Iran, Demonstration

Mehrere Tote bei neuer Protestwelle im Iran

01.01.2026 - 19:33:58

Erneut gehen Menschenmassen im Iran gegen den Staatsapparat auf die Straße. Die SicherheitskrĂ€fte reagieren vor allem auf dem Land mit HĂ€rte.

Den fĂŒnften Tag in Folge sind Menschenmassen im Iran angesichts der schweren Wirtschaftskrise gegen die autoritĂ€re StaatsfĂŒhrung auf die Straße gegangen. WĂ€hrend Augenzeugen zufolge in den Metropolen SicherheitskrĂ€fte mit einem massiven Aufgebot einrĂŒckten, ging der Staat vor allem auf dem Land mit HĂ€rte gegen Demonstrationen vor. Mindestens sieben Menschen kamen bei den Protesten ums Leben. PrĂ€sident Massud Peseschkian suchte bei einem Provinzbesuch unterdessen den Dialog. 

Vor allem in den lĂ€ndlichen Regionen kam es seit Mittwochabend zu schweren ZusammenstĂ¶ĂŸen zwischen Demonstranten und SicherheitskrĂ€ften. Mindestens zwei Demonstranten wurden in Lordegan im zentralen SĂŒden getötet, wie die Menschenrechtsgruppe Hengaw berichtete. Auch die staatsnahe Nachrichtenagentur Fars meldete zwei Tote bei gewaltsamen ZusammenstĂ¶ĂŸen zwischen Protestteilnehmern und SicherheitskrĂ€ften in der Stadt. Bei einem mutmaßlichen Angriff auf eine Polizeiwache in der Provinz Lorestan seien drei Menschen getötet und 17 verletzt worden. Ein Mann sei außerdem in der Provinz Isfahan erschossen worden, berichteten Aktivisten.

Menschenrechtler widersprechen Bericht in Staatsmedien

In Kuhdascht in der westlichen Provinz Lorestan sei ein 21-jĂ€hriges Mitglied der paramilitĂ€rischen Basidsch-Einheiten ums Leben gekommen, berichtete der staatliche Rundfunk. Der Justizchef der Provinz kĂŒndigte an, die Verantwortlichen mit einer Politik der «Null-Toleranz» zur Rechenschaft zu ziehen. Die Menschenrechtsgruppe Hengaw wies diese staatliche Darstellung zurĂŒck. Bei dem jungen Mann handle es sich keineswegs um ein Mitglied der Basidsch, sondern um einen gewöhnlichen BĂŒrger, der durch SchĂŒsse von SicherheitskrĂ€ften getötet worden sei. 

Er sei aus nĂ€chster NĂ€he durch einen Kopfschuss getötet worden, berichteten die Aktivisten unter Berufung auf informierte Kreise. Die Informationen rund um den Tod des 21-JĂ€hrigen ließen sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig verifizieren.

Weitere schwere Ausschreitungen gab es nach Angaben von Aktivisten in den Provinzen Fars, Tschahar Mahal und Bachtiari sowie in Kermanschah. In der Stadt Marwdascht strömten Menschenmengen auf die Straßen, begleitet von Hupkonzerten, wĂ€hrend paramilitĂ€rische Einheiten mit gepanzerten Fahrzeugen und Motorradkolonnen gegen die Demonstrierenden vorgingen. Wie viele Menschen sich in dem Land mit gut 90 Millionen Einwohnern bislang an den Protesten beteiligen, ist unklar.

Wirtschaftskrise Auslöser der aktuellen Proteste

Ausgelöst wurden die aktuellen Kundgebungen durch einen plötzlichen Einbruch der Devisenkurse am vergangenen Sonntag. Spontan gingen vor allem HĂ€ndler in der Hauptstadt Teheran auf die Straße. Inzwischen erfassen die Proteste auch andere Landesteile und Bevölkerungsschichten. StudierendenverbĂ€nde, die bereits frĂŒhere Protestwellen mitgetragen hatten, riefen zu Demonstrationen auf. Die Unzufriedenheit im Land wĂ€chst seit Jahren, befeuert durch fehlende Perspektiven, wirtschaftliche Not, Klimakrise und politische Repression.

PrÀsident sucht den Dialog und rÀumt Fehler ein

PrĂ€sident Peseschkian warnte am Donnerstag bei einem Besuch in der Provinz Tschahar Mahal und Bachtiari vor politischer Spaltung und rĂ€umte Fehler seiner Regierung ein. Neben Wirtschaftsreformen kĂŒndigte er an, Subventionen fĂŒr Importeure zu streichen, die bislang von einem staatlich geförderten Wechselkurs profitiert hatten. Er betonte, der Gegenwert solle direkt an die Endverbraucher weitergegeben werden.

Mit ungewöhnlicher Offenheit erklĂ€rte der moderat-konservative Politiker, Staat und Banken trĂŒgen die Schuld an der hohen Inflation. Sie hĂ€tten die «Taschen der benachteiligten Menschen» geleert und deren Kaufkraft geschwĂ€cht. «Unser Platz in der Hölle ist, wenn wir die Probleme der Lebensgrundlage der Menschen nicht lösen», sagte der PrĂ€sident iranischen Medien zufolge.

@ dpa.de

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