Wohnungslosigkeit: Rund drei Viertel der Betroffenen haben psychische Erkrankungen
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 13:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deFachpublikationen liefern fortlaufend neue Impulse für die Praxis der Sozialen Arbeit. Wie das Schweizer Fachportal sozialinfo.ch in einem Bericht vom 05.11.2026 darlegt, stehen Fachkräften zunehmend differenzierte Instrumente und Erkenntnisse zur Verfügung, um psychosoziale Belastungen fundiert zu adressieren.
Dazu zählt unter anderem ein Infoblatt der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, das Zusammenhänge zwischen Nährstoffen, Ernährungsgewohnheiten und der psychischen Gesundheit aufzeigt und sich gezielt an Fachpersonen im Sozialbereich richtet.
Früherkennung und Entlastung im kommunalen Raum
Neben ernährungsbezogenen Ansätzen gewinnen standardisierte Hilfsmittel zur Früherkennung an Bedeutung. Die Hochschule Luzern – Soziale Arbeit erprobt laut dem Bericht in einer Pilotphase ein Toolkit des nationalen Programms «connect!», das speziell zur Früherkennung von Einsamkeit im Alter konzipiert wurde.
Gleichzeitig verändern strukturelle Rahmenbedingungen die Wirksamkeit sozialarbeiterischer Unterstützung. In der Gemeinde Ostermundigen zeigte eine Untersuchung der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), welche Effekte eine Senkung der Falllasten entfalten kann.
Eine geringere Betreuungsdichte birgt demnach messbares Potenzial für finanzielle Einsparungen, eine verbesserte Erwerbsintegration sowie höhere Ablösequoten aus der Sozialhilfe.
Psychische Erkrankungen in der Arbeitsmarktintegration
Die Schnittstelle zwischen sozialer Unterstützung und seelischer Gesundheit prägt auch die Arbeitsvermittlung. Eine Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Rahmen des Projekts „Jobcenter und psychische Gesundheit von Menschen mit Fluchterfahrung“ ergab, dass knapp die Hälfte der Fach- und Führungskräfte bei einem bis zwei Fünfteln der betreuten Personen psychische Probleme vermutet.
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Wie frühere Auswertungen (IAB-Kurzbericht 3/2019 und IAB-Forschungsbericht 5/2025) verdeutlichen, leiden Geflüchtete häufiger unter Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen als der Bevölkerungsdurchschnitt.
Das IAB empfiehlt vor diesem Hintergrund vertieftes Wissen über Krankheitsbilder und mögliche Auslöser, flexible und an Einzelfälle angepasste Maßnahmen, professionelle Sprachmittlung sowie die Kooperation mit Maßnahmenträgern. Die Bundesagentur für Arbeit bietet hierfür bereits Weiterbildungen zu psychischer Gesundheit und interkultureller Kompetenz an.
Komplexe Bedarfe bei Wohnungslosigkeit
Besonders gravierend stellt sich die Situation in der Wohnungslosenhilfe dar. Nach Angaben von Stefan Gutwinski von der Charité Berlin weisen rund drei Viertel der Obdach- und Wohnungslosen eine psychische Erkrankung auf. Schwere psychiatrische Erkrankungen entstehen dabei meist vor dem Eintritt der Wohnungslosigkeit.
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Bei etwa 40 Prozent der Betroffenen treten Psychosen, Angst- oder Suchterkrankungen sowie Traumata hingegen erst nach längerem Leben auf der Straße auf. Zudem hat laut Studien rund ein Viertel der Wohnungslosen keinen Schulabschluss oder stammt aus Pflege- beziehungsweise Adoptionsfamilien.
Rechtliche Rahmenbedingungen der psychosozialen Versorgung
Die professionelle Verortung der Sozialen Arbeit innerhalb des Hilfesystems wirft zugleich strukturelle Fragen auf. Wie die Fachzeitschrift juridikum (Band 2026, Heft 3) berichtet, sind in Österreich mehr als zwei Millionen Menschen von psychischen Erkrankungen betroffen. Das psychosoziale Versorgungsnetz verteilt sich dort auf zahlreiche Berufe mit sehr unterschiedlicher rechtlicher Absicherung – von streng geregelten Gesundheitsberufen bis hin zur kaum geregelten Sozialen Arbeit.
Da der Gesetzgeber die Abgrenzung weitgehend dem wissenschaftlichen Diskurs überlässt, laufen formale Tätigkeitsvorbehalte in der Praxis vielfach leer, was die interdisziplinäre Zusammenarbeit vor zusätzliche Herausforderungen stellt.
