Aufmerksamkeit widmen Fachorganisationen der Krebserkennung. Dem RKI zufolge wurden im Jahr 2023 in Deutschland mehr als 75.000 Brustkrebsneuerkrankungen bei Frauen diagnostiziert; etwa jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens daran, während jährlich rund 700 Männer neu betroffen sind.

Mehr als 18.500 Frauen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen einer Brustkrebserkrankung. Eine aktualisierte S3-Leitlinie empfiehlt für bestimmte Patientinnengruppen eine Deeskalation operativer Maßnahmen, wenn zusätzliche operative Eingriffe keinen belegten Nutzen erbringen.

Laut Deutscher Krebshilfe haben gesetzlich versicherte Frauen ab 30 Jahren Anspruch auf eine jährliche Tastuntersuchung, während Frauen zwischen 50 und 75 Jahren alle zwei Jahre eine Einladung zum Mammografie-Screening erhalten.

Die Deutsche Krebshilfe weist darauf hin, dass Tastuntersuchungen häufig zu falsch-positiven Befunden führen, während Mammografien das Sterberisiko durch frühe Erkennung senken können.

Der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) rät zu einer monatlichen Selbstuntersuchung – bei menstruierenden Frauen idealerweise zwischen dem 3. und 7. Tag nach Periodenbeginn. Laut Deutscher Krebshilfe beruhen 5 bis 10 % der Brustkrebserkrankungen auf Mutationen der Gene BRCA1 und BRCA2.

Berufsverbände wie die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und die Deutsche Gesellschaft für Senologie (DGS) fordern, die qualitätsgesicherte Versorgung und das Mammografie-Screening nicht zu budgetieren. Hintergrund ist das geplante GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, welches das Ende der extrabudgetären Vergütung für das Screening bedeuten könnte.

Zur Früherkennung von Lungenkrebs weist die AOK darauf hin, dass eine Niedrigdosis-Computertomografie bei starken Rauchern oder ehemaligen Vielrauchern Tumore früher erkennen und die Sterblichkeit senken kann.

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Dem stehen jedoch Strahlenbelastungen von umgerechnet etwa 1 bis 2 Jahren natürlicher Hintergrundstrahlung pro Untersuchung sowie das Risiko von Zufallsbefunden und Folgeeingriffen gegenüber. Ein Screening ersetzt laut Kasse keinen Rauchstopp.

Infektionsschutz und Impfempfehlungen

Neben Screening-Programmen gewinnt die Impfprävention im Erwachsenenalter an Bedeutung. Im Rahmen der bundesweiten Kampagne „Zusammen geschützt“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BIÖG) für Herbst und Winter wird auf die Belastungen der vorangegangenen Wintersaison 2025/26 verwiesen: Laut RKI-Saisonbericht traten rund 180 Mio. akute Atemwegserkrankungen auf; etwa 429.000 Menschen mussten wegen schwerer Infektionen stationär versorgt werden, rund 22.700 starben.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Pneumokokken-Impfung für Kinder bis zwei Jahre, Personen ab 60 Jahren sowie Risikogruppen. Eine einmalige RSV-Impfung ist ab 75 Jahren vorgesehen (für Risikogruppen ab 60).

Die jährliche Corona-Auffrischung wird für Personen ab 75 Jahren empfohlen, nachdem die Richtlinie im Juli 2026 angepasst wurde. Die Grippeimpfung wird ab 60 Jahren angeraten, optimalerweise von Oktober bis Mitte Dezember. Die Schutzwirkung setzt nach etwa zwei Wochen ein. Bei gegebener Indikation können empfohlene Impfungen zeitgleich verabreicht werden.

Im Schweizer Kanton Aargau wird die Grippeimpfung ab Mitte Oktober empfohlen, vor allem für Personen ab 65 Jahren, für die vorzugsweise ein Hochdosis-Impfstoff vorgesehen ist. Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 zeigten zudem, dass 20 % der über 15-Jährigen und 49 % der über 65-Jährigen von Bluthochdruck betroffen sind oder Medikamente dagegen einnehmen.

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Strukturelle Initiativen und politische Diskussionen

Um wissenschaftliche Erkenntnisse gezielter in die Praxis zu überführen, gründete die Uniklinik Köln das Centrum für Prävention (CeP). Acht spezialisierte Bereiche der Klinik sowie des Exzellenzclusters CECAD bündeln dort ihre Expertise. Beim Gründungssymposium standen Themen wie Impfbarrieren, Impfmüdigkeit sowie der Beitrag von Schutzimpfungen zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Mittelpunkt.

Auf Ebene der Krankenkassen bündelt der Verband der Ersatzkassen (vdek) Angebote: Im Sommer 2026 wurde im Namen aller gesetzlichen Kassen die Plattform praevention-direkt-finden.de bereitgestellt.

Über die Zentrale Prüfstelle Prävention, die seit 2014 Kurse nach § 20 SGB V prüft und jährlich über 100.000 Anträge bearbeitet, stehen mehr als 120.000 zertifizierte Angebote bereit – darunter rund 65.000 Bewegungskurse und rund 40.000 Kurse für Stress- und Ressourcenmanagement. Jährlich verzeichnen diese Angebote gut 1,9 Mio. Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Auf politischer Ebene kündigte das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) an, nach Beratungen mit Verbänden und Akteuren Anfang 2027 einen Entwurf für ein weiterentwickeltes Präventionsgesetz vorlegen.

Bei einem parlamentarischen Abend in Berlin, organisiert vom Digitalwerk der AOK Baden-Württemberg und dem Bosch Health Campus, diskutierten Vertreter aus Politik, Verbänden und Kassen über notwendige Reformen. Deutschland investiert jährlich rund 500 Mrd. Euro in das Gesundheitssystem, liegt bei den gesunden Lebensjahren jedoch unter dem europäischen Schnitt.

Der Bosch Health Campus plädiert dafür, „mehr gesunde Lebensjahre für alle“ als Ziel festzuschreiben, gestützt auf Gesundheitskompetenz, Digitalisierung, wohnortnahe Angebote und eine ergebnisorientierte Finanzierung.

Das Land Bayern richtet am 12.10.2026 den Bayerischen Präventionstag aus; der dortige Masterplan Prävention umfasst 10 strukturelle sowie 10 gesundheitliche Ziele und über 250 Vorhaben.

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