Winterblutdruck: Studie misst 145 statt 136 mmHg und 41 Prozent mehr Sterberisiko
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 06:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deMedizinische Fachleute weisen verstärkt auf saisonale Blutdruckschwankungen während der kalten Jahreszeit hin. Statt an starren Dosierungen festzuhalten, betonen Experten die Notwendigkeit, blutdrucksenkende Therapien im Winter bei Bedarf individuell und in Absprache mit behandelnden Ärzten anzupassen.
Gefäßreaktionen und kardiovaskuläre Risiken bei Kälte
Sinkende Temperaturen wirken sich unmittelbar auf den menschlichen Organismus aus. Bei Kälte verengen sich die Blutgefäße, wodurch der periphere Widerstand steigt und der Blutdruck zunehmen kann. Nach Angaben der Deutschen Hochdruckliga stellt Kälte einen erheblichen Stressfaktor dar.
Entsprechend werden die höchsten mittleren Blutdruckwerte im Winter und die niedrigsten im Sommer gemessen. Die European Society of Hypertension stellt fest, dass dieser saisonale Blutdruckanstieg weltweit bei Männern und Frauen jeden Alters sowie bei Personen mit und ohne Hypertonie zu beobachten ist.
Wissenschaftliche Untersuchungen untermauern die klinische Relevanz dieses Phänomens. Eine im European Heart Journal veröffentlichte Studie mit rund 23.000 Menschen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems in China ermittelte im Winter einen durchschnittlichen systolischen Blutdruck von 145 mmHg gegenüber 136 mmHg im Sommer.
Pro 10 °C Temperaturabfall über 5 °C lag der systolische Druck um etwa 6,2 mmHg höher. Zudem war das kardiovaskuläre Sterberisiko im Winter um 41 % höher als im Sommer. Eine schwedische Untersuchung mit über 274.000 Herzinfarkten im Fachjournal JAMA Cardiology zeigte parallel dazu, dass pro 7,4 °C Temperaturanstieg das Herzinfarktrisiko um 2,8 % sank.
Ciro Indolfi, Kardiologie-Professor an der Humanitas Universität Mailand und Präsident der Fondazione Cuore e Circolazione Sic, erklärt, dass bei vorerkrankten Personen der kältebedingte Blutdruckanstieg in Kombination mit einer gesteigerten Herzarbeit Beschwerden wie Angina Pectoris, Infarkte sowie Schlaganfälle begünstigen kann.
Als besonders gefährdet gelten ältere Personen, Patienten nach einem Infarkt oder Schlaganfall, Koronarkranke, Diabetiker, Personen mit Fettstoffwechselstörungen sowie Patienten mit unzureichend eingestelltem Bluthochdruck. Laut Berichten nehmen Herzinfarkte und Schlaganfälle jährlich von Dezember bis Januar zu.
Einfluss von Lebensstil und Temperaturwechseln
Neben den rein physikalischen Reizen spielen Verhaltensänderungen im Winter eine Rolle. Dr. Anurag Agrawal, Senior Consultant für Innere Medizin am Fortis Hospital Faridabad, verweist darauf, dass neben der Gefäßverengung auch ein Rückgang der körperlichen Aktivität, hormonelle Veränderungen sowie eine Ernährung mit mehr salzigen, frittierten und kalorienreichen Speisen zum Blutdruckanstieg beitragen können.
Der Mediziner Michail Gawrikin ergänzt, dass bei Kälte das sympathische Nervensystem den Gefäßtonus und die Herzfrequenz steigert, was sich in Studien mit 24-Stunden-Monitoring nachweisen lasse.
Zusätzliche Gefahren entstehen durch abrupte Temperaturunterschiede innerhalb von Gebäuden, etwa zwischen warmen Wohnräumen und ungeheizten Fluren, Bädern oder beim Verlassen des Betts. Als riskant gelten zudem der plötzliche Wechsel ins Freie, Sport in kalter Morgenluft sowie der nächtliche Gang in kalte Räume.
