Zürichs, Robotik-Boom

Zürichs Robotik-Boom: ETH-Forschung macht die Stadt zum globalen KI-Knotenpunkt

Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 22:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
ETH-Teams entwickeln agile und biohybride Roboter, während Zürcher Ausgründungen autonome Industriemaschinen und spezialisierte Systeme vorantreiben.
Architektur der ETH Zürich bei Tageslicht, umgeben von gepflegten Grünflächen. Illustration mit AI erstellt.

Zürich entwickelt sich zunehmend zu einem führenden globalen Knotenpunkt für Robotik und physische künstliche Intelligenz. Während das Silicon Valley traditionell als Maßstab für Software-Innovationen gilt, gewinnt der Großraum Zürich in Analysen der Branche eine vergleichbare Bedeutung für Systeme, die digitale Intelligenz mit mechanischen Körpern verbinden. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch die Grundlagenforschung an den Hochschulen und eine wachsende Zahl spezialisierter Ausgründungen.

Grundlagenforschung zwischen Biohybrid-Systemen und agilen Greifern

Als zentraler Motor des Standorts fungiert die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich. Im dortigen Soft Robotics Lab unter der Leitung von Professor Robert Katzschmann entstehen neuartige Ansätze zur Fortbewegung und Manipulation.

Ein Team um den Doktoranden Amirhossein Kazemipour entwickelte eine rund 1,8 Pfund schwere, fünf-fingrige Roboterhand auf Basis von Hardware von Wuji Technology mit 20 angetriebenen Gelenken, Sensoren, Akku und einem Raspberry Pi. Mittels bestärkenden Lernens in physikbasierten Simulationen trainiert, bewegt sich die Hand eigenständig auf den Fingerspitzen fort.

In Tests richtete sich das System nach Stürzen in 21 von 25 Versuchen wieder auf und bediente eine Tastatur bei 29 von 32 Befehlen erfolgreich. Kazemipour verwies darauf, dass die unterschiedliche Beschaffenheit der einzelnen Finger eine kontinuierliche Synchronisation und Balancierung erfordere. Die Erprobung fand auf 14 verschiedenen Untergründen statt, darunter Gras, Kies, Beton und Teppich.

Ebenfalls am Katzschmann-Labor forschen Wissenschaftler wie Aiste Balciunaite und Mike Y. Michelis an biohybriden Robotern, deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht wurden. Die Konstruktionen verbinden laborgezüchtete Mausmuskeln mit Hydrogel-Gerüsten, die per Xolographie-3D-Druck in rund einer Minute hergestellt werden.

Die Aktuatoren messen etwa 1,5 Zentimeter. Eine springende Variante erreichte Sprunghöhen von circa fünf Millimetern, was einem Drittel der eigenen Körperlänge entspricht, während ein Laufroboter 6,2 Millimeter pro Sekunde erzielte. Dies gilt laut den Forschern als relativer Spitzenwert unter biohybriden Laufrobotern.

Die größte technische Herausforderung bleibt die Lebenserhaltung des Gewebes mittels Nährlösungen und Kreislaufsystemen, weshalb es sich derzeit um reine Demonstratoren im Labor handelt.

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Investitionen und Ausgründungen im industriellen Maßstab

Die akademischen Arbeiten münden regelmäßig in Unternehmensgründungen. Aus dem Katzschmann-Labor ging 2024 etwa Mimic Robotics hervor, das an Roboterhänden mit 21 Freiheitsgraden forscht, die in Kombination mit einem Arm auf 28 Freiheitsgrade kommen.

Im lokalen Umfeld agieren zudem Firmen wie Enact Intelligence unter der Leitung von Gründer Manuel Galliker, die auf Propriozeption und Kraftwahrnehmung mittels Sensoren, Aktuatoren, Demonstrationsdaten und KI-Modellen setzen, sowie Start-ups wie Flexion.

Auf industrieller Ebene sorgt das ETH-Spin-off Gravis Robotics für Aufmerksamkeit. Das Unternehmen entwickelt autonome Plattformen, um schwere Baumaschinen in autonome Einheiten für Bergbau, Landwirtschaft und Bauwirtschaft zu transformieren, und wird von Geldgebern wie Holcim, Zacua Ventures, Armada Investment Group und IQ Capital unterstützt.

Das Unternehmen war Gegenstand von Berichten über Übernahmeüberlegungen durch SoftBank, die Gravis mit mehr als 500 Millionen US-Dollar bewerten könnten, wobei die Bedingungen offen blieben.

Das Zürcher Ökosystem profitiert zudem von einem international erstarkten Finanzierungsumfeld. Laut PitchBook investierten Geldgeber im Jahr 2025 weltweit die Rekordsumme von 27,6 Milliarden US-Dollar über 1.009 Deals in Start-ups für Robotik und physische KI. Europäische Robotik-Jungunternehmen verzeichneten im selben Jahr Kapitalzuflüsse von 1,6 Milliarden Euro, was einem Zuwachs von 110 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach.

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Spezialisierung und modularer Ansatz

Zürich ist zudem Teil eines europäischen Trends zur arbeitsteiligen Entwicklung. Auf Fachkonferenzen wie der Nvidia GTC in Berlin präsentierten europäische Akteure modulare Konzepte, bei denen Kernkomponenten arbeitsteilig kombiniert werden – etwa Recheneinheiten aus Freiburg, Greifmechanik aus Zürich und Tragarme aus Odense.

Neben Manipulatoren entstehen am Standort spezialisierte Systeme: Das Vision for Robotics Lab (V4RL) der ETH forscht an bildbasierter Drohnenwahrnehmung, während Studierende der ETH und der Universität Zürich im Verein Aris den torpedoförmigen Unterwasserroboter «Polaris» bauten, um die Dicke von Eisflächen mittels Sonar und Sensoren von unten zu vermessen.

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