Das RÀtsel um die KreidezÀhne
10.11.2024 - 06:00:36VerfĂ€rbungen und poröse ZĂ€hne - die Diagnose KreidezĂ€hne ist fĂŒr Eltern und Kinder eine Schreckensnachricht. In der kommenden Woche findet zu dem Thema ein Kongress von Fachleuten in Berlin statt. Was aber weiĂ die Wissenschaft schon dazu? Antworten auf die wichtigsten Fragen:Â
Wie sehen KreidezĂ€hne aus?Â
Die ZĂ€hne haben weiĂe, gelbliche oder braune Flecken. Es können nur TeilflĂ€chen aber auch die gesamte Zahnkrone verfĂ€rbt sein, sagt die PrĂ€sidentin der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Kinderzahnmedizin (DGKiZ), Katrin Bekes. Klassischerweise sind ein bis vier der ersten bleibenden BackenzĂ€hne betroffen, also derjenigen, die im Alter von etwa sechs Jahren durchbrechen. Teilweise kommen KreidezĂ€hne auch zusĂ€tzlich bei SchneidezĂ€hnen (Inzisiven) vor. Fachleute sprechen von einer Molaren Inzisiven Hypomineralisation oder MIH. Der Zahnschmelz hat an manchen Stellen weniger Minerale als gewöhnlich.
Je nach Schweregrad kann es sein, dass schon bald nach dem Durchbruch des Zahns durch das Kauen der weniger mineralisierte Zahnschmelz verloren geht. Kleine VerfĂ€rbungen fielen eher nicht auf, gröĂere könne man auch als Laie sehen, sagt Bekes. Innerhalb der VerfĂ€rbungen könne es zum Zusammenbröseln kommen. «Man muss sich das aber nicht so vorstellen, dass ein Kind in eine Möhre beiĂt und der halbe Zahn fĂ€llt raus.»Â
Ein weiteres Symptom sei die Ăberempfindlichkeit der betroffenen ZĂ€hne auf WĂ€rme oder KĂ€lte, chemische oder mechanische Reize. Insbesondere wenn sowohl SchmelzeinbrĂŒche als auch Ăberempfindlichkeit auftreten, können das ZĂ€hneputzen und Kauen schmerzhaft sein.Â
Wie belastend ist die Situation fĂŒr Kinder und Eltern?
Das hĂ€ngt sehr stark von der Schwere des Befalls ab. Eine kleine VerfĂ€rbung im Zahnschmelz bei einem ersten bleibenden Backenzahn werde meist kaum bemerkt, sagt Bekes. «HĂ€ufig handelt es sich um einen Zufallsbefund.» Bei schweren FĂ€llen, wenn etwa ein Teil der Zahnkrone fehle, könne es aber sein, dass Kinder schlechter kauen können. Gleichzeitig seien Schmerzen möglich. Wichtig seien eine frĂŒhe Diagnose und entsprechende TherapiemaĂnahmen, «um den Kindern die Aufnahme von Nahrungsmitteln ohne EinschrĂ€nkungen zu ermöglichen», so die DGKiZ-PrĂ€sidentin.Â
Wie sieht eine Therapie aus?
Betroffene Kinder sollten regelmĂ€Ăig zur ZahnĂ€rztin oder zum Zahnarzt gehen, sagte Bekes. Eine professionelle zahnĂ€rztliche Betreuung sowie eine gute Mundhygiene seien unerlĂ€sslich. Um Karies vorzubeugen, werde zweimal tĂ€gliches ZĂ€hneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta empfohlen. «Studien belegen, dass Kinder mit KreidezĂ€hnen ein höheres Risiko haben, Karies zu bekommen.»
ErgĂ€nzend könne zuhause auch eine Paste genutzt werden, die mit Kalzium und Phosphat die Mineralisierung unterstĂŒtzt. «Wenn lediglich eine milde Form in Form eines kleinen weiĂen Flecks auf dem Backenzahn diagnostiziert wurde, der nicht eingebrochen ist, und das Kind keine Schmerzen hat, dann bleibt es bei den regelmĂ€Ăigen Untersuchungen und den ProphylaxemaĂnahmen», so die Expertin.Â
Sobald die Stelle einbrösele, mĂŒsse man sich das genauer anschauen. «Je gröĂer der Einbruch ist, desto mehr Probleme kann dies verursachen. Hier muss schnell gehandelt und die betroffene Stelle mit einer FĂŒllung versorgt werden», sagt die DGKiZ-PrĂ€sidentin. Manchmal könnten bei schwereren Formen auch konfektionierte Kinderkronen Therapiemittel sein. In sehr schweren FĂ€llen könne auch ein Ziehen des Zahns mit nachfolgender kieferorthopĂ€discher Behandlung in Betracht gezogen werden mĂŒssen. Dies sei aber nur in AusnahmefĂ€llen nötig. Internationale Daten zeigen, dass viele der betroffenen Kinder eine milde Form der MIH aufweisen.Â
Wie viele Kinder sind betroffen?Â
Weltweit sind laut der Ăbersichtsstudie «Global burden of molar incisor hypomineralization» von 2018, an der auch Bekes beteiligt war, schĂ€tzungsweise 13 bis 14 Prozent der Kinder betroffen. DafĂŒr wurde 99 Studien mit mehr als 113.000 Teilnehmern aus 43 LĂ€ndern ausgewertet.Â
Die 5. Deutsche Mundgesundheitsstudie von 2016 hatte dagegen eine deutlich höhere Zahl ergeben. Damals hieĂ es, dass 28,7 Prozent der ZwölfjĂ€hrigen mindestens einen hypomineralisierten Zahn mit einer MIH haben. Warum die Zahlen so hoch waren, wisse man nicht, sagt die DGKiZ-PrĂ€sidentin. Mit Spannung wĂŒrden die neuen Daten aus der 6. Mundgesundheitsstudie Anfang nĂ€chsten Jahres erwartet.Â
Was ist die Ursache von KreidezÀhnen?
Die Ursache sei nicht abschlieĂend geklĂ€rt, sagt Bekes. Es gebe mit groĂer Sicherheit mehrere Faktoren. Da die Mineralisierung der betrachteten ZĂ€hne um die Geburt und in der frĂŒhen Kindheitsphase geschehe, schaue die Forschung besonders auf diesen Zeitraum. In den Fokus geraten seien etwa Probleme im letzten Monat der Schwangerschaft, FrĂŒhgeburten, Kinderkrankheiten wie Bronchitis, Lungen- oder MittelohrentzĂŒndungen oder Antibiotikagaben. Die betroffenen ZĂ€hne kommen meist erst um das sechste Lebensjahr oder spĂ€ter, und erst dann kann die Diagnose gestellt werden - dies erschwere die Ursachenforschung, sagt Bekes.Â
Seit wann tritt das PhÀnomen auf?
Den Begriff der Molaren Inzisiven Hypermineralisation (MIH) gibt es offiziell seit 23 Jahren. Das PhĂ€nomen wurde 2001 definiert und die Hauptmerkmale wurden herausgearbeitet. TatsĂ€chlich gebe es jedoch bereits aus den 80er Jahren eine Publikation, die entsprechende Symptome bei Kindern in Schweden beschreibe, sagt Bekes. In den vergangenen Jahren sei das Krankheitsbild immer mehr ins Bewusstsein gerĂŒckt.