Die Japanische Hochdruckgesellschaft veröffentlichte im Oktober 2026 eine Leitlinie unter dem Titel „Praxisleitfaden zur saisonalen Blutdruckkontrolle – 10 Empfehlungen“. Darin wird eine Raumtemperatur von mindestens 18 °C im Winter angeraten, insbesondere für Senioren. Weitere Empfehlungen umfassen das Heizen beim Erwachen, das Vorwärmen von Bädern und das Tragen von Socken.
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Präzise Messung und Vorsicht bei Medikamenten
Für eine verlässliche Beurteilung gelten nach der japanischen Leitlinie Grenzwerte von mindestens 140/90 mmHg in der ärztlichen Praxis und mindestens 135/85 mmHg bei der Heimmessung.
Fachleute empfehlen, mindestens fünf Minuten in einem normal temperierten Raum zur Ruhe zu kommen, die Manschette auf dem nackten Oberarm auf Herzhöhe anzulegen und 30 Minuten vor der Messung auf Kaffee und Nikotin zu verzichten.
Gemessen werden sollte morgens innerhalb einer Stunde nach dem Aufstehen sowie abends vor dem Schlafen, jeweils nach ein bis zwei Minuten Sitzen mit zwei Messungen im Abstand von etwa einer Minute, deren Mittelwert dokumentiert wird.
Liegen die Werte an zwei bis drei Tagen deutlich über dem üblichen Niveau, sollten Patienten keinesfalls eigenmächtig die Dosis ändern, Medikamente absetzen oder Präparate zusätzlich einnehmen. Anpassungen dürfen ausschließlich nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen.
Gewarnt wird zudem vor einer überhasteten oder zu starken Absenkung, da bei manchen Menschen durch verändertes Trink- und Schwitzverhalten der Blutdruck zu stark fallen kann. Mögliche Folgen sind orthostatische Hypotonie mit einem Abfall um mindestens 20 mmHg systolisch oder mindestens 10 mmHg diastolisch beim Aufstehen, nächtlicher Tiefdruck und Stürze.
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Sublinguales Nifedipin gilt hierbei als veraltet, und Retardtabletten dürfen nicht geteilt werden. Auf Wechselwirkungen mit Wirkstoffen wie Pseudoephedrin in Erkältungspräparaten, Diuretika, ACE-Hemmern, Calciumkanalblockern sowie Grapefruit ist gesondert zu achten.
Präventive Maßnahmen im Alltag
Zur Vorbeugung wird angeraten, plötzliche körperliche Extrembelastungen wie Schneeschaufeln zu vermeiden und Sport eher in die milderen Mittagsstunden zu verlegen. Zudem sollte Alkohol nicht zum vermeintlichen Aufwärmen genutzt werden. Beim Aufstehen empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen: zunächst liegen bleiben, eine halbe Minute sitzen, die Beine hängen lassen und erst dann aufstehen.
Bei der Ernährung empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation eine Begrenzung der Salzaufnahme auf unter 5 Gramm pro Tag. Laut einer Erhebung des Indian Council of Medical Research (ICMR) nehmen indische Erwachsene im Schnitt etwa 8 Gramm täglich zu sich, aufgeteilt in 8,9 Gramm bei Männern und 7,1 Gramm bei Frauen.
Ernährungsberaterin Zhang Xinfang verweist mit Bezug auf die japanische Konsensus-Leitlinie darauf, dass verarbeitete Lebensmittel, Sojasaucen und Brühen erhebliche Natriummengen enthalten.
Treten Warnzeichen wie Brustschmerz, Atemnot, Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen, Verwirrtheit, plötzlich einsetzende starke Kopfschmerzen, kalter Schweiß, ein hängender Mundwinkel oder Armschwäche auf, muss umgehend der Notruf 112 gewählt werden. Bei Werten von 180/120 mmHg oder höher ohne Symptome sollte nach mehreren Minuten Ruhe erneut gemessen und bei Fortbestehen noch am selben Tag ein Arzt konsultiert werden.
