QualitÀt und Kilometer: Was bringt der Klinik-Atlas?
13.09.2023 - 17:33:19Patientinnen und Patienten sollen Leistungen und BehandlungsqualitÀt der KrankenhÀuser in Deutschland bald mit einem staatlichen Online-Atlas vergleichen können. Das sehen PlÀne von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vor, die das Bundeskabinett auf den Weg brachte.
Das «Transparenzverzeichnis» soll im April 2024 starten und als interaktives Portal verstĂ€ndlich ĂŒber das jeweilige Angebot an bundesweit rund 1700 Klinikstandorten informieren. Aus den LĂ€ndern und der Branche kam Kritik. Das Gesetz soll eine grundlegende Neuaufstellung der Kliniken mit Ănderungen bei der Finanzierung ergĂ€nzen, an der Bund und LĂ€nder gemeinsam arbeiten.
Lauterbach: VersorgungsqualitÀt ausbaufÀhig
Lauterbach sagte in Berlin: «Mehr Transparenz ist ĂŒberfĂ€llig und hilft KrankenhĂ€usern wie Patienten gleichermaĂen.» Ărzte wĂŒrden immer wieder gefragt: «Welches Krankenhaus ist wie gut fĂŒr was?» Ăberall in Deutschland leisteten PflegekrĂ€fte, Ărztinnen und Ărzte fantastische Arbeit. Trotzdem könne nicht jeder alles. «Wir haben noch immer die Situation, dass es OberĂ€rzte gibt, die am Montag eine Knie-Operation durchfĂŒhren und am nĂ€chsten Tag eine Darm-Operation.» Das sei natĂŒrlich nicht eine VersorgungsqualitĂ€t, die man sich wĂŒnsche.
Dabei muss es in akuten NotfĂ€llen meist möglichst schnell ins nĂ€chste geeignete Krankenhaus gehen. Eine bessere Orientierung bieten soll der Klinik-Atlas zum Durchklicken aber bei planbaren Behandlungen, fĂŒr die man auch einige Kilometer mehr zu einer Klinik fahren kann.
Das Verzeichnis: Konkret soll das Portal anzeigen, ob ein Krankenhaus eine Leistung anbietet - und zwar auch mit einer Fachabteilung. Im Entwurf vorgesehen sind 65 solcher Leistungsgruppen, die medizinische Angebote nĂ€her bezeichnen - etwa Infektiologie, Augenheilkunde, Urologie oder Intensivmedizin. So könne man etwa sehen, ob eine Krebs-OP in der allgemeinen Chirurgie oder einer spezialisierteren Krebschirurgie gemacht wĂŒrde, sagte Lauterbach. VerstĂ€ndlich abrufbar sein sollen auch Daten zur Behandlungserfahrung (Fallzahlen), zum PersonalschlĂŒssel bei FachĂ€rztinnen, FachĂ€rzten und PflegekrĂ€ften sowie zu Komplikationsraten bei ausgewĂ€hlten Eingriffen.
Die Daten: Die Kliniken sollen weitere Daten etwa zu Personalzahlen melden. Ăber zwei Institute sollen diese mit anderen QualitĂ€tsdaten zusammengefĂŒhrt, aufbereitet und auch aktualisiert werden. Lauterbach betonte, dass es um tiefergehende Infos als bei bestehenden Angeboten gehe. Auch die Verbraucherzentralen dringen auf mehr Transparenz. Der Gesundheitsexperte des Bundesverbands, Thomas Moormann, sagte, es gebe «einen Flickenteppich» unterschiedlichster Suchportale. Man könne aber nicht sehen, wie erfolgreich Behandlungen einer Klinik bei konkreten Problemen sind. Damit ein gut gemachtes Verzeichnis einen Mehrwert habe, mĂŒsse aber auch die tatsĂ€chliche ErgebnisqualitĂ€t der Behandlung bei Patienten erfragt und darin abgebildet werden.
Expertise und Entfernung: Lauterbach machte klar, dass ein genauerer Blick auf die BehandlungsqualitĂ€t im dichten Kliniknetz nicht gleich zu viel lĂ€ngeren Wegen fĂŒhren muss. Er verwies auf die Analyse einer Regierungskommission, wonach jĂ€hrlich knapp 5000 Menschen mehr im ersten Jahr nach einem Schlaganfall ĂŒberleben könnten - wenn alle Patienten nur in Kliniken mit Spezialabteilungen (Stroke Unit) kĂ€men. Die durchschnittliche Anfahrtszeit wĂŒrde sich bei einer Konzentration auf die Spezialstandorte um zwei Minuten auf 23,4 Minuten verlĂ€ngern.
Warnungen: Von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) kam Protest gegen eine Einordnung der Kliniken nach Stufen («Level») - von der wohnortnahen Grundversorgung bis zu Maximalversorgern wie Uni-Kliniken. Basis sollen die 65 Leistungsgruppen sein. Habe eine Klinik wenige davon, aber viel Erfahrung in bestimmten Behandlungen, werde sie einem niedrigen «Level» zugeordnet, monierte die DKG - und die Botschaft fĂŒr Patienten wĂ€re, besser in eine Klinik mit höherem «Level» zu gehen, obwohl die QualitĂ€t hervorragend wĂ€re. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz nannte es richtig, auch die HĂ€ufigkeit von Komplikationen anzuzeigen. Es gelte aber zu verhindern, dass jĂŒngere, erfolgversprechende Patienten bevorzugt behandelt werden. Das wĂ€re Diskriminierung Ălterer, chronisch Kranker und PflegebedĂŒrftiger.
Die Rolle der LĂ€nder: Um das Vorhaben hatte es im Ringen um die geplante generelle Neuaufstellung der Kliniken schon Wirbel gegeben. Die LĂ€nder bremsten eine stĂ€rker steuernde Funktion der «Level» in dieser Reform aus und pochen auf ihre Planungshoheit. Der Bund macht das Transparenzgesetz daher in Eigenregie - und im Bundesrat ist es nicht zustimmungspflichtig, wie Lauterbach gleich dazusagte. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) warnte vor Verunsicherung und einer GefĂ€hrdung fĂŒr die Akzeptanz insbesondere kleinerer HĂ€user. AuĂerdem drohe auch eine Ăberlastung gröĂerer Spezialkliniken durch leichte FĂ€lle. Der Vorsitzende der LĂ€nder-Ressortchefs, Manne Lucha (GrĂŒne) aus Baden-WĂŒrttemberg, warnte vor weiterem BĂŒrokratieaufwand.
Die Zukunft der Kliniken: Lauterbach lieĂ erkennen, dass er dennoch auf die weitere gemeinsame Arbeit mit den LĂ€ndern an der eigentlichen Krankenhausreform baut. Dazu soll ein Gesetzentwurf kommen. Der Kern ist, die VergĂŒtung mit Pauschalen fĂŒr BehandlungsfĂ€lle zu Ă€ndern, um Kliniken von Finanzdruck zu immer mehr FĂ€llen zu lösen. Stattdessen sollen sie einen groĂen Anteil der VergĂŒtung allein schon fĂŒr das Vorhalten von Angeboten bekommen. Das sichere auch kleine HĂ€user, betonte Lauterbach. Und nicht vertretbar wĂ€re es zu sagen: Damit eine Klinik auf jeden Fall ĂŒberlebe, mĂŒsse es intransparent bleiben, um weiterhin auch schlechte QualitĂ€t abrechnen zu können.





