Wohnen im Alter: Nur 5,1% der über 75-Jährigen wechseln Wohnung
25.05.2026 - 12:16:32 | boerse-global.deMit einer neuen Strategie für 2026 will Winterthur den Spagat zwischen selbstbestimmtem Wohnen und knappem barrierefreiem Wohnraum meistern.
Wohnberatung als zentrale Anlaufstelle
Im April 2026 veröffentlichte die Stadt Winterthur ihre „Altersstrategie 2026" – ein neues Rahmenwerk, das die bisherige, über zehn Jahre alte Planung ablöst. Herzstück ist die Wohnberatung an der Gärtnerstrasse. Diese städtische Einrichtung bietet neutrale und kostenlose Beratung zu allen Fragen des Wohnens im Alter.
Das Angebot umfasst Hilfestellungen bei der barrierefreien Anpassung bestehender Wohnungen, die Suche nach betreuten Wohnformen und die komplexe Finanzierung von Pflegeleistungen. Zudem fungiert die Beratungsstelle als offizielle Anmeldestelle für die fünf städtischen Alterszentren und das Pflegeheim St. Urban.
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Doch die Strategie benennt ein klares Problem: Die Bekanntheit der Wohnberatung ist unzureichend. Dabei leben rund 19.000 Einwohner über 65 Jahre in Winterthur – und die Stadt will sicherstellen, dass die Beratungsstelle zur ersten Adresse für alle wird.
Finanzielle Hürden und soziale Beratung
Ein zentrales Thema bleibt die finanzielle Sicherheit beim Wohnen. Aktuell sind etwa 13 Prozent der zu Hause lebenden Senioren in Winterthur auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Die Wohnberatung hilft dabei, Ansprüche nach dem Pflegegesetz geltend zu machen und die nötige Unterstützung zu sichern.
Ergänzend bietet Pro Senectute Kanton Zürich an der Lagerhausstrasse eine „Sozialberatung 60+“ an. Der Fokus liegt hier auf rechtlicher Beratung und persönlicher Finanzplanung rund um den Wohnungswechsel.
Innovative Wohnmodelle als Zukunftsbausteine
Winterthur hat sich zu einem Labor für alternative Wohnformen entwickelt. Besonders hervorzuheben sind zwei Projekte:
Die „Giesserei“ in Neuhegi ist ein selbstverwaltetes Mehrgenerationenhaus, das auf gegenseitige Hilfe setzt. Die Genossenschaft „Zusammen_h_alt“ wiederum bietet gemeinschaftliches Wohnen für die zweite Lebenshälfte.
Ein Vorzeigeprojekt ist das „TownVillage“ im Stadtteil Neuhegi. Hier sind etwa die Hälfte der 58 Wohnungen für Menschen über 60 reserviert. Eine integrierte Spitex-Station und ein Tageszentrum ermöglichen professionelle Pflege ohne den gewohnten sozialen Kreis verlassen zu müssen.
Forschung zeigt große Lücken
Die Dringlichkeit neuer Konzepte untermauert eine Studie der Hochschule Luzern vom Februar 2025. Im Auftrag des Bundesamts für Wohnungswesen (BWO) untersuchten die Forscher das Umzugsverhalten Älterer. Das Ergebnis: Nur 5,1 Prozent der über 75-Jährigen wechselten 2022 ihre Wohnsituation.
Die Gründe sind vielfältig:
- Über 60 Prozent der über 66-Jährigen leben in Wohnungen ohne moderne Barrierefreiheit
- Emotionale Bindungen an große Familienwohnungen
- Der finanzielle „Lock-in-Effekt“: Ein Umzug in eine kleinere, moderne Wohnung wäre oft teurer
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Eine weitere Studie der ZHAW Winterthur vom Mai 2025 zeigt: 30 Prozent der „Best Agers“ zwischen 45 und 79 Jahren würden nach dem Auszug der Kinder gerne verkleinern – finden aber keine passenden Angebote. Besonders fehlen digitale Plattformen und Mehrgenerationenprojekte.
Demografischer Druck wächst
Die Herausforderungen werden sich verschärfen. Bis 2040 soll die Zahl der über 65-Jährigen in Winterthur von heute 19.000 auf rund 28.000 steigen. Schweizweit prognostizieren die Immobilienberater Wüest Partner einen Bedarf von 393.000 zusätzlichen altersgerechten Wohnungen bis 2040.
Die Stadt reagiert mit einem „Masterplan Pflegeversorgung“. Das Prinzip: „ambulant vor stationär“. Häusliche Unterstützung und betreute Wohnformen haben Vorrang vor klassischen Pflegeheimen.
Lebenswerte Stadt für alle Generationen
Die Altersstrategie 2026 geht über reine Wohnungsfragen hinaus. Geplant sind Maßnahmen wie die Kennzeichnung wichtiger Fußwege für Senioren, mehr schattige Sitzgelegenheiten und die Etablierung von Bibliotheken als Nachbarschaftstreffpunkte.
Der Erfolg der neuen Strategie wird davon abhängen, ob es gelingt, technische Wohnberatung mit sozialer Unterstützung zu verzahnen. Ziel ist der Wechsel von reaktiver Krisenintervention zu proaktiver Planung. Die größten Hürden bleiben der Mangel an barrierefreiem Wohnraum und steigende Mietpreise – strukturelle Probleme, die nur durch enge Zusammenarbeit von Stadt, Genossenschaften und privaten Investoren zu lösen sind.
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